Amtsgerichtspräsident Ueli Kölliker machte am Mittwoch von Anfang an klar, dass in dem Verfahren gegen Farid S.* eigentlich nur eine Frage gestellt werden müsse. Als er sich aber dann persönlich an den Angeklagten richtete, macht er doch deren drei daraus: «Kennen Sie die Anklageschrift?» – «Anerkennen Sie den Sachverhalt, der dieser Anklageschrift zugrunde liegt?» – «Sind Sie mit den einzelnen Anträgen der Staatsanwaltschaft einverstanden?»

Der 37-jährige Algerier, der zuletzt in Strassburg wohnhaft war und gutes Hochdeutsch spricht, antwortete stets mit einem knappen Ja und meinte noch, dass er um Entschuldigung bitte. Anschliessend verfolgte er mit verschränkten Armen die nacheinander gehaltenen Plädoyers des Staatsanwalts und des amtlichen Verteidigers, die beide versuchten, dem Gericht das abgekürzte Verfahren schmackhaft zu machen.

Die Argumente der Anwälte

Unter anderem war so von beiden Seiten zu erfahren, dass sich Farid S. bisher in seinem Leben nichts zu Schulden kommen liess, ein Geständnis ablegte und alle Zivilforderungen anerkennt. Beide Anwälte erwähnten zudem den Umstand, dass das abgekürzte Verfahren auch im Sinne des Opfers sei. «Ihm wird erspart, noch einmal Fragen zur Intimsphäre gestellt zu bekommen. Zudem bringt das Urteil Rechtssicherheit, denn Berufung einzulegen, wird nicht mehr möglich sein», sagte Staatsanwalt Claudio Ravicini. Sekunden zuvor bezeichnete er das objektive Tatverschulden als «sehr hoch» und sprach von «multipler sexueller Ausnutzung».

Daniel Gehrig, der amtliche Verteidiger von Farid S., erwähnte noch, dass man der Privatklägerschaft mit der Annahme der «grosszügigen» Zivilforderungen gar entgegengekommen sei. Schliesslich stellten beide Anwälte den Antrag, Farid S. im Sinne der Anklage – im abgekürzten Verfahren – wegen sexueller Nötigung, Raub und Hehlerei zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten (8 Monate unbedingt) zu verurteilen. Was aber hatte der 37-Jährige genau verbrochen?

Nach Nötigung noch Raub

Es ist fast neun Monate her, als der gebürtige Algerier kurz vor 23 Uhr einen jungen, stark alkoholisierten Mann am Hauptbahnhof Solothurn ansprach und ihm eine Rohrzange vors Gesicht hielt. Er drohte dem Pendler, dass er ihm die Rohrzange auf den Kopf schlagen würde, sollte er ihm nicht gehorchen. Da der Bedrohte eine Beinprothese trug und deshalb in seiner Beweglichkeit stark eingeschränkt war, fühlte er sich aufgrund der körperlichen Überlegenheit von Farid S. stark eingeschüchtert und sah keine Möglichkeit zur Flucht. So musste er dem Algerier in einen Bus Richtung Biberist folgen, sich neben ihn setzen und ihm im Intimbereich berühren. Weil sich der junge Mann zu diesem Zeitpunkt weiterhin bedroht fühlte, zog er es nicht in Betracht, den Busfahrer zu alarmieren.

Bei der Bushaltestelle Bromegg in Biberist verliessen die beiden schliesslich den Bus und Farid S. drängte sein Opfer, ihm in ein nahe gelegenes Waldstück zu folgen. Dort nötigte er den jungen Mann, ihn oral und manuell zu befriedigen sowie Analverkehr zu erdulden. Nach dieser Tortur raubte Farid S. auch noch die Armbanduhr und das Handy seines Opfers, und machte sich aus dem Staub.

«Strafe im unteren Bereich»

Die anschliessende Strafuntersuchung richtete sich dann erst gegen eine unbekannte Täterschaft, bis später die Polizei dank verschiedener DNA-Tests Farid S. als Täter ermitteln konnte. Deshalb wurde er am 20. November 2014 festgenommen und befindet sich seit diesem Zeitpunkt in U-Haft. Er gestand den Übergriff und erkannte alle Zivilforderungen seines Opfers an. Dieses stimmte darum ebenfalls einem abgekürzten Verfahren zu, weshalb es zur gestrigen Kurzverhandlung kam, bei deren das Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt nach einer knappen Stunde Urteilsberatung den Anträgen der Anwälte stattgab.

Der Amtsgerichtspräsident Ueli Kölliker erklärte vor den Anwesenden, dass die Voraussetzungen für ein abgekürztes Verfahren gegeben seien. «Die Strafe befindet sich für solche Delikte aber im unteren Bereich. Bei einem Verfahren mit normalem Ablauf wäre sie sicherlich höher ausgefallen», bemerkte Kölliker kritisch in Richtung Staatsanwalt. Entsprechende Argumente für ein Abgekürztes seien aber vorgebracht worden, und der Angeklagte habe mit seinem Geständnis dazu beigetragen, dass das Gericht davon ausgeht, dass er sich in Zukunft rechtens verhalten werde.

Da bei einem abgekürzten Verfahren kein Beweisverfahren geführt wird, blieb die Frage, warum ein 37-jähriger Mann, der sich in seinem ganzen Leben nie etwas zu Schulden kommen liess, auf einmal den Drang verspürte, einen anderen Mann zu vergewaltigen, unbeantwortet.

Wann Farid S. wieder auf freien Fuss kommt, ist hingegen bereits jetzt klar. Wie üblich wird ihm nämlich die bereits hinter Gitter verbrachte Zeit angerechnet, weshalb er wahrscheinlich schon am 19. Juli aus der Haft entlassen wird.

* Name der Redaktion bekannt.