Bildungsklub Solothurn

Menüs werden mehrmals gekocht – «denn Wiederholung verfestigt das Gelernte»

Der Bildungsklub Solothurn feiert heuer sein 30-Jahr-Jubiläum im Einsatz für beeinträchtige Menschen. Auch Kochkurse gehören ins Angebot.

In der Küche der Solothurner Kantonsschule geht es geschäftig zu und her. Gemüsemesser klappern, Käse wird über die Polenta verteilt, im Hintergrund das gleichmässige Surren eines Mixers.

Wir befinden uns mitten im Kochkurs «Gluschtiges aus dem Backofen» des Bildungsklubs der Pro Infirmis Aargau-Solothurn. An insgesamt 14 Mittwochabenden von August bis September zaubern Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen gemeinsam Leckeres auf den Tisch. Heute gibt es überbackene Polenta mit Blechgemüse, zum Dessert Marroni-Muffins, dazu Früchte mit Streuseln.

Die Kochteams sind eingespielt: In Gruppen von zwei oder drei Personen bereiten die insgesamt acht Köche ihren Teil des Menüs zu. Kursleiterin Katharina Zeller Esseiva und zwei Assistentinnen unterstützen sie dabei.

Seinen Senf dazugeben

Der Bildungsklub Solothurn feiert dieses Jahr sein dreissigjähriges Bestehen. Sein Angebot umfasst heuer fast 50 Erwachsenenbildungskurse zu Themen wie Alltagsbewältigung, Persönlichkeitsbildung, Lesen und Schreiben, Ausdruck und Kreativität, Umwelt und Gesellschaft, sowie Fremdsprachen und Informatik.

Sie sind primär ausgerichtet auf Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen oder Lernbehinderungen, doch auch Interessierte ohne Handicap sind herzlich willkommen. «Unser Ziel ist, Menschen mit Beeinträchtigung zu mehr Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Selbstständigkeit zu führen», sagt die Leiterin des Bildungsklubs Aargau-Solothurn Helga Willimann-Günther, die ebenfalls im Kochkurs anwesend ist.

Für sie sei es extrem wichtig, dass die Kursbesucher auch mitreden, was sie wie und wann lernen möchten und nicht ein fixfertiger Plan der Kursleitung verfolgt würde. «Die Kursleitung soll ein gewisses Grundlagenwissen vermitteln. Für alles Weitere nehmen wir die Wünsche und Anliegen der Kursbesucher auf.»

Bei der Dessertgruppe läuft es rund. Die Früchte mit Streuseln sind so schnell parat, dass genügend Zeit bleibt, um den Tisch zu decken, bevor der Nachtisch für einige Minuten in den Ofen kommt.

Auch das Hauptgericht wird bald bereit sein für den Ofen. Priska legt die geschnittenen Tomaten reihenweise auf der flachgestrichenen Polenta aus. «Das wird am Schluss so ähnlich wie eine Pizza. Weisst du, wir haben das schon mal gekocht», erklärt sie mir.

Denn die meisten Gerichte werden im Kurs mehrmals zubereitet. «Die Wiederholung verfestigt das Gelernte. So ist es später auch leichter, die Menüs im Alltag alleine nachzukochen», erläutert Willimann-Günther. Die Rezepte dürfen die Kursbesucher mit nach Hause nehmen. Sie sind bebildert und in einfacher Sprache geschrieben.

Gesellschaftliches Umdenken

Doch nicht für alle sei es gleich leicht, dann das Rezept auch wirklich selbst nachzukochen. «Manche der Kursbesucher leben in einer Institution und damit in einem vorgegebenen Rahmen», sagt Willimann-Günther. «Sie müssen sich teilweise ihre Wünsche richtiggehend erkämpfen». Zu viele beeinträchtige Menschen befänden sich auch heute noch in einem Abhängigkeitsverhältnis, findet sie.

