Markus Dietschi, wenn ein 55-jähriger Arbeitsloser zu Ihnen ins Stellenvermittlungsbüro kommt: Was sagen Sie ihm?

Markus Dietschi: Der Markt ist knallhart. Bei 25-Jährigen können wir sagen: «Kein Problem, wir finden etwas.» Bei 55-Jährigen geht das nicht. Wenn einer auf dem Bau gearbeitet hat und gesundheitliche Probleme hat, sagen wir ihm fairerweise, was Sache ist. Für ihn gibt es kaum mehr eine Chance auf dem Bau. Wenn ein 55-Jähriger kaufmännisch tätig war, gibt es eher Möglichkeiten. Einfach wird es nicht.

Der Solothurner Regierungsrat sieht das Problem weniger dramatisch, wie kürzlich eine Interpellationsantwort zeigte.

Die Stellungnahme des Kantons hat mit der Realität nichts zu tun. Die Regierung sagt: Unter dem Strich finden viele wieder eine Stelle. Klar, auch über 55-Jährige finden eine Stelle, aber längst nicht alle. Vor allem lassen die Angaben des Kantons weg, was die Leute durchmachen, bis sie eine Stelle finden. Sie betreiben einen Riesenaufwand – und das in Zeiten der Vollbeschäftigung.

Offenbar gibt es Stellenvermittler, die gar keine Über-30-Jährigen in ihre Kartei aufnehmen.

Das ist so. Es gibt solche Temporärbüros auch in Solothurn: Sie nehmen nur die günstigsten Mitarbeiter. Und das sind die Jungen: Bis 25 hat man sehr wenig Abgaben an die Pensionskasse. Schon ab 30 ändert sich das.

Regierungsrätin Esther Gassler bezeichnete solch ein Vorgehen kürzlich im Kantonsrat als «schändlich».

Für mich ist das auch schändlich. Aber es existiert. Das ist der Markt. Es geht um die Kosten.

Grund für solche Diskriminierungen sind die Pensionskassenbeiträge?

Die Pensionskassenabzüge sind Teil des Problems. Wer über 50 ist, kostet schnell einmal bis zu 3000 Franken mehr pro Jahr. Ältere Arbeitnehmer haben eine grosse Erfahrung, die den Arbeitgeber etwas kostet. Aber irgendwann sind die Kosten zu hoch und der Arbeitgeber ist nicht mehr bereit, diesen «Erfahrungs-Aufpreis» zu bezahlen. Das nennt man dann «überqualifiziert».

Überqualifiziert hat also wenig mit «zu gut sein» zu tun?

Überqualifiziert sein im Sinne von «zu gut sein» gibt es für mich nicht. Wenn jemand die Anforderungen erfüllt, ist das doch gut. Für «überqualifiziert» gibt es nur eine Erklärung: Dank seinem Wissen hat jemand eine Lohnstufe erreicht, die zu teuer ist.

Ist die Gesellschaft also nicht ehrlich mit Leuten, die arbeitslos sind?

Wer sich bewirbt, erhält den Standard-Absagebrief. Das hat nichts mit Ehrlichkeit zu tun. Ganz unehrlich ist es aber auch nicht. Weil jeder weiss ja, was der andere meint. Ehrlichkeit kann verletzen. Ebenso Unehrlichkeit.

Es gibt ältere Arbeitslose, die sagen, dass sie auch für weniger Geld arbeiten würden.

Das gibt es relativ oft. Aber die Sicht der Firma ist anders: Sie stellt jemanden an, der früher 8000 Franken verdiente und jetzt bereit ist, für 5000 zu arbeiten. Da fragt sich die Firma automatisch: Hat der Mann noch die Motivation? Bringt der gleich viel? Die Firmen wissen: Wenn er noch stempelt, hat der fast mehr. Und sie fürchten, dass so jemand dann sofort wieder geht, wenn er andernorts mehr erhält. Das ist zu viel Unsicherheit für Unternehmer. Und bei Branchen mit GAV ist es oftmals gar nicht möglich, für weniger zu arbeiten.

Wer hat Chancen, mit 57 noch einen Job zu erhalten?

Jemand, der sehr gesuchte Qualifikationen hat oder in einer Branche mit Fachkräftemangel arbeitet. Bauführer ist so ein Job. Ebenso wichtig ist ein hohes Mass an Selbstmotivation. Für Niedrigqualifizierte ab 57 wird es verdammt schwer, wenn sie sich nicht weitergebildet haben. Es tönt hart, aber eine Firma kann jemanden, der jahrzehntelang an einer Maschine gearbeitet hat, problemlos mit jemandem ersetzen, der kaum Berufserfahrung hat, aber viel günstiger kommt. Hat jemand keine Ausbildung, geht es nur noch darum, ob ihm jemand eine Chance gibt.

Frühpensionierungen federn das ab?

Klar. Das wissen die Leute. Oft wird gestempelt und dann kommt die Frühpensionierung. Und das trotz Vollbeschäftigung. Das sähe ganz anders aus, wenn die Arbeitslosenquote bei 6 Prozent liegen würde. Man kann deshalb nicht sagen, alle sollen bis 67 arbeiten. Das ist schlichtweg nicht praktikabel. Die Flexibilisierung des AHV-Alters ist notwendig. Nach unten hat man diese schon, nach oben aber nicht.

Wer sich rechtzeitig spezialisiert, hat bessere Chancen?

Man braucht spezielle, aber auch nicht allzu spezielle Qualifikationen. Es kann auch zum Verhängnis werden, wenn man ganz spezielle Kenntnisse hat, die jedoch nicht mehr gefragt sind.

Haben sich viele Leute zu wenig weitergebildet?

Weiterbildung ist entscheidend. Aber die Frage ist, wer ist schuld, dass sich jemand nicht weiterbildet? Der Mitarbeiter oder die Firma? Bei der Papieri hat man den Entlassenen unter anderem eine Liste mit Temporärbüros gegeben. Und wir mussten dann fragen: Was bringen diese Leute mit? Wenn man ihnen zuvor eine Ausbildung im Betrieb ermöglicht hätte, wäre es einfacher gewesen, eine Stelle zu finden.

Entschärft der Fachkräftemangel das Problem?

Der Fachkräftemangel findet hauptsächlich auf Stufe Berufsbildung, etwa bei Maurern, Mechanikern oder Sanitärmonteuren, statt. Sie dürfen etwas, aber doch nicht zu viel Weiterbildung haben. Denn wenn ein CNC-Mechaniker zu gut ausgebildet ist, will er nicht mehr an der Maschine arbeiten. Diese Leute sind sehr gesucht, aber selten.

Was kann politisch getan werden?

Wir hätten da gerne Antworten von der Regierung gehabt. Man muss sicher bei der Nachholbildung noch mehr tun. Leute mit niedrigen Qualifikationen müssen sich weiterbilden können. Ich rede von einer Verbesserung der Rahmenbedingungen. Aber keinesfalls brauchen wir mehr Regulierungen. Manchmal dürfte man aber ruhig auch fragen, was die Firmen tun könnten.