Der Branchenverband Swissmem zeichnet für die Schweizer Maschinen- und Metallindustrie für das laufende und kommende Jahr eine rosige Zukunft. Trifft das zu?

Josef Maushart:Rosig scheint mir etwas übertrieben zu sein. Die Umsätze und die Auslastung sind im vergangenen Jahr nach langer Zeit wieder leicht gewachsen. Das sind zwar erfreuliche Meldungen, aber die Bäume wachsen deswegen nicht in den Himmel.

Wie sieht es im Solothurnischen aus?

Im Raum Solothurn funktioniert eine Vielzahl von Unternehmen gut. Das sind vor allem diejenigen, die ein eigenes Produkt haben und gleichzeitig international tätig sind. Auf der anderen Seite hat es Firmen, die sich in einer ganz schwierigen Lage befinden. Insbesondere handelt es sich dabei um Zulieferbetriebe für die Automobilindustrie. Bei vielen dieser KMU stagniert der Geschäftsverlauf bestenfalls. Da geht die Schere klar auseinander. Das hat ja auch der Branchenverband in seiner Analyse aufgezeigt.

Darin steht, dass den KMU die Innovationskraft fehle. Stimmt das oft gezeichnete Bild von der innovativen Kleinfirmenlandschaft also gar nicht?

Grundsätzlich stimmt das Bild schon. Wir haben KMU-Betriebe, die hochgradig innovativ sind. Der entscheidende Punkt ist, ob eine Firma mit einem eigenen Produkt und einer eigenen Marke auf dem Markt ist. Denn was soll ein Zulieferer auf Produkteseite erneuern, wenn ihm diese vorgegeben ist? Die Grossabnehmer sagen dem Lieferanten, von dem und dem Teil brauche ich so und so viele Stück und nennen ihm nebenbei auch noch den Preis. Meist können nur grössere Zulieferbetriebe eigenes Know-how in die Entwicklung ihres Abnehmers einbringen.

Diese Rollenteilung galt doch schon früher.

Ja, aber etwas hat sich verändert. Die Schweiz ist weiterhin ein hervorragender Werkplatz, aber keine verlängerte Werkbank mehr für die Weltwirtschaft. Dafür ist der Standort Schweiz zu teuer geworden. Nur wenn wir unser Know-how, unsere Kreativität, das Branding und den Swissfinish in einem Produkt integrieren, können wir das auch hierzulande herstellen. Und wenn das nicht möglich ist, dann wird es schwierig. Deshalb ist die Unterscheidung zwischen Werkplatz und Werkbank wichtig.

Befindet sich die Solothurner Wirtschaft in einem Strukturwandel?

Das wäre übertrieben. Die Werkbank macht nur einen relativ kleinen Anteil an der Gesamtwirtschaft aus. Aber der Trend weg von der reinen Zulieferproduktion wird sich wohl fortsetzen.

Bedeutet dies letztlich weitere Auslagerungen?

Das wird so sein. Auch kleinere Firmen sind vermehrt gezwungen, die Kosten zu senken und auch immer öfter ihren Abnehmern an deren Produktionsstandorte zu folgen. Und das bedeutet Internationalisierung, sprich zusätzliche Produktionsstätten im Ausland. Es wird zum «Normalzustand» werden, dass ein Schweizer Unternehmen auch im Ausland Wertschöpfung erbringen wird. Da darf es keine Barrieren haben. Entscheidend ist, dass Schweizer Unternehmen von der Schweiz aus denken und lenken und den innovatorischen Kern hier behalten. Dass ein Unternehmen nicht nur global verkauft, sondern auch global produziert, ist eine gesunde Entwicklung. Die Grossunternehmen tun das seit langem mit Erfolg.

In der Industrie sind die Umsätze gestiegen, aber die Zahl der Beschäftigten laut Branchenverband gesunken.

Allein um beispielsweise die negativen Einflüsse der Wechselkurse auf die Erträge der Firmen ausgleichen zu können, müssen die Unternehmen mit schlankeren Strukturen agieren. Ein Umsatzwachstum von zwei bis drei Prozent reicht nicht aus, um das Kostenproblem zu lösen. Rationalisierungen und Automation sind Pflicht, damit die Firmen krisenresistent aufgestellt sind.

Da wird die Arbeitslosigkeit steigen.

Im Vergleich zum Ausland haben wir in der Schweiz faktisch Vollbeschäftigung, obwohl das jeder Direktbetroffene natürlich anders beurteilt. Wer aber in der Schweiz beruflich gut qualifiziert, motiviert und engagiert ist, findet heute in der Regel einen Arbeitsplatz. Auf der anderen Seite wird es für die Unqualifizierten immer schwieriger. Deshalb plädiere ich vehement dafür, dass sich der Staat und auch die Unternehmer in der Erwachsenenbildung viel stärker engagieren müssen.