Eigentlich sollte das nicht mehr so sein. 2014 ist in der Schweiz die UN-Konvention zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen in Kraft getreten. Die Konvention will eine vollständige Inklusion von beeinträchtigen Menschen erreichen. Das will heissen, dass alle Menschen an der Gesellschaft teilhaben können, unabhängig ob sie eine Behinderung haben oder nicht. Von heute auf morgen werde dies aber nicht erreicht sein, sagt Willimann-Günther. «Oder wäre es für sie total normal, im Büro neben einer kognitiv behinderten Person mit Zuckungen zu sitzen?»

Sinnbildlich blickt sie auf die 30-jährige Geschichte des Solothurner Bildungsklubs zurück. Drei Begriffe kann Willimann-Günther herausheben, um dessen Entwicklung und damit die sich verändernden gesellschaftlichen Werte zu veranschaulichen: Separation, Integration und Inklusion. «Anfangs wurden die beeinträchtigen Menschen von den ‹Normalen› getrennt und ihnen viele Kompetenzen abgesprochen».

Später wollte man diese Trennung aufheben und den beeinträchtigen Menschen ermöglichen, ein Teil der Gesellschaft zu sein, sie zu integrieren. «Und genau hier stehen wir heute: am Anfang der Inklusion». Denn von der blossen Bemühung, Menschen mit Behinderung zu vollständig anerkannten Mitgliedern unserer Gesellschaft zu machen, bis zur wirklichen Akzeptanz sei es ein weiter Weg. «Es braucht ein gesellschaftliches Umdenken, damit die Inklusion Wirklichkeit wird, damit Menschen mit und ohne Behinderung einschränkungslos nebeneinander und miteinander leben», sagt Willimann-Günther. «Wir müssen lernen, die bunte Vielfalt der Menschen als Bereicherung zu verstehen.»

Aus gewohntem Rahmen ausbrechen

«Nein ich will die Zwiebel nicht schneiden, mach du es lieber», sagt Priska bestimmt. Kursleiterin Zeller Esseiva mustert sie prüfend und muss lächeln, sie hat eine leise Ahnung. Priska lacht auch und sagt spitzbübisch: «Ich muss sonst immer weinen.» Zeller Esseivas Assistentinnen greifen den anderen Kochteams ebenfalls unter die Arme: Ein Ei aufschlagen dort, eine Schüssel abwaschen hier.

Dass die Kursleitung aus drei Personen besteht, ist kein Zufall. Sie wird für jeden Kurs neu zusammengesetzt. «Die Teilnehmer jedes Kurses sind verschieden und damit auch die Anforderungen an die Kursleitung», sagt Willimann-Günther.

Die Pro Infirmis versucht, eine möglichst breite Palette von Kursen anzubieten. Dazu gehören nicht nur solche, die speziell auf beeinträchtige Menschen ausgerichtet sind. Der Bildungsklub arbeitet eng mit den Volkshochschulen Solothurn und Grenchen zusammen. «Schafft jemand den Schritt vom Bildungsklub der Pro Infirmis zur Volkshochschule, dann ist das ein Erfolg für uns», sagt Willimann-Günther. Nicht nur, weil die beeinträchtige Person so viel Selbstständigkeit erlangt habe, sondern auch weil es ein Beitrag mehr zur Inklusion von behinderten Menschen sei.

Doch einfach alle an die Volkshochschule zu schicken, wäre auch nicht realistisch: «Überforderung bringt nichts, da kann man viel weniger aufnehmen.» Denn viele Kursbesucher fühlen sich wohler im geschützten Rahmen der Pro Infirmis-Kurse, in denen das Lernen ihrem eigenen Tempo angepasst ist. «Wir sprechen immer von Selbstbestimmung und Inklusion, obwohl wir nicht sicher wissen, ob die beeinträchtigten Menschen dies überhaupt wollen», sagt sie.

Doch Willimann-Günther sieht auch die andere Seite. Menschen mit Behinderung hätten nie etwas anderes gekannt, als anders behandelt zu werden: «Wir möchten sie an die Selbstständigkeit heranführen, damit sie überhaupt die Wahl haben.»

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