Gewerbeverband
Marianne Meister: «Mein Herz schlägt für das Gewerbe»

Die designierte Präsidentin des kantonalen Gewerbeverbandes Marianne Meister sieht sich als «Aussenministerin». Sie wird am kommenden zur obersten Gewerblerin des Kantons gewählt.

Franz Schaible
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Marianne Meister im eigenen Laden in Messen.Hanspeter Bärtschi

Marianne Meister im eigenen Laden in Messen.Hanspeter Bärtschi

Sie werden am Montag zur obersten Gewerblerin des Kantons gewählt. Haben Sie das Amt als Präsidentin des Kantonal-Solothurnischen Gewerbeverbandes gezielt gesucht?

Marianne Meister: Nein, ich wurde angefragt. Es ist für mich eine Chance, die ich gerne anpacke. Denn mein Herz schlägt für das Gewerbe. Ich bin in einem Gewerbebetrieb aufgewachsen. Schon als Kind bekam ich bei Diskussionen am Küchentisch die Freuden und Leiden des Kleingewerbes mit.

Welches ist Ihre Motivation, das Präsidium zu übernehmen und damit als «Chefin» von rund 2800 Mitgliedern zu wirken?

Ich will mich engagieren, dass die Gewerbetreibenden eine starke Stimme erhalten, auch innerhalb des Kantonsrates. Zudem reizt mich die spannende Führungsaufgabe. Aber ich fühle mich nicht als «Chefin». Ich will eine starke Partnerin des Gewerbes sein und bin bereit, als eine Art Aussenministerin für die Gewerbler hinzustehen, um der Branche als Ganzes ein Gesicht zu geben.

Das «Lädelisterben» ist zwar ein Begriff aus den frühen 80ern, ist aber immer noch aktuell. Regelmässig müssen kleinere Detailhandelsläden schliessen. Warum?

Das kennen wir aus eigener Erfahrung. Im vergangenen Sommer haben wir unseren Kleiderladen aufgegeben und Ende Mai übergeben wir unsere «Filiale» in Bätterkinden einem neuen Betreiber. Wir kämpfen mit einem extremen Margendruck. Die Kunden vergleichen heute nicht nur mit den Preisen der Grossverteiler, sondern häufiger auch mit jenen im benachbarten Ausland.

Sie führen das Lebensmittelgeschäft in Messen seit 1996 erfolgreich. Haben Sie ein Geheimrezept?

Mein Mann und ich stehen beide im Geschäft. Der zeitliche Aufwand ist enorm. Es bedingt die Bereitschaft, selbst Hand anzulegen und hart zu arbeiten. Es gilt, die Kosten immer im Griff zu halten. Zudem sorgen unsere sehr guten Mitarbeitenden dafür, dass sich die Kunden im Laden wohlfühlen.

Wenn ein Dorfladen schliesst, reagiert die Bevölkerung jeweils mit grossem Bedauern. Sind das angesichts des Einkaufsverhaltens nur Lippenbekenntnisse?

Das trifft genau zu. Aber offenbar funktioniert der Mensch einfach so. Bestes Beispiel sind die Diskussionen über die Ladenöffnungszeiten. Viele Liberalisierungsgegner kaufen am Sonntag ganz selbstverständlich ihr Gipfeli in den geöffneten Läden. Die Menschen vertreten zwar eine Meinung – in diesem Fall gegen längere Öffnungszeiten – handeln aber ganz anders. Das nenne ich inkonsequent. Aber ich will jetzt nicht jammern. Unser Laden läuft gut und wir können auf eine gute und vor allem treue Kundschaft zählen.

Was kann ein Detailhandelsgeschäft aktiv vorkehren, damit die Dorfbevölkerung auch dort einkauft?

Es braucht einen guten Mix an verschiedenen Dingen: Ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, Service-Leistungen wie Beratung und Anbieten von Dienstleistungen, regionale Produkte und genügend Parkplätze vor dem Laden.

Welche Haltung vertreten Sie als Kleingewerblerin in Sachen Ladenöffnungszeiten?

Ich plädiere für eine vollständige Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten. Im Wissen, dass dies politisch nicht realisierbar ist, befürworte ich die von National- und Ständerat bereits abgesegnete harmonisierte Lösung. Demnach dürfen die Läden landesweit werktags von 6 bis 20 Uhr und samstags von 6 bis 19 Uhr offen sein. Und auch am Sonntag sollen zumindest Blumengeschäfte, Bäckereien sowie Lebensmittelgeschäfte von 8 bis 18 Uhr geöffnet sein dürfen.

