Kandidatenduell
Meistert Marianne Meister den Polit-Altmeister Kurt Fluri?

Zieht Marianne Meister für die FDP in den Nationalrat ein, muss Kurt Fluri wohl über die Klinge springen. Im Kandidatenduell stellen wir die beiden gegenüber.

Urs Mathys
Drucken
Teilen
Bei den beiden Freisinnigen Marianne Meister (Messen) und Kurt Fluri (Solothurn) liegen die politischen Unterschiede in den wesentlichen Details.

Bei den beiden Freisinnigen Marianne Meister (Messen) und Kurt Fluri (Solothurn) liegen die politischen Unterschiede in den wesentlichen Details.

Hanspeter Bärtschi

Nein, weder die Handelskammer noch der Kantonale Gewerbeverband (KGV) empfehlen Nationalrat Kurt Fluri zur Wiederwahl. Dabei ist der Solothurner Stadtpräsident doch durch und durch bürgerlich. Immerhin: Die persönliche Stimme von KGV-Präsidentin Marianne Meister ist Fluri gewiss: «Natürlich empfehle ich Kurt zur Wiederwahl! Er ist unser wertvollster Politiker in Bern. Es wäre ein Riesenverlust, wenn er nicht mehr gewählt würde.»

KGV und Handelskammer würden halt ausschliesslich Verbandsmitglieder zur Wahl empfehlen, «alles ist sauber gelaufen», argumentiert Meister. Kurt Fluri nickt zustimmend. Die Komplimente nimmt er dankend entgegen und versichert Meister seinerseits seine Unterstützung ...

Die Sache mit dem «Königsmord»

Schön und gut: Aber ausgerechnet Nationalratskandidatin Meister (53) selber könnte den Polit-Altmeister Fluri (60) meistern. Dann nämlich, wenn am 18. Oktober die FDP-Wahlliste 7, auf der Meister als Spitzenkandidatin gilt, mehr Stimmen erzielt, als die FDP-Liste 6 mit dem bisherigen Fluri. Könnte Meister damit Fluri umgehen, quasi als «Königsmörderin» in die Geschichte einzugehen? «‹Königsmörderin›? – das ist ja ein grauenhafter Ausdruck!», entfährt es der Kandidatin. Mit ihrem gleichzeitigen Antreten als Ständerats-, und eben auch als Nationalratskandidatin wolle sie keineswegs Fluri verdrängen: «Es geht darum, Listenstimmen für die FDP zu holen. Wir wollen wieder einen zweiten FDP-Sitz!», umreisst sie das Wahlziel wohl etwas sehr euphorisch. «Am liebsten wäre es mir natürlich, wenn Kurt in Zukunft nicht mehr alleine nach Bern fahren müsste, sondern zusammen mit mir – er als Nationalrat, ich als Ständerätin.»

Die Wahlserie In der Serie «Wahlpaar» bringt diese Zeitung wöchentlich zwei oder drei Kandidaten aus allen Parteien zusammen: Jung und Alt, Seconda und Bürgergemeindepräsident, Gewerbler und Akademiker, Altgedienter und Nachwuchshoffnung.

Die Wahlserie In der Serie «Wahlpaar» bringt diese Zeitung wöchentlich zwei oder drei Kandidaten aus allen Parteien zusammen: Jung und Alt, Seconda und Bürgergemeindepräsident, Gewerbler und Akademiker, Altgedienter und Nachwuchshoffnung.

AZ

Dass der Kantonsrätin und Gemeindepräsidentin von Messen der grosse Schritt in die kleine Kammer in Bern gelingt, erwarten die wenigsten Auguren. Dass sie es in den Nationalrat schaffen könnte, ist unter Umständen nicht völlig auszuschliessen. Hat sich Kurt Fluri schon Gedanken darüber gemacht, wie er mit dem Horror-Szenario seiner Abwahl umgehen würde? «Ja, natürlich. Das muss ich mir in dieser Konstellation», kommt die Antwort nüchtern. Fluri hat schon Erfahrungen mit einem politischen Waterloo: Vor vier Jahren war er als FDP-Ständeratskandidat bitter gescheitert. «Nicht zuletzt wegen parteiinterner Querelen und mangelnder Unterstützung aus dem unteren Kantonsteil», ist der Stadtsolothurner sicher. Und: «Ja, das schmerzt mich auch heute noch.»

Kurt Fluri (60) politisiert für einen Freisinn der Mitte

Kurt Fluri (60) politisiert für einen Freisinn der Mitte

vimentis.ch
Marianne Meister (53) setzt auf die Marke Wirtschaftsfreisinn

Marianne Meister (53) setzt auf die Marke Wirtschaftsfreisinn

vimentis.ch

Trotz Harmonie pur: Unterschiede gibts

Die Harmonie, die das «Wahl-Paar» im Gespräch auf der Redaktion verströmt, ist bemerkenswert. Ein Vergleich der beiden «Spider»-Grafiken (links) zeigt aber doch deutliche Nuancen in der politischen Verortung.

