Elisabeth Schubigers Wunsch: «ein Nomadenleben». Die 34-Jährige hätte auch künftig gerne ihre Wurzeln in Solothurn, möchte aber immer wieder an verschiedenen Orten arbeiten, neue Leute kennenlernen. Mit 22 hat die gelernte Schneiderin bereits für zwei Jahre in Haiti unterrichtet. Nach einem Sozialanthropologie-Studium kam der nächste Auslandaufenthalt: Vor gut einem Jahr ging Schubiger nach Kenia. Vor der Abreise traf sie diese Zeitung damals auf einen Kaffee. Seit drei Wochen nun ist Schubiger wieder zurück – Gelegenheit also, ihre Geschichte er zu erzählen.

Angestellt war Schubiger im vergangenen Jahr bei der Schweizer Entwicklungsorganisation «Comundo». In einem kleinen Dorf ganz im Norden Kenias lebte und arbeitete sie auf dem Komplex eines Ausbildungszentrums. Eine Art Berufsschule: Schneiderinnen und Schneider, IT-Fachleute, Gastropersonal und Coiffeusen sowie Coiffeure werden dort ausgebildet. Das Problem: Die Schule finanziert sich selbst. Laut Schubiger kann man sich das so vorstellen, als würde in der Schweiz eine Berufsschule privatisiert und nur durch Schulgeld finanziert: «Das wird wahnsinnig teuer.» Das war auch der Knackpunkt in Kenia. Schubigers Aufgabe: Einen Plan dafür zu schaffen, wie sich das Zentrum zusätzlich finanzieren kann.

Keine Freiwillige – eine Angestellte

Das klinge halt etwas trocken, sagt die Sozialanthropologin, und berichtet von Business- und Strategieplänen. Am Schluss habe ihr Alltag aber so ausgesehen: Immer wieder habe sie in den Teams mitgearbeitet. Etwa zu Beginn mit angepackt und das Schneidern von Hunderten Uniformen gemanaged – oder später auch in der Küche gestanden. Dann hat sie Beobachtungen notiert, analysiert und im Team versucht, neue Konzepte zu finden.

So arbeiten die Schneiderinnen und Schneider heute effizienter, mit laufenden Maschinen. Coiffeure und Coiffeusen nehmen auch externe Aufträge an, um etwas dazu zu verdienen. Zimmer des Komplexes werden zum selben Zweck an Aussenstehende vermietet.

Das hat nicht viel mit dem zu tun, was man sich unter Hilfsprojekten wie etwa dem Bau einer Schule oder dem Besuch von finanziell unterstützten Paten-Kindern vorstellt. Das soll laut Schubiger eben auch so sein. Immer wieder sei sie gefragt worden: «You’re a volunteer?» – eine Freiwillige. Schubiger sagte stets: «No, I am an employee» – eine Angestellte. Ihr ist es wichtig, dass sie nicht im Ausland war, um «denen dort ein bisschen zu helfen». Oder Werte aufzudrücken. «Ich war angestellt, hatte konkrete Projektziele, und die haben wir erreicht», erklärt sie.

«Sister Elizabeth» wurde sie in Kenia genannt – das habe ihr nichts ausgemacht. Lieber den Titel «Sister» als die Bezeichnung «Volunteer». Das Zentrum gehört zur katholischen Institution «sisters of mercy» – Comundo selbst ist konfessionell
neutral.

Kein Kulturschock – ein Entschleunigungsschock

Bevor Schubiger damals nach Kenia aufbrach war sie nicht nervös. «Das chunt scho guet», war die Devise. Und so war es auch: Sie sei total gesund geblieben. Der Verkehr habe ihr am meisten Angst gemacht; tatsächlich hatte sie in Kenia auch einen Autounfall – passiert ist ihr aber nichts. Auch von einem «Kulturschock» will sie nichts wissen. Darauf angesprochen, schnaubt sie auf und winkt ab. «Ich finde es einfach schön, dass wir nicht alle genau gleich ticken – die Welt hat so viel Spannendes zu bieten.»

Wenn dann habe sie einen «Entschleunigungsschock» gehabt. Im kleinen Dorf gab es nichts zu tun, für ein Stück Käse fuhr man 1.5 Stunden, und als tägliche Highlights bezeichnet Schubiger das abendliche Ansehen einer Soap Opera gemeinsam mit ihrer kenianischen WG-Partnerin. Mit dieser teilte Schubiger, die über sich selbst sagt, dass sie nicht gerne alleine wohnt, eine Wohnung. An den Wochenenden wanderte sie schliesslich viel, besuchte andere Angestellte von Comundo und lernte deren Projekte kennen.

Und jetzt – kaum zurück in Solothurn - geht es bald weiter. Schubiger wird an einem Forschungsprojekt in Kenia teilnehmen und ihren Doktor machen. Einfach erklärt gehe es darum, inwiefern lokale Lebensweisen durch internationale Faktoren beeinflusst werden, so Schubiger. Derzeit hat sie ein Zimmer in Solothurn, der grösste Teil ihres Hab und Guts steht im Keller des Bruders. Künftig wird sie wohl ein Zimmer in Genf haben und in Kenia leben. Angestellt ist sie für die nächsten drei Jahre - auf das, was danach kommt, sei sie gespannt. «Ich bin ganz zufrieden mit diesem Nomadenleben», lacht sie.