Medienkonferenz
«Müssen zum Gesundheits-Personal Sorge tragen»: Kanton Solothurn erhöht Intensivpflege-Plätze in Spitälern

Die Intensivstationen im Kanton Solothurn sind stark ausgelastet. Dennoch zögerte die Regierung bisher, die Stufe zu erhöhen. Heute Dienstag treten die Gesundheitsdirektorin, der Kantonsarzt und die Spitäler vor die Medien.

Christoph Krummenacher
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  • Der Kanton Solothurn erhöht die intensivmedizinischen Kapazitäten auf den Intensivstationen. In Phase 1 können die IPS-Betten von 17 auf 25 erweitert werden.
  • Dies beinhaltet jedoch eine weitere Reduktion von anderen Behandlungen und Operationen, da das Spitalpersonal zu knapp ist, um beliebig die Bettenzahl zu erhöhen.
  • Die Solothurner Spitäler AG (soH) wird den Leistungsauftrag in Absprache mit dem Kanton flexibel umsetzen. Damit soll dem stark belasteten Pflegefachpersonal und den begrenzten Ressourcen Rechnung getragen werden.
  • Zusätzlich empfiehlt der Kanton allen Spitälern und Kliniken dringend, strengere Besuchsregelungen einzuführen.
Pressekonferenz des Kantons Solothurn zur Situation in den Solothurner Spitälern, v.l. Dieter Hänggi, Martin Häusermann, Susanne Schaffner, Lukas Fenner.

Pressekonferenz des Kantons Solothurn zur Situation in den Solothurner Spitälern, v.l. Dieter Hänggi, Martin Häusermann, Susanne Schaffner, Lukas Fenner.

Michel Lüthi

Wahleingriffe müssen verschoben werden

Frau Landammann Susanne Schaffner betonte an der Medienkonferenz vom Dienstagnachmittag, dass das Pflegepersonal auf den Intensivstationen der Solothurner Spitäler AG (soH) an seine Kapazitätsgrenzen gelange.

Regierungsrätin Susanne Schaffner.

Regierungsrätin Susanne Schaffner.

Michel Lüthi

Der Kanton Solothurn stellt daher gemäss des Drei-Phasen-Modells von «Normalbetrieb» auf die «Eskalationsstufe 1» um. Auf dieser Stufe können die Intensivpflegeplätze von 17 auf maximal 25 erhöht werden. Nicht dringende Operationen oder Wahleingriffe müssen dafür teilweise verschoben werden.

Das bereits seit 18 Monaten stark geforderte Pflegepersonal soll so gut wie möglich geschützt werden. Schaffner betont:

«Wir müssen Sorge tragen zu den Gesundheitsfachpersonen. Von diesen hängt eine funktionierende Gesundheitsversorgung ab.»

Die Erhöhung soll deshalb bedarfsgerecht erfolgen, betont Schaffner. Nur die flexible, bedarfsgerechte Erhöhung ermögliche eine nachhaltige Sicherung der Intensivplätze – damit es nicht zu einem akuten Personalausfall durch Kündigungen oder Burnouts komme.

Pflegepersonal an der Belastungsgrenze

Martin Häsermann, CEO der Solothurner Spitäler AG.

Martin Häsermann, CEO der Solothurner Spitäler AG.

Michel Lüthi

Aufgrund der bereits lange andauernden hohen körperlichen und psychischen Belastung sind viele Gesundheitsfachleute erschöpft, bestätigt Martin Häusermann, CEO der soH. Sie seien nicht mehr in der Lage, weitere Sondereinsätze zu leisten. Zudem sei die Fluktuation hoch, und es drohen weitere Kündigungen.

Die Erfahrung aus den vorhergehenden Pandemie-Wellen zeige, dass Gesundheitspersonen mit anderen fachlichen Schwerpunkten aus den Privatkliniken nur bedingt in den Solothurner Spitälern eingesetzt werden können. Für die spezialisierte Pflege auf den Intensivstationen benötigt es hochspezialisierte Fachkräfte.

Keine Erholung für Spitäler in Sicht

Kantonsarzt Lukas Fenner.

Kantonsarzt Lukas Fenner.

Michel Lüthi

Die tiefe Impfquote besorgt Kantonsarzt Lukas Fenner. Er geht davon aus, dass die Infektionszahlen und damit die Hospitalisationszahlen im Herbst und Winter erneut deutlich ansteigen werden. Die deutlich ansteckendere Delta-Variante dominiere das Infektionsgeschehen im Kanton Solothurn, so Fenner zur epidemiologischen Situation.

