Sömmerung auf dem Oberberg
«Manchmal brauchts im Leben Geduld»: Ihre Suche nach einem Bauernhof dauerte lange

Zwei junge Quereinsteiger bewirtschaften seit Ende März die Allmendweide der Bürgergemeinde Balsthal: Oliver Rutz und Franziska Kägi. Beide sind nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen und haben den Weg in die Landwirtschaft über einige Umwege gefunden.

Lara Enggist
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Sömmerungsbetrieb der Gemeinde Balsthal auf dem Oberberg
22 Bilder
63 Rinder, Mutterkühe und Kälber stehen hier auf der Weide
30 Besichtigungen von Höfen hatten die beiden schon hinter sich, als sie auf den Oberberg kamen.
Dieses Gebäude gehört zum Sömmerungsbetrieb
Hühner gibts hier auch
Und zwei Pferde

Sömmerungsbetrieb der Gemeinde Balsthal auf dem Oberberg

michelluethi.ch

Das Paar sitzt am Holztisch vor dem Bauernhaus, welches von Bäumen, Sträuchern und Blumen umrahmt wird. «Während meines Geografiestudiums hatte ich viel mit der Nutzung natürlicher Ressourcen zu tun», sagt er – Oliver Rutz. Er ist in Fulenbach aufgewachsen, später zog es ihn in Richtung Bern. Für seine Abschlussarbeit sei er dann nach Ecuador gereist. «Es ging um die Überlebensstrategien von Kleinbauern und den Einfluss ihrer Landnutzung auf die Biodiversität.» So sei er in die Landwirtschaft reingerutscht.

Er spricht mit Bedacht und achtet auf seine Wortwahl – man erhält den Eindruck, dass Rutz nichts einfach so dahin sagt. Franziska Kägis Weg verlief etwas anders. Sie ist in der Nähe von Zürich aufgewachsen, hat das Gymnasium besucht und begann Skandinavistik zu studieren. «Ich habe an vielen Orten gearbeitet», sagt sie lachend, «unter anderem bei einer Versicherung und an einer Bar». Sie sei immer sehr naturverbunden gewesen, aber als Teenie habe ihr niemand gesagt: «Hei, Landwirtin wäre doch ein toller Beruf für dich».

Serie Sömmerung im Solothurner Jura

Sömmerungsweiden gibt es nicht nur im Berner Oberland oder im Wallis, sondern auch im Solothurner Jura. 55 Sömmerungsbetriebe – vor allem auf der ersten und zweiten Jurakette – trotzen dem teils rauen Klima und den trockenen Kalkböden des Solothurner Juras. Im ganzen Kanton finden sich 1 750 Hektaren Sömmerungsweiden. Oft sind es aber keine Hirten mehr, welche die Weiden pflegen, sondern Bauern mit einem Ganzjahresbetrieb. Einige Weiden und Betriebe gehören Bürgergemeinden, andere wiederum Genossenschaften. Auf einigen Betrieben sömmern Jungrinder oder Kühe, auf anderen Schafe, Ziegen oder Pferde.

In dieser Serie besuchen wir fünf Sömmerungsbetriebe und die Hirten, Bauern und «Aussteiger», welche die artenreichen Juraweiden pflegen und bewirtschaften.
Der erste Teil (Familie Gygax vom Brunnersberg) erschien am 18. Juni, der zweite Teil (Familie von Roll aus Balm) am 29. Juni, der dritte Teil (Allmendweide in Oberbuchsiten) am 6. Juli und der vierte Teil (Fohlenweide Steinegg in Himmelried) am 16. Juli. (len)

Die lange Suche lohnte sich

Das Paar lernte sich in den Ferien in Italien kennen. «Danach halfen wir gemeinsam bei einem Projekt mit, welches zum Ziel hatte, ein Bergdorf im Tessin wieder aufzubauen», erzählt Kägi. Sie begann, Agronomie zu studieren und er arbeitete auf verschiedenen Landwirtschaftbetrieben und Alpen. Für beide wurde bald klar: «Wir wollen selber einen Bauernhof bewirtschaften.»

