Bilanz
Messstationen im Kanton: Ist unsere Luft wirklich so rein, wie sie sein muss?

Seit 30 Jahren muss der Kanton für saubere Luft im Solothurnischen sorgen. Er betreibt Messstationen und kontrolliert, wie viel Schadstoffe Industrie und Privatpersonen produzieren. AM Freitag zog er mit der Veröffentlichung eines Berichts Bilanz.

Noëlle Karpf
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Der Waggon beim Altwyberhüsli in Solothurn ist eine von fünf Stationen im Kanton, die die Qualität der Luft misst. Hier stellten gestern Vertreter von Kanton und Bund den Bericht «30 Jahre Luftreinhaltung» Medien- schaffenden vor.

Der Waggon beim Altwyberhüsli in Solothurn ist eine von fünf Stationen im Kanton, die die Qualität der Luft misst. Hier stellten gestern Vertreter von Kanton und Bund den Bericht «30 Jahre Luftreinhaltung» Medien- schaffenden vor.

Hansjörg Sahli

An wolkenfreien Tagen sehen Solothurner vom Jura aus bis zu den Alpen. «Das war nicht immer so», sagt Martin Schiess vom Bundesamt für Umwelt. Vor etwa dreissig Jahren sei die Sicht der Solothurner noch getrübt gewesen – nicht nur wegen dem Wetter, sondern auch wegen der damals noch dreckigeren Luft. «Heute ‹schnuufen› wir im Kanton sauberere Luft ein», pflichtet Regierungsrat Roland Fürst bei. Denn es gebe weniger «Drecksschleudern» wie Auspuffe von Diesel-Autos oder Kamine, aus denen schwarzer Rauch qualmt. Schiess und Fürst sprachen an der gestrigen Medienkonferenz zum Thema «30 Jahre Luftreinhaltung – eine Standortbestimmung». Dort stellte das Solothurner Amt für Umwelt einen fast 100-seitigen Bericht vor. Dieser zeigt auf, wie es um die Qualität der Luft im Kanton steht, wie sich diese in den letzten 30 Jahren verändert hat und warum.

Damals wurde die Luftreinhalte-Verordnung (LRV) eingeführt. Laut Markus Chastonay, Abteilungsleiter Luft und Lärm beim Amt für Umwelt, legt die LRV fest, wie viel Dreck in der Luft sein darf, und wie viele Schadstoffe beispielsweise aus dem Kamin eines Industriebetriebes freigesetzt werden dürfen. Gleichzeitig wurden die Kantone damit beauftragt, diese Regelungen umzusetzen.

Kanton kontrolliert die Luft

Der Kanton misst die Luftqualität mit fünf Messstationen. In Härkingen bei der A1, in Egerkingen, an der Station Brunnersberg, an der Werkhofstrasse in Solothurn, wo sich auch das Amt für Umwelt befindet, und beim Altwyberhüsli in Solothurn. Dort steht ein weisser Waggon – ähnlich eines Wohnmobils – von dessen Dach verschiedene Antennen in die Luft ragen. Sie alle messen unterschiedliche Schadstoffe: Feinstaub, Ammoniak, Ozon und Stickstoffdioxid. Im Innern des Waggons summt und brummt es: Verschiedene Geräte stehen in einem Regal, die die Auswertungen machen und elektronisch speichern. Markus Chastonay vom Amt für Umwelt stellte gestern die Ergebnisse der Messstation beim Altwyberhüsli vor. Dort wurde bis etwa 2010 auch der Schwefeldioxid-Gehalt in der Luft gemessen. Mittlerweile seien diese Werte aber so zurückgegangen, dass man damit aufgehört habe, so Chastonay. Das liege unter anderem auch daran, dass die Cellulose-Fabrik auf dem Attisholz-Areal in Luterbach 2008 ihren Betrieb einstellte.