Susanne Schaffner hofft deshalb auf die Unterstützung der Solothurnerinnen und Solothurner. «Die Bevölkerung trägt einen wichtigen Teil bei: Wer geimpft ist, schützt nicht nur sich selber, sondern auch andere. Die Impfung ist das wirkungsvollste Mittel, die Pandemie endlich einzudämmen»

Protokoll der Medienkonferenz von Dienstag, 14 Uhr:

Die Medienkonferenz ist beendet.

14:38 Auf wann findet der Ausbau der Bettenzahl statt?
Susanne Schaffner, Regierungsrätin und Vorsteherin des Innendepartements, und Kantonsarzt Lukas Fenner sprechen vor den Medien.

Susanne Schaffner, Regierungsrätin und Vorsteherin des Innendepartements, und Kantonsarzt Lukas Fenner sprechen vor den Medien.

ckr

In Absprache mit der soH werde der Kanton die Bettenzahl bedarfsgerecht erhöht, so Regierungsrätin Schaffner. Kantonsarzt Fenner ergänzt, dass das Personal knapp sei. Deshalb müsse die Erhöhung flexibel und bedarfsorientiert erfolgen.

14:29 Dieter Hänggi, Chef Pflegedienst
Dieter Hänggi, Leiter Pflegedienst Bürgerspital Solothurn.

Dieter Hänggi, Leiter Pflegedienst Bürgerspital Solothurn.

Michel Lüthi

«Wir haben einen sprunghaften Anstieg von Hospitalisationen gehabt, das hat uns überrascht, obwohl wir darauf vorbereitet waren», sagt Dieter Hänggi, Leiter Pflegedienste des Bürgerspitals Solothurn. Der Betrieb im Bürgerspital Solothurn laufe jedoch weiter: Kranke werden gepflegt, Operationen durchgeführt, es kommen Kinder zur Welt.

Er möchte seinem Personal für seinen Einsatz danken, so Hänggi. Die Impfbereitschaft im Spital sei 90%. Das Pflegepersonal sei zwar häufig Impf-kritisch, aber diese hohe Impfbereitschaft zeige, dass die Mitarbeitenden sehr solidarisch seien.

14:22 Martin Häusermann, CEO Solothurner Spitäler AG
Martin Häusermann, CEO Solothurner Spitäler AG.

Martin Häusermann, CEO Solothurner Spitäler AG.

Hanspeter Bärtschi / SZ

Der Anstieg sei schneller gekommen als erwartet, so Häusermann. Die allermeisten IPS-Patienten seien nicht geimpft und er wage die Vermutung, dass sich die meisten auf Auslandsreisen infiziert hätten. Die nicht geimpften Infizierten seien häufiger schwer krank und müssten auf der Intensivstation gepflegt werden. Diejenigen Patienten, die geimpft sind, könne man hingegen an einer Hand ablesen.

Seit 18 Monaten komme nun eine Welle nach der anderen, das Spitalpersonal könne sich so nie richtig erholen, erklärt Häusermann. Das habe auch zu Personalabgängen geführt. Die Mitarbeiter bringen die Motivation für den Job teils nicht mehr auf. Zur Dauerbelastung komme die fehlende Planungssicherheit, weil kein Ende absehbar sei.

Vor zwei Wochen habe man den Operationsbetrieb zu reduzieren begonnen. Gestern Montag habe man nochmals deutlich reduziert. Man habe Bereiche zusammengelegt, um effizienter arbeiten zu können. Man müsse sehen: Das sind Patienten, die teils bis zu 4 Wochen auf der IPS liegen und die sehr viel Personal benötigen.

1500 Covid-Patienten habe man seit Krisenbeginn gepflegt in den Solothurner Spitälern – zusätzlich zum Normalbetrieb. Man könne sich vorstellen, wie gross die Belastung für das Personal sei. Darum: «Wir stehen vor unsere Leute hin und wollen sie schützen», sagt Häusermann.

14:17 Susanne Schaffner betont langfristige Lösung
Regierungsrätin Susanne Schaffner.

Regierungsrätin Susanne Schaffner.

Hanspeter Bärtschi / SZ

Bereits vor der Pandemie gab es einen Fachkräftemangel, so Susanne Schaffner. Das Pflegepersonal habe auf Ferien verzichtet, habe Überstunden geleistet, Personal sei zusätzlich rekrutiert worden, auch Aussteiger und Pensionierte.

Die Belastung des Personals sei sehr hoch. Die Pflegenden hätten gehofft, dass sich im Sommer viele Menschen impfen lassen und dass sich dadurch die Lage in den Spitälern entspannen würde.

Wegen der tiefen Impfquote trat dies jedoch nicht ein, im Gegenteil. In den Spitälern und speziell auf den Intensivpflegeplätzen lagen und liegen fast ausschliesslich ungeimpfte Personen. Das ist für das Pflegepersonal frustrierend, erklärt Schaffner.

