Rolf S.* ist 39 Jahre alt, hat einen IQ von 62 und wohnt bei seinen Eltern. Sein sehnlichster Wunsch ist es, irgendwann alleine zu wohnen und vielleicht einmal eine Freundin zu haben. Doch im Moment hat er schon Mühe, überhaupt unter Leute zu gehen. Verdattert stand er am Dienstag nach der Urteilseröffnung noch vor dem Obergericht, während seine Mutter dem Anwalt weinend in die Arme fiel. «In den letzten fünf Jahren hatte ich kein Leben mehr», sagte Rolf S. Zu gross war die Angst, seit vor fünf Jahren die Ermittlungen gegen ihn begannen und er sich der Konsequenzen seiner Taten bewusst wurde.

Der Schweizer hatte jahrelang zwei kleine Buben sexuell missbraucht, die er eigentlich betreuen sollte. Er hatte diese Handlungen gefilmt, gespeichert und somit kinderpornografisches Material hergestellt. Auch heruntergeladene kinder- und tierpornografische Dateien wurden auf seinem Computer gefunden. Die Vorwürfe – mehrfache sexuelle Handlungen mit Kindern und mehrfache Pornografie – bestritt er nicht. Doch die harte Realität des Urteils, das 2014 vom Amtsgericht Dorneck-Thierstein verhängt wurde, setzte ihm zu. 27 Monate Gefängnis. Nach der Verurteilung hatte Rolf S. versucht, sich das Leben zu nehmen.

Ob er pädophil sei, so wie es in einem Gutachten attestiert wurde, wisse er nicht, gab er am Dienstag vor Obergericht zu Protokoll. «Vielleicht bin ich es, ich glaube es aber nicht», sagte er.

«Abscheuliche» Pornobilder

Laut Verteidigung ist es nie zu einer Penetration gekommen. Rolf S. liess sich von den Kindern am Penis berühren und fasste umgekehrt auch die Buben an. Für Staatsanwalt Imanuel Darouich stand aber fest, dass die Vorinstanz zu milde geurteilt hatte. «Man trug dem Umstand nicht Rechnung, dass S. Bilder heruntergeladen hatte, auf denen Säuglinge und Kleinkinder in abscheulicher Weise missbraucht werden und ganz offensichtlich leiden.» Auch sei die Vorinstanz der Meinung gewesen, die missbrauchten Buben seien sich der sexuellen Komponenten ihrer Handlungen nicht bewusst gewesen. Doch der Ältere, so Darouich, habe mit zehn Jahren bestimmt verstanden, was da geschah. Der Staatsanwalt forderte, die Gefängnisstrafe auf 33 Monate zu erhöhen.

Verteidiger Markus Spielmann erachtete dagegen eine Freiheitsstrafe von höchstens 16 Monaten als angebracht. Dies unter Gewährung des bedingten Vollzugs zugunsten einer ambulanten Therapie – welche Rolf S. bereits angefangen hat. «Meinen Klienten kann man nicht einfach in die Kiste schicken. Er braucht eine Lösung, eine Strafe mit Augenmass.» Der «intellektuell Retardierte» habe keinen Computer mehr und unternehme alles, um nicht mit Kindern in Kontakt zu geraten. Mit der Therapie sei er auf gutem Weg. «Was ihm noch immer zu schaffen macht, ist das Verfahren. Doch dieses soll ihn nicht aus der Bahn werfen. Eine Freiheitsstrafe macht doch um Gottes willen keinen Sinn. Nötig ist eine Behandlung.»

Scharfe Kritik an Amtsgericht

Die Vorinstanz habe bei der Strafzumessung gegen Bundesrecht verstossen, kritisierte Spielmann ausserdem. Denn bereits bei der Beurteilung des schwersten Delikts, der sexuellen Handlungen mit Kindern, habe man den Vorwurf der Pornografie als straferhöhend einfliessen lassen. Somit sei die Herstellung von pornografischem Material doppelt bestraft worden. Zudem sehe ein Gutachten Rolf S. trotz seines tiefen IQs als voll schuldfähig an. Aber man müsse berücksichtigen, dass seine Strafempfindlichkeit ausserordentlich hoch sei und das Gefängnis für ihn unerträglich wäre. Auch ist er weder vorbestraft, noch hat er sich seit der Tat etwas zuschulden kommen lassen, wodurch die Prognose nicht negativ ausfallen könne.

Das Obergericht stimmte dem Verteidiger in den meisten Punkten zu und gelangte zu einer Strafe von 21 Monaten bedingt, mit der Auflage einer Therapie. Diese wurde auf 17 Monate reduziert, weil das gesamte Verfahren unnötig lange gedauert habe, obwohl Rolf S. kooperativ gewesen sei, sagte Oberrichter Daniel Kiefer, der dem Beschuldigten das Urteil noch einmal klar verständlich machte: «Sie müssen nicht ins Gefängnis, aber diese 17 Monate sind nicht einfach weg. Sie müssen sich fünf Jahre lang bewähren. Und Sie dürfen nie wieder im Leben eine Beziehung zu einem Kind haben. Wenn wieder etwas passiert, kommen Sie lange ins Gefängnis.»