1100 Mitglieder zählte das Unterstützungskomitee, das Brigit Wyss für den Regierungsrat empfohlen hat. Auch zahlreiche Prominenz aus allen Bereichen der Gesellschaft verwendete sich für die grüne Politikerin. Genützt hat es nichts bzw. zu wenig – entsprechend gross ist die Enttäuschung. «Ich bin perplex», kommentiert die Grenchner Islamwissenschafterin und Publizistin Amira Hafner-Al Jabaji das Wahlergebnis. «Nach dem guten Abschneiden beim ersten Wahlgang habe ich fest mit ihrer Wahl gerechnet.»

«Grüne Kraft»

Mit Brigit Wyss wäre endlich eine «grüne Kraft» in der Regierung vertreten, zudem eine zweite Frau und eine Person, «die sich durch einen breiten Lebenslauf und eine grosse Themenvielfalt auszeichnet», so Amira Hafner. «Sehr gehofft auf eine zweite Frau» in der Solothurner Regierung, die zudem «grüne Themen» vertritt, hat auch Silvia Capus, Mutter des gleichnamigen Schriftstellers. «Ökologische Themen werden für mich immer wichtiger», sagt die ursprünglich in der SP verankerte Frau.

«Ich bin masslos enttäuscht», gesteht Ursula Grossmann, alt Kantonsrätin der Grünen und Leiterin der Kampagne von Brigit Wyss. Diese sei eben gerade keine Fundamentalistin, wie viele vielleicht befürchtet haben, sondern biete Hand zur Ausarbeitung von Lösung. Mit Brigit Wyss hätte zudem die «historische Gelegenheit» bestanden, die Frauenvertretung in der Regierung – ein altes Anliegen der Grünen – zu erhöhen. Als Grund für die Niederlage «ihrer» Kandidatin nennt Grossmann den «Zusammenhalt der bürgerlichen Allianz» sowie die Bereitschaft vieler Linker, zusätzlich auch bürgerliche Kandidaten zu portieren.

Wäre «sehr schön» gewesen

Für die grünliberale Irene Froelicher, die neben Fraktionskollege Roland Heim auch Brigit Wyss unterstützt hat, hätte Letztere für «eine breitere Meinungsvielfalt» in der Regierung gesorgt. «Das Mitte-Links-Lager ist in der neuen Regierung, in der drei Gewerbevertreter sitzen, untervertreten», ist sie überzeugt. Zudem zeichne sich Wyss im Bereich Umwelt durch eine hohe Kompetenz aus. Und schliesslich wäre es «sehr schön» gewesen, endlich zwei Frauen in der Regierung zu haben.

«Das Gruppenfoto der neuen Regierung kommt schon sehr einseitig männlich daher». Das sagt nicht etwa eine weitere Frau, sondern Schauspieler Rhaban Straumann, ebenfalls Mitglied im Unterstützungskomitee von Brigit Wyss – und Sohn des abtretenden CVP-Regierungsrates Walter Straumann. Nicht ganz auf der politischen Linie seines Vaters hält er fest: «Wenn der Aargau es geschafft hat, eine grüne Politikerin in die Regierung zu wählen, dann sollte das in Solothurn eigentlich auch möglich sein.» Aber eben: «Der Kanton Solothurn ist noch nicht so weit.»

Politische Lager spielen eine bedeutende Rolle

Zum gleichen Schluss gelangt auch Autor und Lehrer Franco Supino. «Eine Persönlichkeit mit dem Profil von Brigit Wyss wäre in anderen Regionen der Schweiz gewählt worden.» Supino hebt neben dem «ungewöhnlich vielfältigen Lebenslauf» die kantonsübergreifende politische Erfahrung hervor, die sich Wyss als Nationalrätin und Bundesratskandidatin angeeignet habe. «Im Kanton Solothurn aber spielen selbst bei Persönlichkeitswahlen die politischen Lager immer noch eine bedeutende Rolle.» Die gleiche Erfahrung wie jetzt Brigit Wyss hätte in den 90er-Jahren bereits SP-Frau Doris Aebi machen müssen oder auch SP-Urgestein Ernst Leuenberger, der mehrmals vergeblich für die Regierung kandidiert hat.

«Ich habe gehofft, dass endlich eine Politikerin mit ökologischen Ideen in die Regierung Einzug hält», betont Roger Liggenstorfer, Verleger und Inhaber der Absinthbar «Die Grüne Fee» in Solothurn. Ganz nach dem Motto des Solothurner Liedes «’s isch immer so gsi» hätten aber die traditionellen Seilschaften, sprich: die bürgerliche Allianz, den Wahlausgang bestimmt.

Verzicht auf kompetente Regierungsrätin

«Die bürgerliche Mobilisierung hat sehr gut funktioniert», stellt auch der Solothurner Psychiater Peter Gasser fest. Dies aber bedeute gleichzeitig den Verzicht auf eine «kompetente Regierungsrätin», die sich durch «Teamfähigkeit und Sachverstand» auszeichne. Auch Peter Gasser unterstreicht, dass die Erfahrungen von Brigit Wyss über die Kantonsgrenzen hinaus gehen. «Sie ist schweizweit gut vernetzt und das wird für ein erfolgreiches Politisieren auch auf kantonaler Ebene immer wichtiger.»