Sie ist die jüngste Verbindung an der Kantonsschule Solothurn. Und die einzige, die nur Frauen aufnimmt. Die Adrasteia Solodorensis. 1994 wurde sie gegründet – nach rund fünf Jahren verschwand sie wieder – 2011 wurde sie wieder aufgebaut. Auch von Lisa Brandl, 25, Studentin der Populären Kulturen an der Universität Zürich. Aufgrund der reinen Frauenbesetzung unterscheidet sich die Adrasteia in einigen Punkten von den anderen Studentenverbindungen im Kanton: Die Aktiven – Schülerinnen - heissen Damen und nicht Burschen, die Ehemaligen – in der Zeit nach der Matur - gehören zur Ladyschaft, nicht zur Altherrenschaft. Ansonsten gibt es aber auch regelmässig Anlässe und ein Tenue in den eigenen Farben: Schärpe, Jackett und Mütze in violett und schwarz. Und es wird viel Bier getrunken. «Ja, das gehört dazu», sagt Brandl. «Aber man geht ja auch nicht in einen Schwimmclub, wenn man nicht gerne schwimmt.»

Gestartet in einem Hobbyraum

Brandl berichtet von der Verbindung als wichtiger Teil des Lebens während der Schulzeit, einem Treffpunkt, zu dem man auch danach immer wieder zurückkehren kann. Das hat ihr schon vor dem Wiederaufbau der Adrasteia Eindruck gemacht. Damals war sie mit Freundinnen öfters bei der Dornachia im Verbindungskeller zu Gast. Aber eben nur zu Gast. Ein Dornacher war es auch, der von der einstigen Studentinnenverbindung erzählte, die noch vor dem Jahr 2000 wieder verschwunden war. «Da war schnell klar: Wir wollen auch etwas Eigenes.» Weil die Frauen gerne auch mal unter sich seien, sei auch ein Eintritt in die gemischte Verbindung Palatia vom Tisch gewesen.

Die traditionellen Verbindungen zählen Dutzende Mitglieder, haben seit Jahrzehnten eigene Stammlokale, nehmen seit Jahren auch Mitgliederbeiträge ein. «Wir haben recht viele Kuchenstände organisiert, um die Vereinskasse zu füllen», erinnert sich Brandl, die die Verbindung damals mit vier Freundinnen gründete. Allein die Mütze kostet 140 Franken. Auch trafen sich die Frauen zuerst in einem Hobbyraum, waren dann oberhalb des Solothurner Restaurants Sonne eingemietet, und nutzten schliesslich die Keller anderer Verbindungen, wenn diese frei waren. Seit drei Jahren hat die Adrasteia ein eigenes Lokal in der Nähe des Westbahnhofs. «Ich bin stolz», sagt Brandl. Mittlerweile zählen 37 Mitglieder zur Adastreia, wobei die Verbindung im Gegensatz zu anderen noch keine Stämme an Universitäten aufgebaut hat. Das Erste sei aber geschafft, nun könne man dem Verbindungsleben frönen.

Ein Netzwerk bis zum Tod

Das Verbindungsleben: «Die meisten denken, dass sind die, die Bier trinken und ab und zu mit Mütze durch die Stadt marschieren», sagt Brandl. Dahinter stecke aber ein klar organisierter Verein: Wer neu eintritt, wird zum Fux, muss zuerst Mutproben absolvieren, ein Ritual – zu dem Auspeitschen gehört – durchstehen und hat noch nicht das gleiche Ansehen wie eine Dame oder eine Lady. «Das nahmen wir früher sehr ernst», sagt Brandl schmunzelnd. Heute sehe man dies eher als Spiel an, bis man richtig dazu gehöre. Dann gehe es vor allem ums Zusammenkommen: es wird gesungen und diskutiert.

«Wir sind bei den Regeln weniger streng als andere Verbindungen», sagt die 25-Jährige Zwar gibt es Kleider- und Trinkreglemente– «wir haben aber noch nie eine Studentin nach Hause geschickt, nur weil sie keine Bluse trug.» Trinkzwang herrscht zudem keiner. Aktive gehen alle zwei Wochen zum Kneip, Ladies sporadisch. «Das sind Freundschaften fürs Leben», sagt die Studentin. In einer Verbindung trete man nicht aus – man bleibe bis zum Tod. So ist in den Statuten auch festgehalten, wie einer Verbindungsschwester im Todesfall gewürdigt wird.

Nebst dem Sozialen gibt es laut Brandl noch einen zweiten wichtigen Aspekt: das Netzwerk. «In unserem Wirtschaftssystem ist das so: Man braucht Kontakte.» So würden Praktikumsplätze oder Studientipps vermittelt. «Ich finde es wichtig, dass das nicht nur Männern vorbehalten ist», sagt Brandl. Das sei 2011 auch mit ein Grund gewesen, eine Frauenverbindung zu gründen. Reine Männerverbindungen weniger zu unterstützen – wie das dieser Tage an der Uni Basel diskutiert wird – hält sie jedoch nicht für richtig. «Man sollte einfach beitreten können, wenn man möchte - egal ob einer Männer-, Frauen- oder gemischten Verbindung.»

Zwar gäbe es auch in Solothurn Altherren, die Mühe damit hätten, dass nun junge Frauen in der Verbindungsszene mitmischen. «Aber bei den Jungen ist das kein Thema mehr.» An der Kantonsschule sei es heute selbstverständlich, dass Adrasteianerinnen mit ihren violetten Mützen dazugehören.