Profitiert die hiesige Exportwirtschaft von der besser laufenden Konjunktur in den USA und in Europa?

Das trifft zu, wie die erwähnt höhere Auslastung belegt. Und wenn alle Absatzmärkte deutlich zulegen würden, könnte auch der hiesige Zulieferbetrieb gut funktionieren. Die Industrienationen befinden sich aber in einer Reifephase mit Wachstumsraten zwischen null und zwei Prozent und genügend Kapazitäten. Deshalb müssen sich Solothurner und generell Schweizer Unternehmen so ausrichten, dass sie sich auch in einem mehr oder weniger stagnierenden Umfeld gut entwickeln können.

Und welches sind die Rezepte?

Die Unternehmen müssen zwingend ihre Anstrengungen in Richtung Automation und Rationalisierung maximieren. Denn das Ertrags- kommt klar vor dem Umsatzwachstum. Wir sollten nicht ins Volumen, sondern in die Rationalisierung investieren.

Auch hier: Es verschwinden Arbeitsplätze . . .

Ich gehe davon aus, dass die Beschäftigtenzahl über die nächsten Jahre stabil bleiben wird. Wachstum und Rationalisierung werden sich die Waage halten. Aber heute muss ein Unternehmen oft schon deshalb rationalisieren, weil es wegen der demografischen Entwicklung keine geeigneten Arbeitskräfte mehr findet. Entscheidend ist deshalb, dass der Unternehmer seinen Beschäftigten Weiterbildungsmöglichkeiten anbietet. Heute ist es problemlos möglich, Mitarbeitende berufsbegleitend auf höhere Aufgaben hin zu qualifizieren. Stichwort etwa ist die Nachholbildung. Und wie bis anhin gilt es, den eigenen Nachwuchs selber auszubilden.

Liegt das nicht in der Eigenverantwortung jedes Einzelnen?

Primär muss jeder Bürger selbst dafür besorgt sein, dass er gut qualifiziert für den Arbeitsprozess ist. Und die Eltern sollten die Ausbildung ihrer Kinder nicht dem Zufall überlassen, sondern sich aktiv und in der ganzen Breite damit auseinandersetzen. In der Schweiz gibt es beispielsweise viel mehr Geschäftsführer, die ihre Karriere mit einer Berufslehre begonnen haben, als solche mit einer gymnasialen Matur.

Und dann ist alles gut?

Nein, das reicht natürlich nicht. Jeder Unternehmer muss sich überlegen, mit welchen Produkten er für seine Kunden einen höheren Nutzen generieren und sich somit an neuen Chancen orientieren kann. Ein Beispiel ist die Energiewende. Die Ausrichtung auf erneuerbare Energie bietet eine riesige Chance, weil die Wende mit gewaltigen Investitionen in neue Technologien und Güter verbunden sein wird. Daraus ergeben sich für flexible KMU viele Geschäftsmöglichkeiten.

Gehen Sie davon aus, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise definitiv überwunden ist?

Im Gegenteil. Ich befürchte, dass sich eine Krise im Stil von 2009 durchaus wiederholen kann. Es gibt eine Unzahl ungelöster globaler Probleme und irrationale Entwicklungen. Die Schuldenkrise in Europa etwa oder viele politische Krisenherde. Zudem ist die Weltwirtschaft nach wie vor mit Billigstgeld überschwemmt, es droht das Platzen weiterer spekulativer Blasen, zum Beispiel im Immobiliensektor in Asien.

Was kann ein Unternehmer vorkehren?

Er muss seinen Betrieb so steuern, dass er eine Wiederholung der Krise verkraften kann. Die Firmen müssen sich ein Sicherheitspolster, bestehend aus Ertragsquote und Eigenfinanzierungsgrad, schaffen. Ich weiss aus eigener schmerzlicher Erfahrung mit meiner Firma Fraisa, dass Volumen und Wachstumsgeschwindigkeit allein in der Krise nichts nutzen. Wir wurden 2009 in einer schnellen Expansionsphase mit zweistelligem Wachstum, aber auch hohen Investitionen und Vorleistungen in die Zukunft von der Krise erwischt. In einer nach wie vor fragilen weltwirtschaftlichen Entwicklung empfehle ich deshalb allen Unternehmern, den Eigenfinanzierungsgrad hochzuhalten und stärker auf die Ertrags-, statt auf die Wachstumsquote zu schauen.