Amtsgericht
Mann überfiel 72-jährige Frau mit einer falschen Pistole

Im März wurde die 72-jährige Hanni S. in ihrem Zuhause von einem maskierten und bewaffneten Mann überfallen. Am Montag standen Täter und Opfer vor dem Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt.

Christoph Neuenschwander
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Mann überfiel Frau mit falscher Pistole. (Symbolbild)

Mann überfiel Frau mit falscher Pistole. (Symbolbild)

Keystone

Mit zittriger Stimme schilderte Hanni S. gestern dem Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt, was in jener Winternacht geschah. Mehrmals atmete sie schwer durch, ehe sie fortfuhr.

Es war etwa 21 Uhr, an einem Abend im März, als es bei der 72-jährigen Hanni S.* an der Tür klingelte. Sie sass alleine vor dem Fernseher, Mann und Hund waren verreist. Die Rentnerin ging zur Tür und machte sie einen Spalt weit auf. Sie hatte vermutet, es sei ihre Tochter.

Mit zittriger Stimme schilderte Hanni S. gestern dem Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt, was in jener Winternacht geschah. Mehrmals atmete sie schwer durch, ehe sie fortfuhr. «Was ist dann passiert?», fragte Amtsgerichtspräsident Ueli Kölliker. Hanni S. seufzte und sagte schliesslich: «Da stand einer vor der Tür, schwarz vermummt, mit einer Pistole, die er auf mich richtete.» Bei der Waffe handelte es sich um eine Attrappe. Das wusste die Frau nicht.

An der Stimme erkannt

Der Mann drückte die Tür auf, versicherte der älteren Dame, dass er ihr nichts tun werde, und verlangte ihr Portemonnaie. Sein Gesicht konnte Hanni S. nicht sehen, auch die Hände nicht, die in Handschuhen steckten. Aber sie erkannte seine Stimme, den russischen Akzent, seine Art zu gehen. Es war der Mann, der seit einigen Monaten bei ihrem Mieter wohnte: Viktor P.* aus Deutschland. Doch sie verriet ihm nicht, dass sie wusste, wer er war. «Ich hatte Angst, dass er durchdrehen und auf mich schiessen würde», erklärte sie den Richtern.

Der 34-Jährige ging mit der Rentnerin ins Wohnzimmer, wo er sie fragte, ob sie Bier oder Wein habe. Er holte Wein für sie beide, doch Hanni S. wollte nur Wasser, weil sie einen trockenen Mund hatte. Also holte er ihr ein Glas aus der Küche. Dann drehte er sich weg, um den Vorhang zu ziehen. Während er an der Kordel hantierte, rannte sie aus dem Haus, hielt auf der Strasse ein Auto an und stieg ein. Ob er ihr gefolgt sei, wisse sie nicht, sagte sie gestern vor dem Amtsgericht. Sie habe auch nicht gesehen, wie er Geld aus ihrer Brieftasche nahm. Es hätten jedoch danach 180 Franken gefehlt.

«Ich habe sie laufen lassen»

Viktor P. hatte die Aussage gegenüber der Staatsanwaltschaft verweigert. Gestern sprach er erstmals über die Tat – und gestand. Er habe jedoch kein Geld genommen und Hanni S. somit nicht ausgeraubt. Er habe der Vermieterin lediglich einen «Denkzettel» verpassen wollen. Die Wohnung, in der er und der Mieter lebten, sei sanierungsbedürftig gewesen. «Ich wollte das Dach reparieren. Das hätte ich gratis gemacht, ich wollte nur Geld für das Material. Aber ich kriegte bloss leere Versprechen. Man darf so mit Leuten nicht umgehen.»

Also wollte er der Frau einen Schrecken einjagen. «Ich sah aber, dass sie mit den Nerven am Ende war. Ich bot ihr Wein an, um sie zu beruhigen. Aber sie wollte keinen. Also drehte ich mich zum Vorhang, damit sie abhauen konnte. Im Fenster sah ich natürlich, dass sie aufstand.» Auf die Frage, weshalb er nicht einfach gegangen sei, anstatt die Frau flüchten zu lassen, antwortete P., er habe Zeit gewinnen wollen, um sich zu Hause umzuziehen. Er wusste, sie würde die Polizei alarmieren.

«Ein moderner Robin Hood»

Die Staatsanwältin und die Opferanwältin hielten die Geschichte für eine «billige Ausrede». Viktor P. habe die Rentnerin vorsätzlich in Todesangst versetzt, um sich zu bereichern. Seine zehn Vorstrafen zeigten, dass er uneinsichtig sei. Auch jetzt zeige er keine Reue. Gefordert wurden eine Haftstrafe von viereinhalb Jahren, 1922 Franken Schadenersatz für die psychologische Behandlung und 5000 Franken Genugtuung.

Verteidigerin Cornelia Dippon hielt fest, dass die 180 Franken nicht bei P. sichergestellt wurden. Ausserdem hätte er nicht den Fluchtweg offen gehalten, hätte er Hanni S. ausrauben wollen. Viktor P. habe eine eigene Auffassung des Rechtssystems, die natürlich falsch sei. «Er setzt sich aus seiner Sicht für die Schwachen ein. Er ist ein moderner Robin Hood. Aber er hat keinen Raub begangen.»

Anderer Ansicht war das Gericht, das ihn wegen Raub, versuchter Erpressung, Hausfriedensbruch und Widerhandlungen gegen das Waffengesetz zu dreieinhalb Jahren unbedingt sowie zu Schadenersatz und Genugtuung gemäss Forderung verurteilte. Das Gericht habe selten eine so glaubwürdige Zeugin erlebt.

*Name von der Redaktion geändert

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