IP Suisse
Mehr Bewegung und frische Luft für Kälber – diese Vorschrift überfordert so manchen Hof

Neue Richtlinien von der IP-Suisse fordern eine höhere Bewegungsfreiheit für Kälber. Vor allem kleinere Höfe kommen damit jedoch an ihre Grenzen.

Jasmin Krähenbühl
Merken
Drucken
Teilen
Trotz verschärfter Richtlinien stehen die Kälber meist weiterhin auf Beton – und tollen nicht auf der grünen Wiese herum.

Trotz verschärfter Richtlinien stehen die Kälber meist weiterhin auf Beton – und tollen nicht auf der grünen Wiese herum.

Jasmin Krähenbühl

Letztes Jahr führte IP-Suisse neue Richtlinien für die Kälbermast ein. Nach den neuen Anforderungen müssen die Kälber ständig einen Auslauf im Freien zur Verfügung haben. Auch die Solothurner Bauern mussten sich entscheiden: Kostspieliger Stallumbau oder Verzicht auf das Gütesiegel der Integrierten Produktion (IP)?

Durch die neuen Bestimmungen muss jedes Mastkalb eine minimale Stallfläche von 3,5 m2 zur Verfügung haben, wovon mindestens 1 m2 nicht überdacht sein darf. Ab vier Monaten oder 150 Kilogramm Gewicht muss das Kalb noch mehr Platz zur Verfügung haben: Die minimale Stallfläche beträgt dann 4,5 m2, der Mindestauslauf 1,3 m2. Schweizweit gibt es 1400 Mastkalb-Betriebe mit IP-Suisse-Gütesiegel, die jährlich etwa 45 000 Mastkälber vermarkten.

Im Kanton Solothurn gibt es momentan mehr als 950 Mastkälber, verteilt auf 48 IPBetriebe . «Vor allem kleinere Höfe haben nicht nach den neuen Richtlinien umgebaut», sagt Adrian Rudolf vom Solothurner Bauernverband (SOBV).

Er vermutet, dass für sie die Investition, verglichen mit den Erträgen, zu aufwendig gewesen sei oder dass sie den Umbau nicht realisieren konnten, weil sie schlicht keinen Platz mehr hatten. Doch bei den meisten Betrieben seien gar keine grösseren Veränderungen nötig gewesen, sagt Rudolf.

«Oft sind entsprechende Plätze schon vorhanden, sie mussten nur nutzbar gemacht werden für die Kälbermast.» Denn wer denkt, dass die Tiere wegen den neuen Richtlinien auf grünen Wiesen herumtollen dürfen, liegt falsch. Die Kälber stehen nach wie vor auf Betonboden.

Windschutz gegen die Zugluft

Obwohl die Kälber nicht wie in der Fernseh-Werbeidylle leben, ist nicht zu bestreiten, dass mehr Auslauf das Wohlergehen der Tiere erhöht hat. Auch für die gesamte Umwelt bringen die neuen Bestimmungen eine wesentliche Verbesserung.

«Der Antibiotikaeinsatz wurde deutlich gesenkt», sagt der Geschäftsführer von IP-Suisse, Fritz Rothen. Da die Kälber mehr Platz hätten, würden die krankheitserregenden Keime verdünnt, sagt Rothen. «Die Tiere sind auch gesünder und robuster, weil das Wetter sie abhärtet», so der Geschäftsführer. Trotz der Vorteile sei es nicht einfach gewesen, die Richtlinien bei den Bauern beliebt zu machen: «Viele waren skeptisch, sie dachten, dass sich die Kälber an der frischen Luft schneller erkälten würden.»

Die Solothurner IP-Bäuerin Katrin Lindenberger kann diese Angst aber widerlegen: «Wir haben nicht mehr kranke Kälber als vorher.» Die einzige neue «Gefahr»sei die Zugluft. «Wir haben extra Windschutzvorrichtungen montiert, damit die Tiere ihr nicht ausgesetzt sind. Wir wollen keine Lungenentzündungen riskieren», so Lindenberger.

Der Familienbetrieb in Breitenbach schlachtet jährlich rund 70 Mastkälber. Für maximal 160 Tage leben die Tiere bei Lindenbergers, zurzeit sind es 18 Kälber verteilt auf zwei Boxen. «Die Kälber sollen es einfach gut haben, in der Zeit in der sie hier sind», sagt die Bäuerin, die auch im IP-Vorstand des Kantons Solothurn mitwirkt.

Sie habe das Gefühl, dass die Tiere vor allem zufriedener seien. «Der viele Platz und die Gruppenhaltung gefallen ihnen.»

Es gibt mehr Geld

Lindenberger ist IP-Bäuerin aus Überzeugung. Doch sie muss auch zugeben, dass der finanzielle Zustupf ein grosser Anreiz dafür ist, die neuen Richtlinien einzuhalten. Denn für jedes Kilogramm Fleisch gibt es eine Prämie von 60 Rappen.

Adrian Rudolf vom SOBV unterstützt diese Massnahme: «Es ist fair, wenn der Mehraufwand und die Investitionen in einem besseren Preis umgesetzt werden.» Man müsse das Ganze auch ökonomisch betrachten. «Kann nicht kostendecken produziert werden, wird auch niemand die Bestimmungen einhalten.» Und ohne mehr Auslauf würde sich das Tierwohl nicht verbessern.