Albanisch, Arabisch, Deutsch, Französisch, Kroatisch, Portugiesisch, Russisch, Serbisch, Somali, Spanisch, Tamil, Tigrinya und Türkisch: In all diesen Sprachen werden im Kanton Solothurn Geschichten erzählt.

Das Schweizerische Institut für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM) hat vor zehn Jahren das Projekt «Schenk mir eine Geschichte» – Family Literacy – lanciert: Familien mit Migrationshintergrund können zusammen mit einer Fachperson eine animierte Geschichtenlektüre in ihrer Erstsprache erleben.

An 60 Standorten in der gesamten Deutschschweiz, acht davon nur im Kanton Solothurn – Bellach, Derendingen, Gerlafingen, Grenchen, Olten, Solothurn, Subingen, Zuchwil – werden Geschichtenstunden für Eltern und Kinder von zwei bis fünf Jahren in ihrer Erstsprache gehalten.

Schweizweit haben im letzten Jahr rund 1650 Familien am Projekt teilgenommen und auch dieses Jahr werden ähnliche Zahlen erwartet. Im Kanton Solothurn besuchen seit 2007 über 200 Familien die Lektüreanlässe.

«Umgang mit Medien»

Wie Elena Kazakova, Projektkoordinatorin im Kanton Solothurn, berichtet, scheinen Albanisch in Bellach und Grenchen; Türkisch und Arabisch in Zuchwil; Tamilisch, Spanisch und Russisch in Solothurn sowie Arabisch und Tamilisch in Olten, sehr beliebt zu sein. «Nach langen Bemühungen ist es uns gelungen, auch das Tigrinya-Angebot in Solothurn beliebt zu machen», sagt Kazakova erfreut.

Während der Animationen – in Bibliotheken, Quartierzentren und/oder Schulen – werden Geschichten gelesen, es wird gespielt und gesungen. Zudem «wird der Umgang mit Medien gelehrt und die Funktionsweise von Bibliotheken vorgestellt», so Kazakova. Nicht zuletzt dienen die Animateurinnen auch als informelle Vermittlungsstelle zwischen Erwachsenen und Behörden.

Integratives Lektüreerlebnis

Gina Domeniconi, Generalprojektkoordinatorin, spricht über die Grundidee des Projekts: «Die erste Sprachförderung ist entscheidend.» Wenn in jungen Jahren mindestens eine Sprache gut beherrscht wird, bestehe der erste Grundbaustein für das Erlernen weiterer Sprachen. Hierfür spiele die Familie eine zentrale Rolle: Alle möglichen Ressourcen können genutzt werden. Nicht zuletzt «werden auch integrative Ziele verfolgt», erklärt Domeniconi.

So sei es wichtig, die Kultur der Mehrsprachigkeit zu fördern: Mehrsprachigkeit als Vorteil und nicht Hindernis. Wie Reto Steffen, Verantwortlicher Sozialintegration und Prävention des Amtes für soziale Sicherheit, berichtet, sei dieses Angebot auch für bildungsferne Familien ideal: Der Zugang zu Büchern und anderen Medien werde ihnen vorgestellt und erleichtert.

Verschiedene Wissenschafter haben das Projekt begleitet und Studien zum Thema veröffentlicht. Es wurde festgestellt, dass ein grosser Vorteil in der breiten Erreichbarkeit liegt: Auch Familien, die ansonsten nicht gut im sozialen Netzwerk integriert sind, fühlen sich angesprochen.

Auch, weil das Angebot kostenlos und unverbindlich ist. Aus den Studien resultierte zudem, dass der Transfer vom Lektüreerlebnis auf die Familien erfolgreich glückte. Auch Domeniconi beobachtet Ähnliches: «Oftmals leihen die Familien nach den Animationen Bücher aus und fördern eine aktive Lesekultur»; dies helfe den kleinen Kindern später, «fit für die Schule zu sein».

«Ein politischer Prozess»

Bisher finanzierte der Kanton das Projekt. Wie Reto Steffen erklärt, wurde eine Leistungsvereinbarung mit den Projektverantwortlichen eingegangen. «Schenk mir eine Geschichte» wurde 2008 eingeführt und mit Projektbeiträgen unterstützt. Damit ist bald Schluss: Mit dem Auslaufen des ersten Integrationsprogrammes (2014–2017) ende bald die Anstossfinanzierung.

Zudem handle es sich bei diesem Angebot um ein Projekt, welches die soziale Einbettung der Migranten fördere; dies sei eigentlich eine Aufgabe der Gemeinde, erklärt Steffen. Aufgrund dieser Sachverhalte sollten ab 2018 die einzelnen Gemeinden das Projekt selbst finanzieren. In Zukunft wolle der Kanton «Regelstrukturen und nicht spezifische Angebote stärken», erklärt Steffen.

Ob das Projekt ab 2018 weitergeführt wird, hängt nun von den einzelnen Gemeinden ab, wie Steffen erklärt. Das ausgearbeitete Konzept sehe vor, dass die Gemeinden die Umsetzung selber gestalten und eventuell sogar mit Freiwilligen arbeiten können. Betrübt stellt jedoch Elena Kazakova fest: «Es ist ein politischer Prozess im Gange und es ist ungewiss, wie es sich weiterentwickelt».