Doch die Suche nach einem passenden Betrieb sei alles andere als einfach gewesen. «Das grösste Problem war die Finanzierung. Wir hätten etwa eine halbe Million Franken selber stellen müssen». Jahrelang waren sie auf der Suche, «dann hat mich mein Vater auf die Anzeige des Oberbergs aufmerksam gemacht». Nach 30 Besichtigungen werde man pragmatisch, so Kägi. Die Emotionen haben sich auch Rutz zufolge in Grenzen gehalten, als sie sich auf die Anzeige meldeten. «Als wir aber auf den Betrieb kamen, wussten wir bald, dass es das hier sein könnte.»

Danach gab es ein richtiges Bewerbungsverfahren: Die Allmendkommission der Bürgergemeinde Balsthal lud das Paar zu einem Bewerbungsgespräch ein. Im Juni letzten Jahres dann der Anruf: Die Allmendkommission hatte das Paar für den Hof auserwählt. Auf die Frage, ob sie sich im Voraus nie Sorgen gemacht habe, ob alles klappen würde, sagt Kägi: «Warum sich vorher schon Sorgen machen? Es reicht doch, sich Sorgen zu machen, wenn wirklich mal etwas passiert». Gedanken, ob auch wirklich alles klappe, mache man sich schon – «aber keine Sorgen».

Was braucht es auf dem Betrieb?

«Als wir die Zusage hatten, mussten wir als Erstes überlegen: Was brauchen wir von Anfang an?», so Oliver Rutz. Die Vorgänger hatten ihnen vieles überlassen: von der Mistgabel bis zum Gartentisch. Klar, ein Traktor musste her und einige Tiere, um die vier Hektaren Land zu bewirtschaften, welche die Allmendkommission dem Paar zur Eigennutzung zur Verfügung stellte.

«Als wir Ende März hier ankamen, ging es vom ersten Tag an los», erzählt Rutz. Sie mussten den Stall für die Pferde umbauen und alles für die Sömmerungsrinder bereit machen, diese hatten für das Paar Priorität. «Als dann die Tiere kamen und plötzlich 63 Rinder, Mutterkühe und Kälber auf der Weide standen, waren wir natürlich schon etwas nervös». Auch auf der eigenen Fläche grasen inzwischen zwei Mutterkühe mit Kälbern und zwei Pferde. Die Vorgänger bewirtschafteten den Hof 37 Jahre lang und wurden dieses Jahr pensioniert. «Den Betrieb haben sie mit viel Herzblut bewirtschaftet.

Es sind grosse Fussstapfen, in welche wir treten», sagt Oliver Rutz beinahe ehrfürchtig. «Wir wollen die Sache gut machen», betont auch Kägi. Nicht nur wegen der Bauern, welche ihre Tiere zum Teil schon seit Jahren auf die Allmend bringen, sagt sie. Oft werde sie auch von Wanderern oder Leuten aus der Umgebung angesprochen, welche schon als Kind auf dem Oberberg waren. «Den Leuten bedeutet dieser Ort etwas, da will man es doppelt gut machen.»

Das bedeutet viel Verantwortung und wohl auch Druck – sind das die Schattenseiten eines solchen Lebens? Sie seien erst seit drei Monaten auf dem Oberberg – das müsse man sie in drei Jahren noch mal fragen. «Wir hatten bis jetzt gar keine Zeit, uns darüber gross den Kopf zu zerbrechen», sind sie sich einig.

Viel Freiraum für die Hirten

Rutz ist Teilzeit als Hirte bei der Bürgergemeinde angestellt. Zusätzlich zum Hirtenlohn darf das Paar gratis im Haus wohnen und vier Hektaren selber nutzen. Damit es finanziell aufgeht, arbeitet Kägi in einem 70-Prozent-Pensum an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften in Zollikofen. Für den Unterhalt des Hofes kommt die Bürgergemeinde Balsthal auf. «Diese lässt uns sehr viel Freiraum, wie wir unser Leben auf dem Hof gestalten wollen.» Das sei ein grosses Privileg.

Manchmal hat man Erwartungen und die Realität sieht ganz anders aus. So auch bei dem jungen Hirten? Oliver Rutz nimmt sich Zeit, um zu antworten. «Nein, genau so habe ich mir das vorgestellt.» Er müsse nicht pendeln, könne seine Arbeit und Pausen selber einteilen und er habe immer etwas Sinnvolles an der frischen Luft zu tun. Es sei noch nicht alles fertig eingerichtet, «aber manchmal braucht man einfach ein bisschen Geduld im Leben». Bei der Suche nach dem passenden Hof hat sich diese für das Paar jedenfalls gelohnt.

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