Herkunft Stickstoffdioxid

Herkunft Stickstoffdioxid

AZ

Von den Kaminen der Fabrik gelangte Schwefeldioxid in die Luft und wurde bis zur Messstation in Solothurn getragen, welche damals noch einen viel höheren Schwefeldioxid-Gehalt in der Luft mass, als nach der Schliessung der Cellulose-Fabrik. Katalysatoren in Autos entschwefelter Treibstoff und Partikelfilter in Baumaschinen führen auch dazu, dass die Solothurner Station in den letzten 30 Jahren auch weniger andere Schadstoffe wie Stickstoffdioxid oder Feinstaub mass.

Luft ist noch nicht ganz sauber

Laut dem Bericht «30 Jahre Luftreinhaltung» ist die Luftqualität im Kanton heute «gut» bis «sehr gut». Aber: Bei Ozon, Ammoniak und Feinstaub gibt es noch Luft nach oben. Diese Schadstoffe überschreiten noch die Grenze, die mit der LRV festgelegt wurde. Dies kommt an stark befahrenen Strassen im Kanton vor – beispielsweise bei der Messstation bei der Autobahn A1 in Härkingen. An heissen Tagen kann es zudem zum Sommersmog kommen. Ozon ist nämlich kein alleiniger Schadstoff, sondern entsteht aus der Reaktion anderer Stoffen und Sonnenlicht. Gleichzeitig kommt es auch heute im Kanton Solothurn noch zum Wintersmog. Wenn sich die Luftschichten an kalten Tagen zu wenig vermischen, bleiben die Schadstoffe in der Luft festsitzen, was die Luft trübt und ebendiesen Smog hinterlässt. Trotz erfreulicher Ergebnisse könne sich der Kanton nicht ausruhen – die Luftreinhaltung werde auch in Zukunft noch Arbeit geben, so Chastonay (siehe unten).

Schadstoffe in der Luft

- Stickstoffdioxid (NO2)

Bei fast allen Messstationen im Kanton ist der Wert für Stickstoffdioxid in den letzten zwei Jahrzehnten zurückgegangen. Besonders stark war der Rückgang laut dem kantonalen Amt für Umwelt bis im Jahr 2000. Dies war vor allem die Folge verschärfter Abgasvorschriften.

Bei der Mehrzahl der Stationen liegen die Jahresmittel seit Ende der 1990er-Jahre unter dem Immissionsgrenzwert. «Ausnahmen bilden die Standorte Egerkingen und Härkingen, die beide grossem Lastwagenverkehr ausgesetzt sind.» An der Solothurner Werkhofstrasse sanken die Werte nach der Eröffnung der Autobahn A5 und dem Rückgang des Durchgangsverkehrs.

Stickstoffdioxid entsteht bei der Verbrennung fossiler Energieträger wie Gas, Kohle und Öl und findet sich somit auch in den Abgasen von Autos. Insbesondere entlang der Autobahnen ist die Belastung im Kanton hoch.

- Ozon (O3)

«150 und mehr Stunden pro Jahr mit Ozonkonzentrationen über dem Grenzwert sind die Regel», schreibt das Amt für Umwelt. «In den meisten Jahren ist der Grenzwert für die Monatswerte während 5 bis 8 Monaten nicht eingehalten.» Die Überschreitungen treten auf den Jurahöhen stärker auf. An der Autobahn ist die Belastung am geringesten, da dort «das an diesen Orten in höheren Konzentrationen vorkommende NO» Ozon abbaut.

Die Grenzwerte für das 1-Stunden-Mittel, das für die gesundheitlichen Auswirkungen von Interesse ist, wurden laut dem Amt für Umwelt «in allen Jahren massiv überschritten». Hier zeichne sich aber eine allmähliche Abnahme ab – bei starken jährlichen Schwankungen.

Da die Bildung von Ozon von Sonnenstrahlung beeinflusst wird, kann es während der heissen Monate zum sogenannten Sommersmog kommen.

- Feinstaub (PM10)

Laut dem Amt für Umwelt schwankt die Feinstaubkonzentration im Jahresmittelwert ziemlich stark. Einen Einfluss spielt das Wetter: Wenn sich im Winter, bei kalten Temperaturen, die Luftschichten nur schwach vermischen, bildet sich sogenannter Wintersmog. So steigt auch die Feinstaubbelastung, da die Schadstoffe in der Luft «hängen» bleiben. Der Wintersmog sorgte 2003 und 2006 für hohe Werte. Seit 2009 sind diese jedoch zurückgegangen. Seit 2012 wurde bei den Jahresmittelwerten keine Überschreitung des Grenzwertes gemessen.

