Solothurner Industrie

Maushart: «Wir verlieren industrielle Beschäftigung und Wertschöpfung»

Josef Maushart sieht einen «ungesunden Strukturwandel», unter welchem, die Industrie leidet.

Josef Maushart sieht einen «ungesunden Strukturwandel», unter welchem, die Industrie leidet.

Der Präsident des Industrieverbandes Solothurn und Umgebung, Josef Maushart, sorgt sich um den Werkplatz Kanton Solothurn. Er erwartet keine Massenentlassungen, aber einen schleichenden Abbauprozess.

Die Schreckensszenarien nach der Aufhebung des Mindestkurses vor neun Monaten haben sich bislang nicht bewahrheitet. Der Arbeitsmarkt blieb stabil. Hat die Industrie zu viel gejammert?

Josef Maushart: Die Arbeitslosenstatistik zeigt nicht die Ertragseinbussen der Unternehmen. Und diese sind doch sehr signifikant. Es sind Milliarden Franken, welche an Gewinnen verloren gegangen sind. Insofern ist die Innensicht der Industrie-Unternehmen schon dramatisch.

Aber gerade die Arbeitslosigkeit ist nicht massiv gestiegen.

Das stimmt. Aber die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie – kurz MEM – zählt landesweit rund 325'000 Beschäftigte bei insgesamt 4,8 Millionen Angestellten. Seit Januar wurden in der MEM-Industrie rund 5 Prozent abgebaut. Wir reden also von 15'000 Betroffenen im Verhältnis zu den 4,8 Millionen Beschäftigten. Das wirkt sich auf die Statistik kaum aus. Der Anteil der Beschäftigten in der MEM-Industrie ist viel zu klein, als dass diese Personalkorrekturen einen wesentlichen Ausschlag zeigen.

Wie kommen Sie auf die Zahl von 15'000 abgebauten Arbeitsplätzen?

Swissmechanic, der Verband der kleineren Industriefirmen, hat den Abbau von 3000 Jobs gemeldet, bis Ende Jahr sollen es rund 5000 sein. Wenn ich das hochrechne auf die grösseren Firmen, werden das rund 15'000 sein.

Die Statistik zeigt, dass ein Grossteil der Betroffenen offenbar wieder einen neuen Arbeitsplatz findet, wenn auch in anderen Branchen.

Beim Vergleich von Jahr zu Jahr ist die Arbeitslosigkeit im Kanton Solothurn, Stand September, deutlich gestiegen, nämlich 16 Prozent. Das ist nicht nichts. Landesweit beträgt das Plus nur rund sechs Prozent.

Ist es letztlich nicht ein Strukturwandel, der nicht aufzuhalten ist?

Strukturwandel an sich ist nichts Schlechtes, sondern ist ein laufender Prozess. Aber derzeit läuft ein ungesunder Strukturwandel ab. Wir verlieren industrielle Beschäftigung und Wertschöpfung, obwohl wir bei einem fairen Wechselkurs wettbewerbsfähig wären. Die Industrie verliert nicht etwas, weil sie schlecht ist, sondern, weil die Spielregeln verzerrt sind. Ein Vergleich: Wenn wir mit neun gegen elf Mann Fussballspielen, geht das Spiel verloren, weil wir geschwächt antreten müssen. Besonders schade ist, dass das verlorene Terrain nicht mehr zurückkommen wird. Auch wenn sich der Wechselkurs deutlich erholen sollte, dann kommt die ausgelagerte Wertschöpfung nicht mehr zurück.

Wie reagieren die Unternehmen darauf?

Sie sind mit einer sehr herausfordernden Situation konfrontiert. Aber sie kämpfen und agieren in dreierlei Hinsicht: Sie automatisieren, bringen neue Produkte auf den Markt bzw. spezialisieren sich und sie internationalisieren. So gewinnen die Firmen ihre Ertragskraft wieder zurück. Aber mindestens zwei dieser Massnahmen führen zu einem Rückgang der Beschäftigung, ohne dass es gross in der Statistik sichtbar wird. Der Prozess geht aber langsam, fast schleichend von statten, weil wir im Gegensatz zur Krise 2009 keinen Nachfrageschock haben, sondern einen Ertragsschock.

Wie stark lagern Firmen ihre Produktion tatsächlich aus?

Ich sehe nur wenige Firmen, die hier Produktionsteile schliessen, um sie im Ausland aufzubauen. Aber ich sehe Firmen, die nicht mehr in der Schweiz, sondern im Ausland investieren, kleinere Firmen akquirieren oder Niederlassungen aufbauen. Die Direktinvestitionen im Ausland steigen. Wenn überhaupt ein Ausbau der Produktion möglich ist, dann erfolgt dieser mehrheitlich eben nicht mehr hier, sondern im Ausland. Das läuft nicht panisch und hektisch ab, sondern langsam und langfristig.

Nutzen Unternehmer den Wechselkurs als willkommenes Alibi, um eine Auslagerung zu legitimieren?

Das beobachte ich – abgesehen von Einzelfällen – nicht. Die Firmen stehen in einem erbitterten Wettbewerb. Die allermeisten Firmen haben einen weit höheren Personalkosten- als Umsatzanteil in der Schweiz. Das heisst: Sie haben ein Währungsrisiko. Die Firmen müssen jetzt reagieren. Eine Verlagerung ist mit sehr hohen Investitionsaufwendungen verbunden, es geht ja nicht um drei Schreibtische, sondern um Produktionsanlagen. Das macht kein Unternehmer gerne.

Hat die Deindustrialisierung bereits eingesetzt?

