Tag des Sanitätsnotrufs
Manche wählen Alarmzentrale auch wegen einer Grippe oder Rückenschmerzen

In einem Notfall ist die Ambulanz innert weniger Minuten vor Ort – in ländlichen Gebieten kann es allerdings unter Umständen länger dauern. Wir warfen einen Blick in die Solothurner Alarmzentrale.

Lucien Rahm
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Fabian Burkhalter in der gemeinsamen Alarmzentrale der Blaulicht-Organisationen in Solothurn.

Fabian Burkhalter in der gemeinsamen Alarmzentrale der Blaulicht-Organisationen in Solothurn.

soH/ Eric Send

Nicht jeder Anruf sei ein Notfall, sagt Fabian Burkhalter, Leiter der rettungsdienstlichen Alarmzentrale in Solothurn. Rund 60'000 Anrufe pro Jahr bearbeitet sein Team dort. «Manchmal ruft man uns auch wegen einer Grippe an.» Solche Anrufer würden diesen Schritt dann meist damit begründen, ja schliesslich Krankenkassenprämien zu bezahlen.

Ein anderer häufiger Grund, die Notfallnummer zu wählen, sind Rückenschmerzen – gemäss Burkhalter «der Klassiker». Dabei geht es meist um ältere Patienten, die von zu Hause in ein Krankenhaus verlegt werden müssen.

Die Mehrzahl der nötigen Einsätze – etwa ein Drittel – steht im Zusammenhang mit tatsächlichen Notsituationen wie Herzattacken oder Verkehrsunfällen. Relativ häufig sind die Sanitäter auch damit beauftragt, Personen in psychiatrische Kliniken zu überführen – jeweils unterstützt von der Polizei.

Früher schickte die Telefonistin des Spitals jeweils schlicht einen Wagen zum Aufenthaltsort des Anrufers. Inzwischen hat sich das Ambulanzwesen dank des technischen Fortschritts und einer spezifischen Ausbildung stark weiterentwickelt.

Der 14.4.ist Aktionstag der Sanitätsnotrufnummer 144

Rettungssanitäter und Rettungssanitäterinnen des Rettungsdienstes der Solothurner Spitäler (soH) beantworten in Olten, Egerkingen und Solothurn sowie auf Facebook Fragen aus der Bevölkerung.

Solothurn 10.30 bis 19 Uhr: Kreuzackerplatz vor der Fussgängerbrücke.

Olten 8 bis 12 Uhr: Munzingerplatz (Gemüsemarkt).

Egerkingen 13 bis 19 Uhr (eventuell länger): Einkaufszentrum Gäupark.

Facebook 16 bis 18 Uhr: Live-Chat mit Fabian Burkhalter, Leiter Sanitätsnotruf 144 des Kantons Solothurn, www.facebook.com/
solothurnerspitaeler

Beispielsweise werden heute mit einem Notruf an die Nummer 144 bereits erste wichtige Informationen an die Sanitäter mitübermittelt.

Im Falle des Kantonsgebietes, inklusive dem Oberaargau, gelangen diese Infos nach Solothurn, wo tagsüber zwei, nachts eine Person permanent bereitsteht, um Notrufe zu behandeln. In der gleichen Zentrale nimmt die Kantonspolizei auch die Anrufe auf die Nummern 112, 117 und 118 entgegen – eine Zusammenlegung, die viele Vorteile bezüglich Koordination mit sich bringt.

Genaue Lokalisierung dank App

Anders als früher erscheint heute bei einem Festnetzanruf gleich auch die zum Anschluss gehörige Wohnadresse auf einem der vier Computerbildschirme, die der entgegennehmende Sanitäter vor sich hat.

«Daher empfehlen wir auch, uns nach Möglichkeit vom Festnetz aus anzurufen», sagt Burkhalter. Zwar würde auch ein Mobiltelefon Standortsignale senden, doch seien diese sehr ungenau und daher wenig hilfreich für eine Lokalisierung.