Darüber wird es eine Volksabstimmung geben. Wenn das Volk Ja sagt, werden Sie dann Ihren Laden maximal möglich offen halten?

Für unseren Standort würde sich mit grösster Wahrscheinlichkeit nichts ändern. Es geht mir aber nicht bloss um Ladenöffnungszeiten. Ich bin grundsätzlich für gleich lange Spiesse für alle Betriebe. Es nervt mich, dass Tankstellenshops, die heute das volle Sortiment eines Lebensmitteldetaillisten anbieten, länger offen haben können als Läden im Dorf. Das ist falsch.

Heisst für Sie volle Liberalisierung Einkaufen während 24 Stunden?

Im Prinzip ja. Jeder Ladenbesitzer soll selbst entscheiden dürfen, wann er offen haben will oder nicht. Jeder Standort eines Ladens deckt unterschiedliche Bedürfnisse ab. Das geht über das reine Verkaufen hinaus. Die Gewerbler müssen die Möglichkeit haben, Arbeitsplätze zu schaffen und Ausbildungsplätze anzubieten.

Was sind Kundenbedürfnisse?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel. In Messen hat es ein Schwimmbad, welches in den Hochsommermonaten bis 21 Uhr geöffnet ist. Unser Geschäft müssen wir aber, wie im stockdunklen Winter, bereits um 18.30 Uhr schliessen. Das passt einfach nicht zusammen. Hier müssen wir flexibel agieren können.

Profitieren von längeren Öffnungszeiten nicht nur die «Grossen»?

Das kann sein, hängt aber sehr vom jeweiligen Standort des Geschäftes ab. Der «Kleine» ist flexibel und er muss aus seinem Standort das Beste herausholen. Dazu zählen nicht nur die Öffnungszeiten. Der Detaillist muss auch an seiner Qualität arbeiten und Dienstleistungen anbieten, die eben nur die «Kleinen» können.

Die Gewerkschaften fürchten, dass sich die Arbeitsbedingungen des Personals weiter verschlechtern.

Das sehe ich ganz anders. Wir beschäftigten beispielsweise sehr viele Mitarbeitende in Teilzeit. Das ist zwar organisatorisch schwierig zu bewältigen, aber wir haben keine Mühe, motiviertes Personal zu finden. Wir können diesen Interessierten eine Möglichkeit bieten, auch in Randstunden arbeiten zu können. Wir zwingen niemanden, diese Stellen zu besetzen.

An der Urne hatten Liberalisierungsschritte bislang keine Chance. Ist das nicht eine Zwängerei?

Nein. Die Gegner betreiben eine Politik der Angstmacherei, die offenbar verfängt. Dabei stimmt das Einkaufsverhalten überhaupt nicht mit dem Stimmverhalten überein. Die Läden, die heute schon länger offen haben, werden überrollt von Kunden.

Aber auch «Lädeli»-Besitzer lehnen eine Liberalisierung ab.

Das trifft zu. Ich denke, nicht alle Gewerbetreibenden sehen die Chancen der Liberalisierung, sondern nur die Risiken.

Kommen Sie da als Präsidentin in einen Clinch mit einem Teil der Mitglieder?

Nein. Ich werde meine persönliche klare Position vertreten, aber niemanden zu etwas zwingen. Wenn wir im Vorstand in der Diskussion eine Meinung beschliessen, dann werde ich diese vertreten.

Ihr Vorgänger, Rolf Kissling, präsidierte den Verband während 15 Jahren. Wie lange werden Sie bleiben?

Ich habe mir keinen Zeitplan zurechtgelegt. Eine Sesselkleberin bin ich aber nicht. Solange ich mit Herz und Begeisterung das Amt ausüben kann, werde ich bleiben. Wenn sich eine gewisse Gewohnheit und Trägheit bemerkbar machen und das innere Feuer fehlt, dann werde ich zurücktreten.

Ist das Präsidialamt ein Zwischenschritt auf Ihrer weiteren Karriere, zum Beispiel in Richtung Regierungsrat?

Das Mandat ist für mich in keiner Weise ein Sprungbrett für irgendetwas. Wie gesagt, ich bin motiviert, das neue Amt auszuüben und ich werde mein Bestes geben.

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