Die erste Firma, die Manfred Küng sanierte, war eine Käserei in der Ostschweiz. Es folgten Beratungen in der Telekommunikations- und IT-Branche. Küngs Anwaltskanzlei verpasste den Firmen zusammen mit Wirtschaftsprüfern neue Betriebskonzepte.

Dass die Unternehmen profitabel blieben, zahlte sich auch für Küng aus. Seine Kanzlei ist heute an sechs Orten in der Deutschschweiz präsent. Dann stieg der Rechtsanwalt in die Politik ein und wollte die Gemeinde Kriegstetten sanieren. Doch das gab Krach.

Beeindruckt von Blocher

Dass er Anwalt werden will, stand für Küng schon früh fest. Obwohl er als Teenager «Spannenderes im Sinn hatte, als hinter Büchern zu sitzen». Seine schulischen Leistungen hätten die Lehrer kaum erfreut. Er wuchs in Opfikon auf, der Vater war Kleingewerbler, die Mutter arbeitete Teilzeit. Den Sprung ins Gymnasium verdankte er einem Skiunfall. «So fand ich vor den Aufnahmeprüfungen Zeit zum Lernen.»

Nach dem Studium in Zürich betrieb der junge Anwalt am Paradeplatz ein Büro. Immer am Freitagmorgen um 7 Uhr seien Christoph Blocher, damals Präsident der SVP Zürich, und weitere Parteigrössen eingetroffen, um Strategien festzulegen. «Gewann die Partei am Sonntag eine Wahl, verfiel niemand in Champagnerlaune. Am Montagmorgen um 7 Uhr besprachen sie das nächste Ziel.» Das beeindruckte Küng. Statt in die Politik zu gehen, übernahm er die Rechtsabteilung des Zürcher Handelsregisteramts. 1992 wurde er Chef des eidgenössischen Handelsregisteramtes und zog nach Kriegstetten. Seit 2009 sitzt er im Gemeinderat, 2013 wurde er zum ersten SVP-Gemeindepräsidenten im oberen Kantonsteil.

Jetzt kandidiert der 59-Jährige für den Regierungsrat. «Der Spielraum in diesem Amt ist verführerisch.» Zum ersten Mal soll er die SVP in das Amt tragen. Das Wohlwollen der Parteifreunde verdiente er sich im Herbst als Herausgeber der Festschrift zum 25-jährigen Bestehen der Kantonalpartei. Auf breite Vernetzungen kann er aber nicht zählen. Zwar bestehen Seilschaften aus seiner Zeit als Zürcher Singstudent oder aus der Armee. Ansonsten entsprächen Netzwerke nicht seinem Naturell. «Ich versuche, mit meinen Ideen und Leistungen zu überzeugen. Die Leute sollen mich nicht wählen, weil ich Passivmitglied in einem Verein bin.»

«Arroganz der Macht brechen»

Doch warum klappte es bisher nicht mit einem SVP-Regierungsrat? Seine Partei habe sich vor allem um nationale Themen gekümmert und den Kanton vernachlässigt, stellt Küng fest. Mit dem Mittel des Volksauftrags versucht die SVP seit einiger Zeit, den Kanton aufzumischen. Dabei geht es oft um Transparenzfragen in der Justiz. Als Kantonsrat sorgte Küng dafür, dass Pendenzenberge in der kantonalen Ausgleichskasse abgebaut werden. Notabene zusammen mit SP-Frau Susanne Schaffner, einer Konkurrentin um einen Regierungsratssitz. Zudem sorgte Küng dafür, dass die US-Firma Donnelley, die Solothurner Steuerdaten einscannte, unter die Lupe genommen wird.

«Die Arroganz der Macht durchbrechen», benennt er seinen Auftrag. Die Mächtigen, das sind Freisinnige, Christ- und Sozialdemokraten, die sich die Sitze in der Exekutive teilen. «Wenn sich Strukturen zu fest eingeschliffen haben, muss man einen Weckruf starten.» Nach den Katholisch-Konservativen um 1900 und später der SP weise heute die SVP auf Fehlentwicklungen hin. Zwar seien die Zeiten vorbei, als «abgehalfterte» Kantonsräte zu Bankräten ernannt wurden. Doch noch immer mische sich der Staat zu stark in den freien Markt ein. Dass eine Regierungsrätin, gemeint ist Esther Gassler, im Verwaltungsrat der kantonalen Ausgleichskasse sitzt, verstehe er nicht.

Neben Schelte erhält die Regierung aber auch gute Noten. «Positiv überrascht» zeigt sich Küng über die Exekutivstrategie zur Umsetzung der inzwischen abgelehnten Unternehmenssteuerreform III. Er zieht den Vergleich zum Kanton Zug. «Als meine Mutter dort zur Schule ging, bestand die Gegend aus Miststöcken, sonst gab es nichts.» Durch die Privilegierung von Holdinggesellschaften wurde der kleine Kanton zur Steueroase und gehört heute zu den grössten Gebern in den interkantonalen Finanzausgleich. «Offenbar hat man etwas richtig gemacht.» Solothurn sei in einer ähnlich privilegierten Situation, mit schlanken Strukturen, gelegen vor den Toren der «arroganten Städter».

