Psychische Gesundheit

Menschen mit Psychose können in Gesellschaft auf wenig Akzeptanz zählen

Podium: Von links Manfred Ryhn, Fabian Burkhalter, Stefan Armenti, Beat Nick, Jarno Bigler und Theodor Eckert.

Podium: Von links Manfred Ryhn, Fabian Burkhalter, Stefan Armenti, Beat Nick, Jarno Bigler und Theodor Eckert.

An einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Aktionstage psychische Gesundheit in Olten ging es um Menschen mit einer Psychose im Alltag. Worin liegt die Bereicherung, die Gefahr, die Herausforderung?

Der Einstieg zur Podiumsdiskussion war ein leiser, wenn auch einer, der dem gut 70-köpfigen Auditorium in Olten unmissverständlich vor Augen führte: Menschen mit einer Psychose können in der Gesellschaft auf wenig Akzeptanz zählen.

Wie das? Gesprächsleiter Beat Nick, leitender Arzt des Behandlungszentrums für Psychosen der soH AG, zitierte mehrere Umfrageergebnisse. Eines davon: Mehr als 70 Prozent der Befragten würden einen Partner, der an Schizophrenie leidet, nicht heiraten. Nick mochte dieses – wenn auch nicht repräsentative – Resultat zwar nicht kommentieren. Aber er vermochte mit der anschliessenden Frage, ob einer aus dem Podium in Kontakt stehe mit einem Psychosepatienten, den diskreten Zirkel zu öffnen.

Denn: Eine deutliche Mehrheit konnte solche Kontakte nennen, ob im Freundeskreis oder in der Familie. Erkenntnis: Psychosepatienten sind weit häufiger als «Otto Normalverbraucher» gemeinhin annimmt. Statistisch gesehen leidet einer von hundert Menschen zumindest einmal im Leben an Schizophrenie. Dieser durchaus markante Fakt – zumindest für Nicht-Insider – fand einmal und ganz am Rand der Veranstaltung Erwähnung.

Es fehlt an ambulanten Angeboten

Aber eben: die fehlende gesellschaftliche Akzeptanz. Genau diesen Umstand machte später Stefan Armenti, Vizepräsident der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde Region Solothurn für ein fehlendes ambulantes Angebot mitverantwortlich. Exakt dieses nämlich könnte die Zahl von nicht einvernehmlichen Klinikeinweisungen reduzieren. «Fürsorgerische Unterbringung» (FU) nennt sich Letzteres im Fachjargon.

Und diese FU macht doch immer wieder mal den Einsatz von Polizei und Ambulanz notwendig. «Das sind häufig nicht einfache Momente», meinte Manfred Ryhn, Chef Region Mitte bei der Kantonspolizei Solothurn. Manchmal lasse sich der Patient nicht überzeugen, sei ein bestimmter Druck notwendig, um ihn schliesslich transportfähig machen zu können. Dass da auch aus polizeilicher Sicht mal ein Fehler passiere, sei durchaus möglich. «Aber wir suchen die Konfrontation nicht», so Ryhn.

Schwierige Momente

Konfliktschwangere Aktionen also. Denn bei aller gemeinhin staatlich verordneten angezeigten Fürsorge: Aus dem Auditorium wurde auch das Momentum der Selbstbestimmung der Patienten hervorgehoben. Als Beispiel: «Damals litt ich unter Verfolgungswahn und ich nahm Polizisten und Sanitäter als fremde Mächte wahr, die mich – was weiss ich – nach Russland entführen wollten», erinnerte sich eine Frau im Saal, die sich seinerzeit wohl nicht ernst genommen fühlte.

Eine Bemerkung, die Fabian Burkhalter, Standortleiter Rettungsdienst und Alarmzentrale der soH AG herausforderte: «Es gilt der Grundsatz, dass alle Patienten vor Fahrtantritt erfahren, wohin der Transport führt.»

Dass auch psychisch Kranke nicht auf Beratung verzichten müssen, machte Jarno Bigler, Leiter der Beratungsstelle Pro Infirmis in Solothurn, klar. «Wir sind Anlaufstelle für alle Ratsuchenden», unterstrich er, «auch für psychisch Erkrankte.» Pro Infirmis leiste und vermittle Beratung sowie Unterstützung, die sich nach den Bedürfnissen der Betroffenen und ihrer Angehörigen richten würden.

Die Rolle der Medien

Hinterfragt wurde am Podium auch die Rolle der Medien, die nach Einschätzung Nicks nicht selten eher unbedarft mit der Thematik umgehen und (zu) wenig zu deren inhaltlicher und fachlicher Klärung beitragen würden.

Theodor Eckert, Chefredaktor der Solothurner Zeitung, erklärte, dass just in der Thematisierung von psychischen Erkrankungen beziehungsweise Erkrankten auch ein grosses Gefahrenpotenzial liege. «Uns werden hin und wieder Geschichten zugetragen, die sich bei genauerem Hinsehen als nicht stichhaltig erweisen oder bei der sich die Redaktorenteams fragen müssen, ob sich die involvierte Person nicht zu sehr exponiert», meinte er. «Wir müssen die Menschen manchmal auch vor sich selber schützen.»

Seiner Erfahrung nach aber würden Redaktorinnen und Redaktoren durchaus verantwortungsbewusst mit Informationen umgehen. Aber natürlich seien erklärende Formate durchaus erwünscht – und auch machbar.

Nach 90 Minuten fand das Podium sein Ende. Die plakative und als Frage formulierte Prämisse, ob Menschen mit Psychose im Alltag Bereicherung, Gefahr oder Herausforderung seien, blieb über weiter Strecken offen. Deren Klärung war letztlich auch nicht notwendig. Denn wie sagt der Volksmund doch: «Besser ist es, ein Licht anzuzünden, als auf die Dunkelheit zu schimpfen.» Die Aktionstage Psychische Gesundheit zünden ein Licht an.

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