Feinstaub entsteht bei Feuerungen in Industriegebieten oder auf Baustellen. Deshalb müssen Baumaschinen mit einem Partikelfilter ausgestattet sein. Feinstaub bildet sich auch aufgrund von Abgasen. Die Konzentration von PM10 ist deswegen entlang stark befahrener Strassen im Kanton am höchsten.

- Ammoniak (NH3)

Ammoniak schlägt sich in der Nähe von intensiv landwirtschaftliche genutzten Gebieten am deutlichsten in den Messresultaten nieder. Über die Jahre schwanken die Mittelwerte nur relativ wenig. «Da Ammoniak mit dem Regen ausgewaschen wird, spielt das Wetter eine grosse Rolle», so das Amt für Umwelt.

Im März und im November, wenn am meisten Gülle ausgebracht wird, sind die Werte am höchsten. Der tiefere Critical Level für Flechten und Moose «ist an keinem der Messstandorte im Kanton eingehalten», heisst es im Bericht. Der höhere Wert für höhere Pflanzen werde «dagegen nur in der Nähe intensiver Landwirtschaft überschritten».

Die Ammoniakimmissionen sind stark abhängig von der Entfernung zu Nutzierhaltungen und zu Orten, wo Gülle ausgetragen wird. (MGT/NKA/LFH)

Zusammenarbeit für reine Luft

Für saubere Luft ist zwar teilweise der Kanton selbst zuständig, aber nicht nur. In der ganzen Schweiz gilt seit 1983 das Umweltschutzgesetz, welches dem LRV zugrunde liegt. Laut Martin Schiess vom Bundesamt für Umwelt geht die Arbeit jedoch noch weiter: Die Schweiz übernimmt beispielsweise EU-Richtlinien, wenn es um Abgasvorschriften für Autos geht. Die Wirtschaftskommission für Europa hat zudem ein Übereinkommen mit Ländern des amerikanischen und asiatischen Raums, in welchem die Ziele zur Reduktion von Schadstoffen festgelegt sind. «Schliesslich atmen wir alle zusammen dieselbe Luft», so Schiess. «Und wenn durch saubere Luft schon nur die Aussicht besser wird, ist das auch schon eine Errungenschaft.»

Asthma und Atemwegprobleme nicht ausgeschlossen

Was einmal an Verunreinigungen in der Luft ist, bleibt nicht allein dort: Es dringt mit der Zeit auch unter den Boden, gelangt ins Wasser, in die Menschen, in Tiere und Pflanzen. Doch direkte Schäden sind beim Menschen heute selten nachzuweisen. «Häufiger und wichtiger sind bei uns die chronischen Schädigungen nach längerer Einwirkungszeit», schreibt das Amt für Umwelt (AfU) des Kantons Solothurn in seinem Bericht «30 Jahre Luftreinhaltung». Klar sei: «Die meisten Auswirkungen führen, direkt oder indirekt, zu wirtschaftlichen Einbussen oder zusätzlichen Kosten» – etwa höhere Gesundheitskosten oder Unterhaltskosten für Bauwerke.

Von den Folgen von zu hohen Luftbelastungen spüren die allermeisten Menschen direkt nichts, offensichtliche Schädigungen werden kaum beobachtet. «Die Folgen sind nur statistisch in einer grossen Bevölkerungsgruppe feststellbar», schreibt das AfU in seinem Bericht, hält aber auch fest: Es gibt keine umfassenden Studien für die aktuelle Situation im Kanton. Und die Zusammenhänge zwischen einzelnen Erkrankungen und den Verunreinigungen sind nicht ganz einfach nachzuweisen. Dennoch zweifelt der Bericht nicht, dass gewisse Stoffe in zu hoher Menge zu Schädigungen der menschlichen Gesundheit führen könnten. So können höhere Feinstaub- und Ozonbelastungen zu Atembeschwerden führen, Atemwegserkrankungen verstärken oder auch zu Herz- und Kreislaufkrankheiten führen. «Zu hohe Feinstaubimmissionen haben allgemein eine erhöhte Sterblichkeit zur Folge. Zahlreiche Studien belegen, das zwischen Störungen der Blutgerinnung, Bluthochdruck, Gefässverengungen, Herzinfarkt und Hirnschlag und der Feinstaubexposition ein Zusammenhang besteht.» Das individuelle Risiko sei zwar klein. Chronische Bronchitis, Asthmaanfälle sind weitere Folgen, die in Zusammenhang mit Luftverunreinigungen stehen. Insgesamt führten Verunreinigungen zu mehr Arztbesuchen oder einem höheren Medikamentenbedarf.