«Blitzgescheit» – und unkollegial?

Am Ende gehe es in der Politik immer um das Gleiche: «Der Output muss sinnvoll sein, und es müssen transparente Verhältnisse geschaffen werden.» Transparenz schrieb sich Küng auf die Fahne, als er die Protokolle des Gemeinderats Kriegstetten auf der Homepage der SVP veröffentlichte, um deren offizielle Publikation zu erzwingen. Ein anderes Mal verweigerte er einem gewählten Gemeinderat das Amtsgelöbnis, weil dieser an einer Amtsgeheimnisverletzung beteiligt gewesen sein solle. Für die Gemeindeversammlung bot er Polizeischutz auf.

Küngs Vorpreschen schadet zuweilen der Kollegialität. Das bestätigt einer, der ihn seit Jahren aus der Gemeindepolitik kennt. «Ja, zwischenmenschlich ist er wohl etwas schwieriger», sagt Peter Siegenthaler, Ex-Gemeindepräsident und heute Baupräsident im Dorf. «Für viele ist er unnahbar und nicht greifbar.» Erst im Herbst schmissen zwei Gemeinderäte den Bettel hin, weil sie nicht mehr mit dem Präsidenten zusammenarbeiten wollten.

Mit der CVP-Ortspartei und einer Konkurrentin um das Gemeindepräsidium hat er sich verkracht. Auch Nachbargemeinden stösst er vor den Kopf. Den Austritt Kriegstettens aus dem Schwimmbadverbund Eichholz kommentierte ein Amtskollege mit «kleinlich und unsolidarisch». Andere bezeichnen ihn als zielstrebig und klug. Das unterstreicht Peter Siegenthaler. Wenn Küng ein Geschäft anpacke, dann bringe er es zur Perfektion. «Er ist blitzgescheit, politisch beschlagen und einer der schnellsten Denker, die ich kenne.»

Familie wohnt auswärts

Kriegstetten ist ein kleines Dorf, und die Weinreben in Hobbywinzer Küngs Garten wachsen nicht so hoch, dass sie die Fenster verdecken würden. Das lässt Dorfgerüchte ins Kraut schiessen. Die Storen in seinem Haus würden automatisch rauf- und runterfahren, das Licht immer zur gleichen Zeit an- und ausgeschaltet, wird kolportiert. Auch, dass der Ammann seinen Lebensmittelpunkt woanders habe.

Küng kontert: «Wenn ich morgens um 4.40 Uhr aus dem Haus gehe und gegen Mitternacht zurückkomme, steht niemand am Strassenrand, um zu winken.» Tatsache sei, dass seine Familie nicht im Dorf wohnt. Küngs Buben, 10- und 13-jährig, besuchen im Kanton Zürich eine International School. «Sie sprechen Englisch, seit wir 2007 in New York waren.» Damals war Küng für ein halbes Jahr Gastprofessor an der Rechtsfakultät der Privatuniversität Fordham.

Anders als andere Gemeindepräsidenten lässt sich Küng nicht blicken an Vereinsjubiläen, gratuliert betagten Jubilaren kaum je zum hohen Geburtstag. Statt Glückwünsche an seine Mitbürger zu richten, schreibt er in der Neujahrsansprache von der Französischen Revolution und von Trump. «Unsere Gesellschaft muss sich vom Dorfvater verabschieden. Das ist ein überholtes Bild», findet Küng.

Deshalb kreuze er nicht an jeder «Hundsverlochete» auf. Ein Gemeindepräsident müsse erstens verstehen, was in den vergangenen 100 Jahren geschehen sei. Dann gelte es zu überlegen, welche Faktoren das wirtschaftliche Fortkommen einer Gemeinde gefährden. «Schliesslich muss man nach vorne arbeiten.» Da könne er nicht in der Beiz sitzen und sich ein Bier hinter die Binde kippen.

Niederlagen wegstecken

«Wahlniederlagen berühren mich nicht sonderlich», antwortet Küng auf eine mögliche Nichtwahl am 12. März. Als Anwalt könne man jederzeit und ohne Begründung entlassen werden. «Das muss man wegstecken können.» Auch die Niederlage um das SVP-Fraktionspräsidium im Kantonsrat habe er verkraftet.

Ist so viel Abgebrühtheit nicht erstaunlich? Küng zögert und räumt ein: «Doch, eine Nichtwahl in den Regierungsrat würde meinem Ego schon einen Knick verpassen.» Auf der anderen Seite könnte er mit seinem deutschen Pinscher Beni spazieren gehen oder eine Ausbildung zum Yogalehrer machen, wenn es ihn beliebt.

Oder er könnte weiterhin Unternehmen sanieren. Fleischproduzenten rät er, auf Wasserbüffel statt Rinder zu setzen. Das Fleisch sei doppelt so viel wert und erst noch gesünder. Landwirte im Kanton will er vom Weinbau überzeugen. Gerade Bauern an sonnigen Südhängen würden bessere Geschäfte machen. Und für Manfred Küng würde sich das auszahlen. «Ich würde dann den Schiller-Wein verkaufen. Eine Million Flaschen würde ich bestimmt absetzen.» Wenn es sie bloss endlich gäbe.