Der «Spider» von Meister widerspiegelt eine Bürgerliche, die klar rechts der Mitte steht: freie Wirtschaft, restriktive Finanzpolitik, strenges Rechtssystem und strikte Ausländerpolitik. Bemerkenswert ist ihr «Ausrutscher» in Sachen «liberaler Gesellschaft»: So hat sie zum Beispiel nichts gegen die Homo-Ehe einzuwenden. «Da haben die Diskussionen mit den heranwachsenden Kindern am Familientisch ihre Wirkung auf meine Positionen», erklärt sie.

In erster Linie aber bekennt Meister: «Ja, ich bin eine Wirtschaftsfreisinnige und setze mich voll und ganz für die Wirtschaft ein.» Diesbezüglich habe sich ihr Profil in den letzten vier Jahren noch geschärft. Die kantonale Gewerbeverbandspräsidentin würde als Nationalrätin in Bern liebend gerne mit dem nationalen Verbands-Direktor Hans-Ulrich Bigler die Interessen des Gewerbes vertreten. Und als Ständerätin, die sich nicht zuletzt für Anliegen des Kantons einsetzen müsste? Meister zeigt sich flexibel: «In diesem Falle würde sich mein ‹Spider› sicher wieder etwas anpassen.»

Kurt Fluris visualisierter Fingerabdruck zeigt einen gemässigten Mitte-Rechts-Politiker – mit Affinitäten für eine aussenpolitische Öffnung, den Umweltschutz sowie einen moderat ausgebauten Sozialstaat.

Für den bisherigen Nationalrat sind gute Rahmenbedingungen für eine florierende Wirtschaft ebenfalls wichtig. Doch, so Fluri: «Neben dem wirtschaftspolitischen Liberalismus steht der gesellschaftspolitische Liberalismus. Beide sind gleich wichtig.» Wirtschaftspolitik könne nicht Selbstzweck sein, sondern müsse in einem Kontext stehen zum grossen Ganzen. «Ich bin ein Freisinniger, der für Gesellschaftsliberalismus und den Rechtsstaat steht.»

Widmer-Schlumpf oder SVP: Beide warten ab ...

Es gibt Bereiche, in denen Marianne Meister erklärtermassen eine konsequente Haltung einnehmen will. Zum Beispiel gegenüber «Schmarotzern, die das soziale Netz ausnützen. Da muss man einen Riegel schieben.» Ist Kurt Fluri beim Wort «Schmarotzer» soeben etwas zusammengezuckt? «Es gibt Schmarotzer», räumt er ein. «Aber man darf nicht verallgemeinern und wegen Einzelfällen das ganze System infrage stellen. Man muss den Missbrauch gezielt bekämpfen.»

Und wie siehts in Sachen Bundesratswahlen aus? Kurt Fluri hat stets offengelegt, dass er Eveline Widmer-Schlumpf wählen half. Wird er es wieder tun? «Sie hat als Bundesrätin einen sehr guten Job gemacht, somit gibt es keinen Grund, sie abzuwählen», sagt Fluri. Sein Entscheid werde von drei Punkten abhängig sein: «Erstens, stellt sie sich überhaupt der Wiederwahl? Zweitens, wie schneidet ihre BDP ab? Und drittens, welchen Kandidaten stellt die SVP auf?» Wenn die SVP einen zweiten Bundesratssitz wolle, dann müsse sie einen Bewerber präsentieren, der ins Kollegium passe, die Erhaltung der Bilateralen Verträge über die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative stelle und der das internationale Menschenrecht akzeptiere. Fluri bezweifelt, dass die SVP, in der er «klar totalitäre Tendenzen» feststellt, so jemanden kandidieren lassen wird.

Bezüglich Widmer-Schlumpf bzw. einer SVP-Gegenkandidatur schliesst sich Meister im Grundsatz Fluri an: «Die SVP muss einen Kandidaten stellen, der moderat, konsensfähig und lösungsorientiert ist. Ein ‹Oppositionspolitiker› gehört nicht in den Bundesrat.»

Schaffts Marianne Meister weder in den Stände- noch in den Nationalrat bleibt ihr die Qual der Bundesratswahl erspart. Kantonsweit bekannt ist sie nach der «Aufbaurunde» heuer allemal. So bekannt, dass sie 2017 für die FDP als Ersatz von Esther Gassler ins Regierungsratsrennen steigen wird? Die Antwort lautet weder Ja noch Nein. Sondern: «Nach diesen Wahlen wird es an der Partei liegen, die Weichen für die nächsten Wahlen zu stellen. Dann werden wir weiter sehen.» Wetten, dass?

Aktuelle Nachrichten