Nicht nur die Menschen sind betroffen. Gerade eine zu hohe Ozonbelastung wirke sich auf die Pflanzenwelt aus. «Durch die Wachstumsreduktion verringert sich der Ertrag von Waldbäumen und landwirtschaftlichen Kulturen. Bei den heutigen Ozonkonzentrationen liegt die Ertragseinbusse in der Grössenordnung von etwa zehn Prozent», nennt der Bericht nur eine der möglichen Folgen auf die Umwelt.

Und nicht zuletzt leiden auch Gebäude unter Verunreinigungen. Die Mauern altern schneller. Diese Schäden aber haben erfreulicherweise abgenommen, wie der Bericht festhält. (Lucien Fluri)

«Unsere Arbeit ist noch nicht getan»

Markus Chastonay, Leiter Abteilung Luft und Lärm des Kantons Solothurn, gibt Auskunft.

Markus Chastonay, das Amt für Umwelt zieht nach 30 Jahren Luftreinhaltung eine «erfreuliche» Bilanz – verschiedene Schadstoffe in der Luft haben abgenommen. Ist Ihre Arbeit jetzt getan?

Nein, unsere Arbeit ist noch nicht getan. Wir können immer noch besser werden. An der Luftreinhaltung muss man laufend dranbleiben – auch damit sich die Werte nicht verschlechtern. Zudem haben wir noch einige Handlungsschwerpunkte, an denen wir arbeiten müssen.

Wo liegen denn diese Handlungsschwerpunkte in den kommenden Jahren?

Es werden uns mehrere Bereiche beschäftigen. Einerseits beim Messen der Luftqualität im Bereich Feinstaub: Wir wollen die Stationen darauf umrüsten, dass sie die ganz kleinen Partikel in der Luft – sogenannte PM 2.5 – messen können. Die Station Altwyberhüsli in Solothurn verfügt bereits über ein solches Messgerät. Nun wollen wir auch noch die anderen vier Messstationen aufrüsten, damit wird den ganz kleinen, feinen Staub auch noch messen können.

Welche Arbeit kommt sonst noch auf den Kanton zu?

Ein anderer Schwerpunkt zur Luftreinhaltung liegt im Bereich Umsetzung: Wir werden nach wie vor Feuerungen in der Industrie kontrollieren und Emissionen stetig zu verringern versuchen. Wir wollen mit der Landwirtschaft das Thema Ammoniak angehen. Und so versuchen, Ammoniakausstösse zu reduzieren.

Wie genau tun Sie das?

Jetzt stehen wir in diesem Bereich noch am Anfang. Es gibt aber bereits laufende Programme: Beispielsweise das Abdecken von Güllelagern. Zusätzlich sind bauliche Massnahmen geplant. Wenn ein Stall neu gebaut wird, dann gleich so, dass weniger Emissionen entstehen. Das sind jetzt kleine Schritte. Aber mit diesen kleinen Schritten können wir am Schluss einen grossen Schritt vorwärtsmachen.

Wann sind diese Projekte abgeschlossen?

(schmunzelt) Das ist ein fortlaufender Prozess. Heute reden wir von 30 Jahren, in denen wir uns mit der Luftreinhaltung beschäftigt haben. Oft dauern diese Projekte länger, als man denkt. Wenn ich Ihnen jetzt sage, dass wir in fünf Jahren mit diesen Schwerpunkten fertig sind, dauert es wohl länger. Interview: Noëlle Karpf