Amtsgericht Solohturn-Lebern
Mann wird vom Vorwurf der sexuellen Nötigung freigesprochen

Wollte sie ihm doch nur seine Grenzen aufzeigen? Eine junge Frau wirft einem Mann sexuelle Nötigung vor. Die Versionen von Angeklagten und Klägerin unterscheiden sich deutlich.

Christof Ramser
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Das Versenden intimer Fotos kann zur Belastung werden. (Themenbild)

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Pro Juventute

Wollten die beiden ihre Grenzen austesten? Oder hat er sie nach einem harmlosen Techtelmechtel sexuell genötigt? Sexuelle Nötigung ist eine schwere Straftat – eine der schwersten, die das Gesetz kennt. Doch der Vorwurf an einen 20-jährigen Schweizer wog zu schwer, um ihn deshalb zu verurteilen. Am Dienstag sass der junge Mann vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern.

Mit knappen Sätzen schilderte er einen Abend im Januar 2013. In einer Bar am Solothurner Landhausquai lernte er die damals 17-jährige Frau kennen. Ziemlich schnell kamen sich die beiden näher. Bald standen sie vor der Bar, wo sie gemäss Anklageschrift «Zungenküsse und anderweitige Zärtlichkeiten» ausgetauscht haben. Man entschloss sich, einen Spaziergang zu machen. «Ich wollte ein bisschen reden», sagte der Mann. Er habe jemanden gebraucht, dem er seine Sorgen mit der Ex-Freundin anvertrauen konnte. Wo die beiden entlangliefen, konnte vor Gericht nicht geklärt werden.

Klar ist: Irgendwann landeten sie im Burrisgraben, den man auch als Chüngeligraben kennt. Dort habe man sich geküsst, einvernehmlich, wie der Beschuldigte sagte. «Mehr wollte ich nicht, ich kannte sie ja kaum.» Bei expliziten Fragen des Gerichtspräsidenten Rolf von Felten gab er sich einsilbig. Jedenfalls habe er dann am Westbahnhof den Zug genommen. Vielleicht war da aber auch mehr. «Ich weiss es nicht mehr», sagte er immer wieder.

Psychisch unter Druck gesetzt?

Ganz anders hört sich die Version der Klägerin an. Demnach sei es nicht beim Küssen geblieben. Obwohl sie seine Versuche abwiese, griff er unter den BH und in die Hose des Opfers. Schliesslich habe er ihre Hand gepackt und an den entblössten und erigierten Penis geführt. Er wollte, dass sie ihm «einen runterholt». Weil sie dagegen war, habe er ihr vorgeschlagen, dass er sich selber befriedige und sie anspritzen würde. Schliesslich habe sie weggehen und am Amthausplatz in den Bus steigen können. Der Mann habe ihr gedroht, dass er mit seinen Freunden kommen würde, wenn sie jemandem etwas davon erzähle.

Die Anwältin der Klägerin stellte klar, dass die Sache sehr belastend sei. Ihre Mandantin wolle verhindern, dass der Angeschuldigte, der an seinem Wohnort keinen guten Ruf im Umgang mit Frauen habe, weitere Frauen derart angehe. «Er kann offenbar ein Nein nicht akzeptieren. Deshalb muss man künftige Opfer vor ihm schützen.» Sie verlangte eine bedingte Freiheitsstrafe von zehn Monaten und eine Genugtuung für die Klägerin.

Im Zweifel für den Angeklagten

Weil Aussage gegen Aussage stand, musste das Gericht entscheiden, welche Version der Geschichte glaubwürdiger ist. «Falls es zu einer Verurteilung kommt, dürfen keine Zweifel vorliegen, die es nicht zu überwinden gibt», sagte Amtsgerichtspräsident Rolf von Felten. Beide Aussagen seien in gewissen Punkten widersprüchlich.

Aus Mangel an Beweisen wurde der Mann vom Vorwurf der sexuellen Nötigung freigesprochen. Die Klägerin habe zwar bei der ersten polizeilichen Aussage detaillierte Aussagen gemacht. Diese seien aber bei einer späteren Videobefragung nicht mehr erwähnt worden. Zudem habe die Klägerin zwar immer wieder gesagt, dass sie ein ungutes Gefühl habe. Trotzdem habe sie sich teilweise auf den Beschuldigten eingelassen und sei mit ihm in den dunklen Chüngeligraben gegangen. Zudem sei der SMS-Verkehr widersprüchlich.

Auch in der Bar habe die Frau bereits handfeste Andeutungen gemacht, dass sie körperlichem Kontakt nicht abgeneigt sei. Dass sie von ihren Freunden deshalb implizit als «Schlampe» dargestellt worden sei, habe diese wohl verletzt, so von Felten. Und in ihrer Version habe sie sich von der Mittäterin zum Opfer gemacht.

«Ein ungutes Gefühl bleibt», sagte der Gerichtspräsident. «Mein Bauchgefühl sagt mir, eher der Version der Klägerin zu glauben.» Doch solange er nicht überzeugt sei von der Schuld, könne er den Angeschuldigten nicht verurteilen. Eine Genugtuung gibt es weder für die Klägerin noch für den Angeklagten.