Kanton Solothurn
Mehr Unfälle wegen E-Bikes: Sind im Veloverkehr strengere Massnahmen nötig?

Mehr Elektrovelofahrer bedeuten mehr Unfälle, auch im Kanton Solothurn. Laut Heinz Flück, Kantonsrat (Grüne, Solothurn) und Vertreter diverser Veloverbände, wäre eine Verschärfung der Präventionsmassnahmen kontraproduktiv.

Gülpinar Günes
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Längst nicht alle Velofahrer wollen beim Velofahren einen Helm tragen.

Längst nicht alle Velofahrer wollen beim Velofahren einen Helm tragen.

Bruno Kissling

Elektrovelos erleben seit einiger Zeit einen richtigen Boom. Letztes Jahr wurden schweizweit über 133'000 von ihnen verkauft. Das sind rund 21'000 mehr als noch vor einem Jahr. Der Kanton ist daher mit Hochdruck daran, das Velowegnetz auf die wachsenden Bedürfnisse der Velofahrer und E-Biker anzupassen: Bis 2022 will der Kanton in Zusammenarbeit mit den Gemeinden ein attraktives und sicheres Angebot planen. Zeitgleich mit der Zunahme der E-Bikes ist es auch zu mehr Unfällen gekommen. Im Kanton Solothurn waren es letztes Jahr mit 46 insgesamt 8 Unfälle mehr als in 2018. Reicht es da, nur die Infrastruktur zu verbessern oder muss es auch bei der Prävention und bei den Gesetzen Fortschritte geben?

«Das Velo ist ein relativ instabiles Fahrzeug», sagt Heinz Flück, Kantonsrat (Grüne, Solothurn). Er ist im Zentralvorstand des Verkehrsclubs Schweiz und vertritt Pro Velo Solothurn. Ihn überraschen die steigenden Unfallzahlen nicht. «Selbst im Schritttempo können beim Velo schwere Unfälle passieren», sagt er. An sich seien sie kein gesellschaftliches Problem.

Was Flück aber beunruhige, seien die vermehrten Unfälle zwischen Elektrovelofahrern und anderen Verkehrsteilnehmern. «Die Frage ist, warum mehr solcher Unfälle passieren», sagt er und vermutet, dass viele, besonders ältere Leute, das Fahrzeug nicht richtig beherrschen und die Bremswege unterschätzen. Das bestätigen auch die Kantonspolizei und die Unfallstatistik.

Kaum Fahrkurse im Kanton Solothurn

Zur Prävention solcher Unfälle gibt es schweizweit diverse Fahrkurse für E-Bikes, die beispielsweise von der TCS, von Pro Velo oder von Pro Senectute angeboten werden. Im Kanton Solothurn sind solche Kurse jedoch rar. Der nächste wird in Biel von der TCS durchgeführt. Bis vor einigen Jahren habe die Sektion Solothurn noch welche angeboten, aber mangels Interesses habe er sie abgesetzt, wie sie auf Anfrage mitteilt.

Und die Präventionsarbeit der Polizei beschränkt sich auf Verkehrsinstruktionen an Primarschulen und Informationen an Messen, wie beispielsweise der HESO oder den «Bike Days». «Unsere Ressourcen sind leider begrenzt», schreibt die Kantonspolizei auf Anfrage. «Die Durchführung von Fahrkursen für Fahrradlenkende abseits der Verkehrsinstruktionen in der Primarschule ist nicht primär die Aufgabe der Polizei.» Auf ihrer Website finden interessierte E-Bike-Fahrer allerdings diverse Ratgeber zum Thema. Auch die Velo-Verbände und die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) stellen Informationen zur Verkehrssicherheit mit dem E-Bike zur Verfügung.

Eine Fahrprüfung als zusätzliche Präventionsmassnahme lehnt Flück ab. «Es ist wichtiger, dass beispielsweise Verkäufer von Elektrovelos auf Kursangebote aufmerksam machen.»

Attraktive Infrastruktur wichtiger als Helmpflicht

Das Velo solle weiterhin ohne grosse Hindernisse im Alltag gebraucht werden können. Daher stellen er und der Verband Pro Velo sich auch gegen eine allgemeine Helmpflicht bei Velos, wie sie der Bund mit der Revision des Strassenverkehrsrechts vorschreiben möchte. Anfang letzter Woche schickte der Bund einen Entwurf in Vernehmlassung, wonach eine generelle Helm- und Lichtpflicht sowie eine Tachopflicht bei schnellen E-Bikes eingeführt werden soll. «Eine Helmpflicht führt dazu, dass das Velo weniger genutzt wird», sagt Flück. Das hätten Versuche in anderen Ländern bewiesen. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung ist da anderer Meinung, sie unterstützt die Helmpflicht. Laut Flück ist das Wichtigste nach wie vor eine attraktive Infrastruktur. «Es braucht getrennte, sichere und direkte Verbindungen von A nach B.»

Er schlägt auch vor, an viel befahrenen Kantonsstrassen innerorts ein 30er Tempolimit einzuführen. So können Strassen, wo aus Platzgründen keine Velowege möglich sind, sicherer gemacht werden. Das sei beispielsweise auf der Hauptstrasse in Neuendorf der Fall. «So ist das Gefälle bei den Geschwindigkeiten nicht so gross», erklärt er.

Zudem müsse man die Kategorien für die motorisierten Zweiräder nochmals überdenken. Schnelle E-Bikes sind und sollen bei beschränkten Platzverhältnissen auf deren Fahrbahnen fahren. «Das Strassenverkehrsgesetz hinkt der Technik hinterher», sagt Flück. Es muss angepasst werden.

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