Ja, ganz klar. Es ist aber keine Implosion, sondern ein langsamer Prozess. Es ist etwas in Bewegung geraten, was sich nur schlecht bremsen lässt. Deshalb spreche ich lieber von einer Erosion der Industriesubstanz.

Wird sich der Prozess beschleunigen?

Das hängt von einem Hauptfaktor ab: Wie entwickelt sich die europäische Wirtschaft? Wenn negativ, wird der Umbau der Industrie zügig voranschreiten. Aber nicht so, dass morgen die Industriesubstanz halbiert wird. Aber wenn in der Industrie pro Jahr fünf bis zehn Prozent der Beschäftigung verloren gehen, dann wird es über die Jahre eben auch happig.

Wird es zur grossen Entlassungswelle kommen?

Nein, der Prozess verläuft eben schleichend, vielfach ohne, dass er in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Es werden nicht reihenweise Firmen in Konkurs gehen. Die allermeisten Firmen werden das Überstehen, aber sie werden ihre Mitarbeiterzahl reduzieren und die hiesige Wertschöpfung wird auch zurückgehen.

Haben Sie Indizien dafür?

Was uns Schweizer besonders schmerzen wird: Unter diesen Rahmenbedingungen werden wir langsamer wachsen als die Deutschen. Dieses Auseinanderklaffen ist sichtbar. Ich sehe das in unserem Betrieb in der Metallbearbeitung. Die mengenmässige Nachfrage aus der Schweiz nach Werkzeugen liegt aktuell zehn Prozent unter Vorjahr, während sie in Europa um drei bis fünf Prozent über Vorjahr liegt. Das ist ein kritisches Signal. Denn aus dem Werkzeugbedarf lässt sich die Wertschöpfung ablesen.

Wie kann ein Unternehmen auf diese Herausforderungen reagieren?

Sie können wie erwähnt drei Dinge tun: neue Produkte entwickeln oder sich noch mehr auf Nischenmärkte spezialisieren, automatisieren und internationalisieren. Und die Betriebe machen das mit einem hohen Engagement. Das Wichtigste ist, dass die Unternehmen selbst stabil bleiben. Wenn eine Firma mit 100 Arbeitsplätzen im Kanton Solothurn wegen der schwierigen Ertragssituation eine Niederlassung im Ausland aufbaut und nach fünf Jahren in Solothurn noch 65 und im Ausland 50 Angestellte beschäftigt, ist das eine gute Situation. Viel besser, als wenn die Firma verharrt, mit der schlechten Ertragslage nicht mehr investiert und letztlich das gesamte Unternehmen gefährdet ist.

Sehen Sie Unterschiede beim Agieren, ob Firmen in schweizerischer oder in ausländischer Hand sind ?

Bei Schweizer Firmen ist die Chance gross, dass der Unternehmensmotor, also die zentralen Technologien, Kompetenzen und Entscheidungsfunktionen, hierzulande bleibt. Wir leben aber in einer liberalisierten Wirtschaft. Wir haben richtigerweise keine Vorbehalte gegen ausländische Investitionen in der Schweiz. Deshalb sind schätzungsweise die Hälfte der in der Schweizer Industrie Beschäftigten in Firmen in ausländischem Besitz tätig. Im Kanton Solothurn schätze ich diesen Anteil auf etwa 40 Prozent. Die Beurteilung von Standortfaktoren erfolgt in diesen Firmen anders. Wir werden spüren, dass die Besitzstruktur der Firmen einen Einfluss auf die Personalallokation in einem globalisierten Markt hat. Das trifft nicht nur für die Industrie, sondern auch für Dienstleister zu. Jüngstes Beispiel dazu ist die Grossbank Credit Suisse, welche ihre Personalressourcen den Märkten anpasst.

Aber gerade im Solothurnischen ist doch die Mehrheit der Industrie-KMU in Schweizer Besitz.

Bei der Anzahl Firmen trifft das zu, aber nicht bei der Anzahl der Beschäftigten. Um das geht es. Alle Firmen versuchen, rational zu handeln und sich anzupassen. Die in Schweizer Besitz werden das immer mit mehr Herzblut für den hiesigen Standort tun als internationale Konzerne.

Welche Rolle spielt die Sozialpartnerschaft im Prozess ums Überleben?

Sie ist enorm wichtig, Es braucht einen engen Dialog zwischen der Firmenleitung und der Belegschaft und zwar nicht nur in guten Zeiten. Die Firmeneigner sollen ihre Mitarbeitenden offen und ehrlich über die jeweilige Situation und allfällige Massnahmen informieren. Denn ohne Mitengagement der Mitarbeitenden kann das Überleben einer Firma nicht gesichert werden.

Wie wird die Solothurner Industrie in fünf Jahren aussehen?

Ich sehe kurzfristig für die Schweiz keine Stabilisierung; die Beschäftigung und der Auslastungsgrad werden weiter sinken. Kantonal können wir dem entgegenwirken, indem wir mit gut erschlossenen Industriearealen und steuerlichen Förderungen Neuinvestitionen in unserem Kanton unterstützen. Biogen ist das Paradebeispiel. Würde man diese Massnahmen nicht nur für «Neuzuzüger», sondern auch für ansässige Firmen anwenden, so könnte dem negativen Trend zumindest im Solothurnischen noch viel stärker entgegengewirkt werden.

Sprechen Sie die Medtechfirma Ypsomed an, welche über den Standort für ihren Ausbau nachdenkt?

Meine Aussage gilt generell, aber Ypsomed wäre ein typisches Beispiel dafür.

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