Die Planung strebe eine langfristige Sicherung des Gesundheitsbetriebs im Kanton Solothurn an. Die Zertifikatspflicht empfiehlt die Regierungsrätin auch anderen Gesundheitseinrichtungen, etwa anderen Kliniken im Kanton Solothurn.

Der Kanton Solothurn unternehme indes alles, damit sich die Impfwilligen einfach impfen lassen können. Zahlreiche Impfwillige würden das angepasste Angebot annehmen, etwa mit mobilen Impfteams in Gemeinden vor Ort. Auch das BAG habe die Solothurner Impfkampagne als best-practice-Beispiel speziell gelobt.

In Deutsch-Integrationskursen würden neu gezielt die Besucher informiert. «Wir erhoffen uns, dass dies weitere Impfwillige animiert, sich impfen zu lassen, wenn sie sich entsprechend informieren können.»

14:11 Kantonsarzt Lukas Fenner zur epidemiologischen Lage
Kantonsarzt Lukas Fenner.

Kantonsarzt Lukas Fenner.

Hanspeter Bärtschi / SZ

Kantonsarzt Lukas Fenner spricht zur aktuellen Situation. Der Kanton Solothurn verzeichnet überdurchschnittliche Fallzahlen, im schweizweiten Vergleich. Die dominierende Virus-Variante ist auch im Kanton Solothurn die Delta-Variante. 40% infizieren sich im familiären Umfeld, etwa 20% in Schulen, gemäss Kenntnis des Contact Tracings.

52% der Bevölkerung sind schweizweit geimpft, was zu wenig sei. Die Lage ist angespannt und dürfte sich im Herbst und Winter weiter zuspitzen, vor allem wegen der tiefen Impfquote. Das bedeutet, dass die Spitäler an ihre Grenzen kommen werden.

Die IPS-Kapazitäten können nicht beliebig aufgestockt werden, betont Fenner. Der limitierende Faktor sei das Personal. Der Kanton hat dazu ein 3-Stufen-Modell, nachdem sich die Spitäler orientieren (siehe unten).

Neben der Aufstockung der Kapazitäten sollen Spitäler aber auch die Besuchsregelungen verschärfen, empfiehlt Kantonsarzt Fenner.

14:02 Frau Landammann Susanne Schaffner
Regierungsrätin Susanne Schaffner und Kantonsarzt Lukas Fenner treten vor die Medien.

Regierungsrätin Susanne Schaffner und Kantonsarzt Lukas Fenner treten vor die Medien.

Michel Lüthi

«Die Situation in den Spitälern ist angespannt und wir haben das Bedürfnis die Öffentlichkeit zu informieren, wie es in den Spitäler derzeit aussieht und was wir tun wollen», eröffnet Regierungsrätin Susanne Schaffner die Medienkonferenz. Man wolle zeigen, was dies für die Arbeit in den Spitälern bedeute.

14:00 Start der Medienkonferenz

Um 14 Uhr treten die Verantwortlichen von Kanton und Spitälern im Rathaus Solothurn vor die Medien. Anwesend sind Frau Landammann und Vorsteherin des Departements des Innern, Susanne Schaffner. Lukas Fenner, Kantonsarzt. Martin Häusermann, CEO der Solothurner Spitäler AG (soH). Dieter Hänggi, Leiter Pflegedienste des Bürgerspitals Solothurn.

Ausgangslage am Dienstag, 7. September

Die Lage in den Solothurner Spitälern ist angespannt – von den 17 Intensivpflegeplätzen waren zeitweise 15 durch Covid-Patienten belegt. Am Montag waren es 13, dazu 2 Nicht-Covid-Patienten.

In der Phase 0 (Normalbetrieb) erhöhen die Spitäler ihre IPS-Bettenzahl nicht. Sie warten, bis der Kanton die Eskalationsstufe erhöht. In Phase 1 wird die IPS-Bettenzahl auf 25 erhöht, in einer zweiten Phase sind bis zu 40 Intensivpflegebetten vorgesehen. Beide Eskalationsstufen bedeuten eine Reduktion der elektiven Behandlungen und eine Aufstockung des Personals.

Auszug aus der «Allgemeinverfügung vom 5. Juni 2020 betreffend Anordnungen an sämtliche Spitäler des Kantons Solothurn» des Solothurner Gesundheitsamts.

Auszug aus der «Allgemeinverfügung vom 5. Juni 2020 betreffend Anordnungen an sämtliche Spitäler des Kantons Solothurn» des Solothurner Gesundheitsamts.

PD/Kanton Solothurn

Am Dienstag will der Kanton Klarheit schaffen. Wie entwickelt sich die Situation im Kanton Solothurn und was bedeutet dies für die Situation der Solothurner Spitäler? Welche Massnahmen sind notwendig?

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