Einiges präziser sei aber wiederum die App «Echo112», welche die Aufenthaltsposition des Handynutzers an eine Website übermittelt, wo sie dann für die Alarmzentrale ersichtlich ist. Dies müsse der Anrufer dann einfach dem Sanitäter am Telefon mitteilen.

Dank dieser Methode konnte der Rettungsdienst zum Beispiel schon einen Nachtwanderer ausfindig machen, der sich auf dem Weg von Balsthal auf den Weissenstein verletzt hatte, ohne zu wissen, wo er sich genau befindet.

Wichtige Informationen fliessen aber auch in die andere Richtung der Telefonverbindung. «Wir bieten bereits professionellen Support am Telefon, indem wir den Anrufer bei einer Herzmassage anleiten, währenddem die Ambulanz auf dem Weg ist», gibt Burkhalter ein lebensrettendes Beispiel. Denn bei einem Kreislaufstillstand sinken die Überlebenschancen mit jeder Minute um zehn Prozent, was ein Eingreifen vor Eintreffen der Sanitäter bedingt.

Obwohl es Ziel ist, innert weniger Minuten am Unfallort zu sein, könne es in abgelegenen Regionen länger dauern. «Als Vorgabe gelten die Empfehlungen des Interverbands für Rettungswesen, welche in Notfällen das Eintreffen der Ambulanz innerhalb von maximal 15 Minuten in 90 Prozent aller dringlichen Notfälle als Ziel vorgeben.» Die Rettungsdienste im Einzugsgebiet der Solothurner Alarmzentrale würden diese Vorgabe erreichen.

Die Maxime lautet: Innerhalb von 15 Minuten vor Ort zu sein.

Die Maxime lautet: Innerhalb von 15 Minuten vor Ort zu sein.

Fotomtina

Psychische Belastung

Leider könne es auch sein, dass die telefonische Hilfeleistung plötzlich abgebrochen werden müsse, weil schon der nächste Notruf hereinkommt, bedauert Burkhalter. Die Anzahl Anrufe pro Tag variiere aber stark: «Die Ferienzeit spürt man beispielsweise.» Aber auch innerhalb eines Tages kann es zu grösseren Unterschieden kommen.

Bei einem Autounfall etwa würden jeweils 10 bis 20 Anrufe zum gleichen Ereignis eingehen. Das sei grundsätzlich auch gut: «Lieber einmal mehr, als einmal zu wenig anrufen», formuliert Burkhalter seine Devise.

Das Problematische an den Autounfällen, so stelle er fest, sei jedoch, dass viele der Anrufer am Unfall vorbeifahren würden und danach dem Rettungsdienst noch schnell Bescheid geben. «Besser wäre, auch am Unfallort anzuhalten, um uns konkretere Informationen zu den dortigen Umständen zu geben.»

Manche der Fälle liessen einen nicht unberührt, gibt Burkhalter zu. «Gerade solche, bei denen Kinder involviert sind, können psychisch belastend sein.» Diese Fälle kämen zwar selten vor, doch wenn es dazu komme, «stellen sich einem die Nackenhaare auf».

Um solche Erlebnisse zu verarbeiten, bespricht man sie mit den Kollegen. «Der gute Teamgeist, den wir haben, federt sehr viel ab.» Zusätzlich steht den Sanitätern bei Bedarf ein psychiatrischer Notfalldienst zur Verfügung.

Trotz belastenden Ereignissen sei der Job in der Alarmzentrale hochgradig spannend. «Man hat keine Ahnung, was in den nächsten fünf Minuten passiert.» Sein Kollege Urs Baumann, der seit 35 Jahren Sanitäter ist, pflichtet ihm bei. Zwar seien die Gebrechen der Patienten immer etwa die gleichen. «Aber jeder Mensch erlebt eine Krankheit wieder anders.»