Prävention
Mehr Einsatz gegen Genitalverstümmelung: Kanton Solothurn will Mädchen besser schützen

Die Prävention gegen Mädchenbeschneidung im Kanton Solothurn soll verbessert werden. Der Kanton will die Prävention im Rahmen des kantonalen Gewaltpräventionsprogramms ausbauen. Im Vergleich zu den Nachbarkantonen hinkt Solothurn hinterher.

Rebekka Balzarini
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Mädchen sollen nicht länger Angst vor der Beschneidung haben müssen. (Symbolbild)

Mädchen sollen nicht länger Angst vor der Beschneidung haben müssen. (Symbolbild)

Shutterstock

Mit der zunehmenden Migration aus Ländern wie Eritrea, Somalia und Äthiopien in den letzten Jahren wurde das Thema in Europa und der Schweiz wieder aktuell: der Kampf gegen die weibliche Genitalbeschneidung (FGM).

Gemäss dem Netzwerk gegen Mädchenbeschneidung Schweiz sind rund 22'000 Mädchen und Frauen in der Schweiz von Genitalbeschneidung betroffen, verschiedene Kantone haben in den vergangenen Jahren in die Prävention investiert. Diesen Schritt möchte nun auch der Kanton Solothurn machen. Im Rahmen des kantonalen Gewaltpräventionsprogramms will der Kanton die Prävention neu gestalten.

In den Asylzentren und bei den Gemeinden ein Thema

Bisher lief die Prävention im Kanton Solothurn vor allem über Broschüren und Gespräche. In Asylzentren wurden Informationsbroschüren verteilt, und im Rahmen des Programms «Start.Integration» waren die Angestellten der Gemeinden dazu angehalten, das Thema FGM (Female genital mutilation) anzusprechen. Selten führte der Kanton auch Informationsanlässe durch: Der letzte Anlass, den das Gesundheitsamt des Kantons auf seiner Website publiziert hat, fand im Jahr 2010 statt. Der Anlass wurde zusammen mit der Organisation Terre des Femmes in Zuchwil durchgeführt.

Nicht sehr aktuell waren bis vor kurzem auch die auf der gleichen Seite aufgeführten Beratungsstellen, an die sich die Bevölkerung bei Fragen zum Thema FGM wenden konnte. Anfang Februar war unter anderem die Beratungsstelle Frabina angegeben: Frabina ist eine Beratungsstelle für binationale Paare mit Büros in Olten und Solothurn. Auf Anfrage gab die Beratungsstelle Frabina aber an, dass das Thema FGM bei der Beratungsstelle nur selten thematisiert werde und dass man auf FGM nicht spezialisiert sei. Die neue Prävention im Kanton steht noch ganz am Anfang. Momentan ist der Kanton Solothurn dabei, eine Bedarfsabklärung durchzuführen.

Eine Umfrage in den Gemeinden und den Asylzentren hat in den letzten Monaten bereits ergeben, dass sich die Angestellten mehr Informationen zum Thema FGM wünschen. Zwar werden die Broschüren laut dem Kanton abgegeben, aber vielen Mitarbeitern falle es schwer, das Thema im persönlichen Gespräch anzusprechen. Der Kanton Solothurn möchte in einem ersten Schritt die Information der Angestellten verbessern und die Grundlagen für die Prävention gegen FGM erarbeiten.

Den Überblick über die Prävention gegen weibliche Genitalbeschneidung auf kantonaler und nationaler Ebene haben Organisationen wie die Caritas oder Terre des Femmes. Gemeinsam mit dem Schweizerischen Kompetenzzentrum für Menschenrechte und dem Verband Sexuelle Gesundheit Schweiz betreiben sie das Netzwerk gegen Mädchenbeschneidung Schweiz, das vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) und vom Staatssekretariat für Migration (SEM) unterstützt wird. Das Netzwerk gibt es seit 2016, und es hat das Ziel, die Prävention in den Kantonen zu verbessern.

Im Vergleich zu den Nachbarkantonen Aargau und Baselland steckt die Prävention gegen FGM im Kanton Solothurn in den Kinderschuhen. Vor allem in den Kantonen Baselland und Aargau wurde die Prävention im Bereich von FGM seit dem Jahr 2016 intensiviert, etwas später kam auch der Kanton Basel-Stadt dazu.

In Liestal und Aarau gibt es seit rund vier Jahren regionale Beratungsstellen, wo sich die Bevölkerung über FGM informieren kann. Die regionalen Anlaufstellen sollen ein niederschwelliges Angebot sein und die nationalen Beratungsstellen in Bern und Luzern ergänzen.

Mit verschiedenen Kulturen zusammenarbeiten

Simone Giger von der Caritas begrüsst die Bemühungen des Kantons, die Mitarbeiter in den Asylzentren besser zu schulen. «Das Ansprechen des Themas FGM ist eine delikate Sache und sollte nicht ohne entsprechende Kompetenzen erfolgen», schreibt Giger. Nicht nur in den Asylzentren muss das Thema laut Giger präsent sein, sondern auch in den Praxen von Kinderärzten oder Gynäkologen.

Neben Broschüren und Gesprächen sind laut Giger auch regelmässige Informationsveranstaltungen wichtig, wo in der Herkunftssprache einer Gemeinschaft über das Thema FGM gesprochen wird. Um sprachliche und kulturelle Barrieren zu überwinden, arbeitet das Netzwerk gegen Mädchenbeschneidung Schweiz mit Multiplikatorinnen und Multiplikatoren zusammen: Personen mit Migrationshintergrund, die in der eigenen Community versuchen, ein Tabu zu brechen und über FGM zu sprechen.

Die Kantone Baselland und Aargau machten mit Multiplikatoren und Multiplikatorinnen gute Erfahrungen, wie sie auf Anfrage sagen. Auch der Kanton Solothurn möchte in Zukunft mit Multiplikatorinnen und Multiplikatoren zusammenarbeiten. Sobald der Kanton konkrete Massnahmen definiert hat, will er mit der Suche nach Multiplikatoren und Multiplikatorinnen beginnen.

Auch mit dem Netzwerk gegen Mädchenbeschneidung Schweiz könnte der Kanton Solothurn bald zusammenarbeiten. Anstatt auf die Fachstelle Fabrina wird auf der Website des Gesundheitsamtes des Kantons seit ein paar Tagen auf die Website des Netzwerks gegen Mädchenbeschneidung Schweiz verwiesen.