Auf einen Kaffee mit...
Medienwissenschafter Vinzenz Wyss: «Fall Dall ist eigentlich völlig irrelevant»

Medienwissenschafter Vinzenz Wyss stuft die Relevanz des «Fall Dall» als nicht besonders hoch ein. Er kritisiert allerdings den Umgang der Medien mit dem Vorfall. Viele hätten sich alleine darauf konzentriert, weitere Opfer ausfindig zu machen.

Theodor Eckert
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Vinzenz Wyss, ein kritischer Beobachter der heutigen Medienwelt

Vinzenz Wyss, ein kritischer Beobachter der heutigen Medienwelt

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Vinzenz Wyss ist ein Heimweh-Solothurner. Heute wirkt er als Professor an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften in Winterthur. Doch keine Angst, er ist kein Theoretiker im Elfenbeinturm. Der Medienwissenschafter war in jungen Jahren Redaktor bei Radio 32 und im Stadtressort dieser Zeitung hat er ebenfalls Spuren hinterlassen. Lang ist es her, aber der 48-Jährige erinnert sich ganz offensichtlich gerne an vergangene Zeiten: Wenn man ihn darauf anspricht, sprudelt er jedenfalls freudig drauf los. Das ist durchaus sympathisch, ein Neozürcher, der zu seinen Wurzeln steht und seinen ursprünglichen Dialekt nicht abgelegt hat, um auf «Weltstädter» zu machen.

Der Kaffee mit Vinzenz Wyss hat sich jedoch nicht wegen dessen früherem Leben aufgedrängt. Der Grund ist ein aktueller. Es geht um die hiesige freie Journalistin, die in diesen Tagen im deutschsprachigen Raum Europas für überaus fette Schlagzeilen sorgt. Das jüngste Beispiel lieferte sich gleich selbst am vergangenen Sonntag mit einem Exklusivinterview, wie es jeweils so schön heisst. Staun, staun, hat doch die gute Frau durch ihren Anwalt verlauten lassen: «Meine Mandantin ersucht, von der Presse in Ruhe gelassen zu werden». Und dann wirft man sich Hals über Kopf der grössten deutschen Boulevardzeitung in den Rachen?

Der Versuch einer Annäherung an die Mechanismen der heutigen Medienwelt. Wyss hat die Geschichte natürlich auch mitbekommen. Es liess sich nicht vermeiden. Kollegen hätten zwar von Augenzwinkern begleitete, aber eben doch spitz-neckische Bemerkungen fallen lassen. So etwa «was seid ihr Solothurner doch für ein komischer Menschenschlag», oder «so, so, da bist du also einem ganz heimlichfeissen Völklein abhandengekommen».

Wir bitten den Professor um eine Einordnung der medialen Umsetzung des Vergewaltigungsvorwurfs an die Adresse des deutschen Komikerstars Karl Dall. Sofort wird klar, dass Vinzenz Wyss die nötige Distanz hat. Er macht kein Geheimnis daraus, dass für ihn die Relevanz dieser Geschichte ausgesprochen dürftig ist. Für das Individuum spiele es überhaupt keine Rolle, was im Dall’schen Hotelzimmer vorgefallen sei. Und trotzdem haben sämtliche tonangebenden Medien den Fall Dall eifrig transportiert.

Eine auffällige Diskrepanz. Was ist denn davon zu halten? «Den Nachrichtenwert haben natürlich alle erkannt, doch wie damit umgegangen wurde, das tut schon weh.» Weh? Weshalb? Wyss moniert, dass meist nur abgeschrieben worden sei und die zusätzliche journalistische Leistung habe allenfalls darin bestanden, weitere Opfer ausfindig zu machen. Ganz einfach, die Sau noch und noch durchs Dorf treiben, sage man dem. Dabei hätte es genügend interessante Ansätze gegeben.

Juristische Fragen zum Beispiel: «Weshalb vier Tage U-Haft für den Angeschuldigten?» Weg vom Einzelfall, sagt er und kritisiert, dass stattdessen lediglich unter der Gürtellinie der unmittelbar Betroffenen herumgestochert worden sei. «Ich mag mir mit solchen Oberflächlichkeiten keine Lebenszeit stehlen lassen.» Damit gehe eine unheilvolle Beschleunigung im Nachrichtenfluss einher und nachfolgend natürlich dessen Verarbeitung.

«Das führt dazu, dass permanent beobachtet wird, was die anderen an News haben und was sie damit machen. Man will und darf ja selber nichts verpassen», erläutert der Soziologe und spricht in diesem Zusammenhang von klassischer Selbstreferenzialität. Gemeint ist, dass primär Online-Medien, aber nicht nur die, gerne gegenseitig auf sich achten und weniger auf die Nutzer. Und gleichzeitig entstehe dabei eine Wechselwirkung, was zum «unsäglichen Klickfetischismus führt», wie Wyss weiter doziert. Was so viel bedeutet, dass zunehmend darauf geschielt wird, welche Inhalte die Leserinnen und Leser wie oft anschauen, um sie dann wiederum mit gleichartigen Informationen zu beliefern.

Wyss steht dieser Entwicklung kritisch gegenüber, besonders wenn sie noch stärker auf den Printbereich hinüberschwappen sollte. Damit wäre ein Vielfalts-Verlust verbunden, was sich wiederum negativ auf unsere demokratischen Prozesse auswirke. Medien müssten weiterhin für breit angelegte Debatten sorgen und nicht bloss Infohäppchen verfüttern. Er warnt aber auch vor dem Tunnelblick der Nutzer. Eine gutgemachte Tageszeitung liefere nach wie vor überraschende Geschichten, die über die individuellen Interessensgebiete hinausgingen.

Wer sich dagegen nur noch selektiv informiere, verpasse unter Umstände bereichernde Hintergründe und Analysen. Wyss bleibt dabei nicht verborgen, dass die Ressourcen auf praktisch allen Redaktionen ständig knapper werden. Wiederholte Sparübungen lassen grüssen. «Die Dossierfestigkeit leidet darunter. Junge, günstige Nachwuchsjournalisten können unmöglich dasselbe Wissen abrufen wie alte Hasen, die es über Jahre aufgebaut haben», analysiert Wyss.

Er, der die Veränderungen in der Medienwelt nicht nur erforscht, sondern auch an sich selber beobachten kann: «Ich habe lange klassisch funktioniert und mehrere gedruckte Zeitungen zur Hand genommen. Heute tue ich dies höchstens noch am Sonntag, sonst greife ich zum iPad». Der dreifache Vater gesteht, dass er sich das früher nicht hätte vorstellen können.

Ob so oder so: Als Mediennutzer ist auch er nicht um «die völlig irrelevante Dall-Geschichte» herumgekommen.