Pflegeheime

Mehr Geld für Pflege von Demenzkranken – doch wer zahlt?

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Der Kanton Solothurn will die Pflegeheime finanziell angemessener entschädigen. Gemeinden wehren sich Mehrkosten zu tragen –die Regierung muss entscheiden.

Erst vergessen sie Namen von Verwandten, dann den eigenen. Und plötzlich brauchen sie Betreuung, rund um die Uhr. In schweren Fällen kosten Pflege und Betreuung von demenzkranken Menschen in Heimen bald einmal monatliche bis zu 10 000 Franken. Viel Geld, für das Krankenkassen, Patienten und die öffentliche Hand aufkommen. Und: Die Kosten steigen.

2014 lebten im Kanton schätzungsweise 3900 demenzkranke Personen. Die Alzheimervereinigung Kanton Solothurn geht davon aus, dass davon rund die Hälfte zu Hause wohnt und von Angehörigen betreut wird. Gut 2000 Personen leben in Heimen. Aufgrund des demografischen Wandels wird sich laut Alzheimervereinigung die Zahl der Demenzkranken bis 2035 fast verdoppeln. Der Bedarf an Pflegeleistungen nimmt somit zu.

Nur: Wer für die Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz bezahlt, sei mit der aktuell geltenden Pflegefinanzierung nicht genügend geklärt, sagt Susanne Bandi, Sprecherin der Schweizerischen Alzheimervereinigung. «Das führt dazu, dass Gesetzgeber, Kantone, Gemeinden und Krankenversicherer das Thema wie eine heisse Kartoffel hin und her reichen.» Es dürfe aber nicht sein, dass die Kosten auf Patienten und Angehörigen abgewälzt würden.

Pflege aufwendiger als vermutet

Unklarheit besteht derzeit auch im Kanton Solothurn. Die gute Nachricht: Es wird mehr Geld für Demenzkranke geben. Eine vom Kanton in Auftrag gegebene Studie zeigt nun, dass die Pflege von dementen Personen zeitaufwendiger ist, als bisher angenommen. Der Kanton will deshalb das Pflegesystem nachjustieren.

Noch offen ist, wie das im Detail geschehen soll. Denn: Damit die Patienten nicht mit zusätzlichen Kosten belastet werden, schlägt der Kanton vor, die anfallenden Restkosten unter Kanton, Gemeinden und den Krankenversicherern aufzuteilen.

Neben Patienten profitieren davon vor allem die Pflegeheime. Sie können mit höheren Einnahmen rechnen. Sind sie letztlich die grossen Profiteure? Urs Hufschmid, Präsident Gemeinschaft Solothurnischer Alters- und Pflegeheime (GSA), stellt klar: «Die zusätzlichen Einnahmen sind nicht Gewinne.

Die Heime erhielten für die Pflege von dementen Personen zu wenig Geld.» Sie hätten bisher die Patienten querfinanziert. Hufschmid begrüsst, dass nun eine wissenschaftliche Studie belegt, dass die Pflege aufwendiger ist. Den Heimen jedoch sei das schon lange bewusst gewesen.

Patienten werden höher eingestuft

Doch wie genau funktioniert die neue Berechnung der Pflegekosten? Alle Heime im Kanton wenden ein zwölfstufiges System an. In der ersten Stufe rechnett man mit einer täglichen Betreuung bis zu 20 Minuten, in der zwölften Stufe mit vier stunden. Die Krankenkasse bezahlt pro Stufe neun Franken. Auf Stufe zwölf sind das täglich 108 Franken. Ebenso steigen pro Stufe auch die Leistungen des Kantons und der Gemeinde. Patienten bezahlen rund 20 Franken pro Tag.

Weil künftig für die Pflege von Demenzkranken mehr Zeit verrechnet wird, werden die Patienten neuen Stufen zugeteilt. Das heisst: Ein Demenzkranker, der vorher in der Stufe fünf eingeteilt war, kommt nun vielleicht in die Stufe sieben – entsprechend gibt es mehr Geld für seine Pflege.

Dass die dadurch anfallenden Mehrkosten von den Gemeinden mitgetragen werden sollen, akzeptiert der Verband der Solothurner Einwohnergemeinden (VSEG) nicht. Es entständen zusätzliche Kosten für Kanton und Gemeinden von 1 bis 1,5 Millionen Franken, schrieb der Verband vergangene Woche in einer Medienmitteilung.

VSEG-Präsident Kuno Tschumi sagt: «Die Mehrkosten sind krankheitsbedingt und sollten deshalb von den Krankenkassen übernommen werden.» Zumindest der Anteil der Gemeinden – also gut eine halbe Million. Tschumi versteht nicht, dass die Gemeinden a priori mehr bezahlen sollen.

Dadurch würden Anreize fehlen

Claudia Hänzi, Leiterin Amt für soziale Sicherheit, versteht zwar die Argumentation der Gemeinden, sieht aber auch kommende Schwierigkeiten: «Die Finanzierung der Pflege für Demenzbetroffene bleibt weiterhin knapp.» Ohne Gemeinden wäre weniger Geld vorhanden. Dadurch wären viele Heime zurückhaltend, wenn es darum gehe, das Angebot an Demenz-Betten zu erweitern. Der Mangel an geeigneten Pflegeplätzen werde so wohl nur langsam behoben.

Derzeit übernehmen die Krankenkassen rund 60 Prozent und die öffentliche Hand etwa 40 der Gesamtfinanzierung von Pflegeleistungen. Bei Einführung eines Modells, in dem die bessere Abgeltung für die Pflege von Demenzkranken nur bei den Krankenkassen abgeholt wird und gleichzeitig die Beträge der öffentlichen Hand nach unten korrigiert werden, würde sich laut Hänzi die Finanzierungsanteile zwischen den beiden Kostenträgern leicht zulasten der Krankenversicherungen verschieben.

Das Verhältnis betrüge neu etwa 61 zu 39 Prozent. Ob die Gemeinden die Mehrkosten mittragen oder nicht, liegt nun in der Entscheidung der Regierung. Auf den 1. Juni sollen die Anpassungen in Kraft treten.

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