Coronakrise
Meist trifft es Frauen: Pia Stebler sorgt sich um indirekt betroffene Selbstständige

Indirekt betroffene Selbstständige erhalten (noch) keine Hilfe bei den Coronamassnahmen, sagt Pia Stebler. Die Präsidentin der KMU-Frauen SO hat zwei mögliche Szenarien ausgerechnet und erklärt, wieso Kredite in der Situation nicht weiterhelfen würden.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Pia Stebler sorgt sich um die selbstständigen Unternehmerinnen in den von der Coronakrise indirekt betroffenen Branchen.

Pia Stebler sorgt sich um die selbstständigen Unternehmerinnen in den von der Coronakrise indirekt betroffenen Branchen.

zvg

Der Bundesrat hat in seiner Medienkonferenz vom 1. April angekündigt, dass er abklären wolle, wie Selbstständigen und Einzelunternehmerinnen und -unternehmer, die indirekt von der Coronakrise betroffen sind, und die bisher noch keinen Anspruch auf Kurzarbeits- oder Erwerbsausfallsentschädigung haben, geholfen werden kann.

Eine Ankündigung, die Pia Stebler, Präsidentin der KMU-Frauen Solothurn, mit grosser Genugtuung entgegennahm. «Bei mir melden sich täglich mehrere betroffene Unternehmerinnen, die derzeit nicht wissen, wie sie die laufenden Kosten begleichen sollen. Bei vielen sind seit dem Lockdown die verrechenbaren Leistungen um über 80 Prozent zurückgegangen.» Dazu gehörten zum Beispiel Dolmetscher- und Beratungsbüros aller Art, freischaffende Erwachsenenbildnerinnen, Webmasterinnen, Fotografinnen, Marketingspezialistinnen und viele mehr. «Für die meisten dieser selbstständig Erwerbenden steht das Geschäftsleben auch still», stellt sie fest.

Tatsächlich sind Selbstständige in der Regel nicht auf Rosen gebettet. Das Bundesamt für Statistik BfS hat errechnet, dass der Medianwert für das Einkommen von selbstständig erwerbenden Frauen, die Vollzeit arbeiten, bei 56'700 Franken liegt. Für selbstständig erwerbende Männer beträgt dieser Wert rund 80'000 Franken. «Man sieht also, dass Selbstständige, vor allem Frauen, rechnen müssen. Leider lohnt es sich heute kaum mehr, im klassischen Sinne selbstständig zu sein», sagt Stebler. «Trotz dem unternehmerischen Risiko verdienen Selbstständige im Durchschnitt weniger als Angestellte. Für die 2. Säule sind sie zudem alleine verantwortlich und können meist keine oder nur wenig Reserven erwirtschaften. Kurzarbeitsentschädigung gibt es für diese Kategorie der Erwerbstätigen auch nicht.»

(Noch) enttäuscht von Bundesrat Parmelin

Indirekt von der Coronakrise betroffene Selbstständige erhalten derzeit auch keine EO-Taggelder. Diese Gruppe bangt also um ihre Existenz, weiss Pia Stebler. Und da sie im schlimmsten Fall auch keine Arbeitslosenentschädigung erhalten, riskieren sie den Weg in die Sozialhilfe.

Bei mir melden sich täglich betroffene Unternehmer-innen.

(Quelle: Pia Stebler, Präsidentin KMU-Frauen Solothurn)

Die KMU-Frauen-Präsidentin kritisiert vor allem die Aussage von Bundesrat Parmelin, die er am 1.April noch machte: «Er sagte, dass es für diese Kategorie der Betroffenen keine flächendeckende Lösung geben wird, da die Finanzen dies nicht erlauben würden. Diese Aussage irritiert, denn Parmelin spricht von rund 270'000 Betroffenen und ich bin überzeugt, dass eine Hilfe für diese Gruppe lediglich einen Bruchteil der bereits gesprochenen Gelder von rund 62 Mia. Franken ausmachen würde».

Zwei Szenarien einer möglichen Lösung

Stebler hat dazu folgende Szenarien durchgerechnet. Worst Case: Alle 270'000 Selbstständigen erhalten während 90 Tagen das maximale Taggeld (Erwerbsausfallentschädigung) von 196 Franken. «Dies würde Kosten von rund 4,8 Mia. Franken verursachen. Also etwa 8 Prozent der bisher gesprochenen finanziellen Hilfen». In einem zweiten, realistischeren Szenario hat sie berechnet: 200'000 Selbstständige erhalten während 60 Tagen ein durchschnittliches Taggeld von 150 Franken. «Die Kosten dafür würden sich auf 1,8 Mia. Franken belaufen, also etwa 3 Prozent der bisher für andere Erwerbstätige gesprochenen 62 Mia. Franken.»

Kredite helfen in dieser Situation nicht weiter

Zudem sei wichtig: «Es ist entscheidend, dass diese Beiträge als à-fonds-perdu-Zahlungen erfolgen und nicht als Kredite. Denn Kredite müssen zurückgezahlt werden, was bei vielen Einzelunternehmerinnen nicht realisierbar wäre. Sie haben mit ihrem regulären Einkommen schon wenig finanziellen Spielraum und arbeiten in der Regel 100 Prozent dafür. Müssten sie dann Kredite abbezahlen, können sie nicht einfach ihre Arbeit auf 200 Prozent erhöhen, da sie ja alleine arbeiten.» Die Umsatzeinbussen sind ein und für allemal weg.

Pia Stebler hat einen Brief mit den oben skizzierten Vorschlägen im Namen der KMU-Frauen Solothurn an den Solothurner Regierungsrat geschickt. «Mit Regierungsrätin Brigit Wyss hatte ich vorletzte Woche mehrmals Kontakt. Sie hat die Vorschläge gut aufgenommen und erwartet eine entsprechende Lösung durch den Bund.» Wyss habe ihr auch signalisiert, dass sich der Kanton dem Thema annehmen werde, falls auf der eidgenössischen Ebene nichts gehe. «Ich hoffe sehr, dass der Bundesrat bald diese Lücke schliesst. Das müssen die Selbstständigen unserer Gesellschaft doch wert sein.»

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