Um die Wahrheit machen sie immer einen grossen Bogen, wenn sie A. G.* eine Absage schicken. Die meisten Firmen antworten ihm nicht einmal. Und wenn, sagt dem 62-jährigen Arbeitslosen niemand, dass er zu alt oder zu teuer ist. 60 Bewerbungen hat G. im vergangenen Jahr geschrieben. Gegen 30 Absagen hat er erhalten, der Rest blieb unbeantwortet. G. war stets überqualifiziert oder entsprach nicht den spezifischen Anforderungen. Aber zu teuer war er nie. «Die Gesellschaft ist nicht ehrlich», sagt er. «Die Alten will praktisch keiner. Aber so schreibt das niemand.»

62 und arbeitslos. A. G. lebt seit einem Jahr mit wenig Hoffnung auf eine Stelle. Einmal konnte er probehalber einen Tag arbeiten.

Einst ein erfolgreicher Banker

G. ist sich diese Situation nicht gewohnt. Er war Banker und legt einwandfreie Zeugnisse aus 25 Berufsjahren vor. Devisenhandel, international, dreisprachig. Aufstieg zum Vizedirektor. Es gibt keine Lücken in seinem Lebenslauf, es gibt keine Krankheit, die einem Bürojob irgendwie entgegenstehen würde. Und doch ist er arbeitslos. Ins Bankenwesen kann er nicht zurück. «Ich war zu lange nicht mehr dabei.» Eine Frühpensionierung kommt für ihn nicht infrage.

1999 hatte er genug und kehrte der Bankbranche den Rücken. Er stieg in den Holzhandel ein, den er familienhalber kannte. Kurze Zeit später begann er zusätzlich mit seiner Frau ein Restaurant zu betreiben. Finanziell war dies zwar ein Abstieg. «Aber ich habe die Zeit sehr genossen. Zufriedenheit ist wichtiger.» Ein Dutzend Jahre ging das gut, dann lief es eher mässig. 2014 hat G. beide Firmen liquidiert. Kein Konkurs, niemand musste auf Geld verzichten. Aber der 62-Jährige lebt jetzt von der Arbeitslosenkasse, in die er 40 Jahre lang einbezahlt hat. Er hat den Anschluss verloren und steht vor der Frage: Was nun?

«Kanton soll Vorbild sein»

G. spricht Klartext. Er will auf den Missstand und die Unehrlichkeit aufmerksam machen. «Man redet davon, die Alten zu integrieren. Aber es wird mehr geredet als gemacht.» In der Realität werden teure Alte durch günstige Junge – auch aus dem Ausland – ersetzt. Manchmal überfällt G. eine Wut. Sieben Mal hat er sich vergebens beim Kanton beworben. «Gottvergessen» habe er sich über die Absagen enerviert, was er auch in Briefen an Politiker und Ämter kundtat. Er wollte beim RAV als Berater arbeiten. «Ich bin zu hundert Prozent sicher, dass ich dies könnte», sagt er. Aber immer hatte jemand bessere und angemessenere Qualifikationen oder das richtige Diplom. «In Ihren Unterlagen finden sich keinerlei Hinweise auf das ausgeschriebene Profil», schrieb ihm das Amt für Wirtschaft. G. weiss, dass es Leute mit spezialisierteren Ausbildungen gibt, und regt sich trotzdem auf. Hinter der Wut steckt die verzweifelte Frage: Wer gibt einem 62-jährigen Quereinsteiger ohne Blessuren im Lebenslauf eine Chance, wenn nicht einmal der Staat das tut? «Der Kanton sollte doch mit gutem Beispiel vorangehen», sagt er.

Kurs als «Alibiübung»?

Die Pensionskasse ist einer der Gründe, weshalb G. keine Stelle findet: Die mit dem Alter steigenden Beiträge machen ältere Arbeitnehmer viel teurer. «Wenn die Politik das Potenzial der Alten ausschöpfen will, muss sie hier handeln», sagt G. Auch er selbst wäre zu Zugeständnissen bereit. Er hat in jeder Bewerbung geschrieben, dass er für wenig Lohn arbeiten würde. Genützt hat es nie. Und die Frühpensionierung, die oft hilft, dass ältere Entlassene nicht in die Arbeitslosenstatistik geraten, will er nicht. G. erzählt seine Geschichte nüchtern. Er ist nicht verbittert, er will kein Mitleid.

Der 62-Jährige sitzt am Tisch und scheint eine gewisse Ohnmacht zu spüren. Er besucht jetzt zum dritten Mal einen mehrwöchigen Kurs, in dem er lernt, Bewerbungen zu schreiben. Er verliert kein schlechtes Wort über den Kurs. Aber was nützt es ihm? G. braucht einfach eine Chance. Er will keine «Alibiübung», die der Staat einsparen könnte, wenn er selbst ältere Arbeitslose bewusst einstellen würde.

G., der selbstbewusste Mann, der lange Erfolg hatte, fällt zwischen quartalsgeprägtem Renditedenken, Stigmatisierung älterer Arbeitnehmer, immer spezialisierteren Ausbildungen und hohen Pensionskassenbeiträgen durch. Er ist nicht alleine: Jeder vierte Arbeitslose im Kanton ist über 50 Jahre alt.

G. muss sich keine finanziellen Sorgen machen – die Kinder sind draussen, die Fixkosten inklusive Haus sind tief. Und auch die Aussteuerung muss er nicht mehr fürchten: Trotzdem. Er möchte arbeiten. Bis er 65 ist.