Sie hängen da, unsere Regierungsräte und alt Regierungsräte. In Reih und Glied. Mal weich gezeichnet, mal mit Ecken und Kanten. Doch immer gilt: Über Geschmack lässt sich nicht streiten, weder über politischen noch künstlerischen.

Sitzungszimmer 104 lautet der nüchterne Namen des Raumes im ersten Stock des Rathauses. Hier sind die Porträtbilder aller noch lebenden (alt) Landammänner vereint. Die Bilder bleiben da bis zum Tode der früheren Würdenträger.

Soeben ist der noch amtierende Landammann, Roland Fürst, in die «Ahnengalerie» dazugestossen. Gemalt hat ihn der Gunzger Künstler Christoph Aerni. Fürst will nicht so ganz in die Galerie passen. Denn er trägt eine Fotokamera in der Hand. Damit hat der Baudirektor gleich die erste Frage beantwortet: Was tun mit den Händen? Den Regierungsräten geht es da nicht anders als Otto-Normalbürgern, die für ein Foto hinhalten.

Walter Bürgi faltet sie, Peter Hänggi scheint noch unsicher, was er mit ihnen tun will. Gelassen lässt sie Rudolf Bachmann baumeln. Oft fehlen sie ganz. Überhaupt verschwindet der Körper, von den Schultern oder der Brust abwärts, in den letzten Jahren immer mehr.

Fast wie auf dem Passfoto. Die möglichst realitätsgetreue, fotonahe Darstellung scheint beliebt. Fürst hat ein sehr realistisches Bild gewählt, ebenso wie sein Parteikollege, der letztjährige Landammann Roland Heim. Regierungsrat Peter Gomm wirkt wie in der Realität. Ruth Gisi liess sich gleich fotografieren.

Mit Franz Gloor wählte sie einen der grossen Namen. Ist es eine Folge des Handy-Zeitalters? Wollen sie zu Zeiten des Internets ihr Aussenbild akribisch kontrollieren? Was Interpretationsspielraum lässt, kommt weg. Es muss wie auf der Foto wirken. Geradezu Mut bewiesen dagegen die CVP-Kulturdirektoren Thomas Wallner und Klaus Fischer, die dem Künstler Freiheit und dem Betrachter Interpretationsspielraum liessen.

Ein lächelnder Finanzdirektor

Roland Fürst blickt etwas skeptisch. Neben ihm hängt Roland Heim, der als erster neu gewählter Regierungsrat der Legislatur 2013-17 vergangenes Jahr in die Galerie stiess. Der heimatverbundene Stadtsolothurner lässt sich vor historischer, fast schon kitschiger Kulisse abbilden. Der Finanzdirektor wirkt nicht, als ober er von Sparanstrengungen geplagt wäre. Das Lächeln ist spitzbübisch. Jugendlich wirkt der CVP-Mann. Gemalt hat das Bild Hans Hofer, hauptberuflich im Volkswirtschaftsdepartement tätig.

Fürst: Kamera statt Pfeife

Es sind Republikaner, die hier Modell stehen. Insignien der Macht hält, anders als frühere Herrscher, kein Regierungsrat in den Händen. Max Egger hält Akten, Gottfried Wyss seine Tabakpfeife. Roland Fürst dagegen sorgt für ein Novum. Er zeigt seine Kamera auf dem Bild. Das ist nicht nur der Landammann. Der Privatmann Roland Fürst drängt da mit seinem Hobby durch. Ein Novum. Neben dem Regierungsrat sind gar noch Fotos zu sehen, die er selbst geschossen hat.

Dass der Landammann mit der Fotokamera posiert, war die Idee von Künstler Christoph Aerni. Er wollte «kein statisches Portrait wie vor 150 Jahren», wie er sagt. Sondern ein «zeitgemässes, dynamisches». Aerni reizte auch den Gegensatz «zwischen Landschaftsfotografie und Porträtmalerei.»

Dass Fürsts Wahl auf Christoph Aerni fiel, ist kein Zufall: Beide wohnen in Gunzgen und kennen sich. Aerni, bekannt auch für seine Akt-Malerei, ist der einzige Künstler, der doppelt vertreten ist. Er porträtierte Ende der 1980er-Jahre bereits Max Egger.

Frauen fördern Frauen

Gar nicht abbilden lassen wollte sich Christian Wanner. Das liberale Urgestein aus dem Bucheggberg verweigerte sich. Wanner sah es als «überholte Tradition mit monarchischen Zügen», wie er dieser Zeitung einmal sagte. 2011 wurde er überrascht. Regierungsratskollege Peter Gomm hatte selbst zum Pinsel gegriffen und schenkte seinem Ratskollegen das Bild.

«Ich habe gestaunt, dass Peter Gomm das kann», so Wanner anerkennend. Gomm fällt die Ehre zu, sowohl als Landammann als auch als Künstler in der Galerie vertreten zu sein.
Frauen kommen in der aktuellen Ahnengalerie nur zum Zug, wenn Frauen an der Macht sind. Die erste Frau in der Solothurner Regierung überhaupt, Cornelia Füeg, wurde von Agnes Barmettler gemalt. Esther Gassler liess sich von Marie-Theres Amici porträtieren. Letztere hatten sich zuvor nicht gekannt.

«Ich wollte Esther Gassler nicht naturalistisch wiedergeben, das hätte ich auch gar nicht gekonnt. Aber irgendwie muss man beim Betrachten des Bildes doch auch sagen können: Ah, das ist Esther Gassler», hatte Marie Theres Amici 2014 auf einer Podiumsveranstaltung in Olten gesagt.

Esther Gasslers Körper wirkt im Vergleich zum Kopf gross. Überhaupt der Körper. Wie füllen normale Menschen den Staatskörper aus, dem sie als Träger der Macht ihr Gesicht leihen? Mit der Frage scheinen mehrere Künstler zu hadern. Neben Gassler tragen auch Cornelia Füeg und Rudolf Bachmann ausladend grosse Körper, die nicht zu den kleinen Köpfen passen wollen.

Einer ohne Kittel

Mit sich im Reinen, aber sehr nachdenklich wirkt der eigentlich energische Walter Straumann. Walter Bürgi zeigt sich als besonnener Wirtschaftskapitän. Max Egger wirkt, als ober er nur kurz am Schreibtisch von der Arbeit aufblickt. Er ist der einzige, der keinen Kittel trägt. Egger liess sich mit Hemd und Krawatte porträtieren.

Entstanden ist das Bild nicht im regierungsrätlichen Arbeitszimmer, sondern im Künstleratelier in Olten, wie Maler Christoph Aerni zu erzählen weiss. «Ich habe Max Egger einen Schreibtisch hingestellt.» Das Büchergestell im Hintergrund ist dasjenige des Künstlers. «Er sagte, er habe keinen Kittel im Büro an.»

Zwischen zwei und vier mal würden Porträtierte zum Atelierbesuch vorbeikommen. Müssen sie sich der künstlerischen Freiheit bedingungslos fügen? Nein, sagt Aerni. «Es muss beiden gefallen.» Aerni kann sich erinnern, wie er einmal den Oltner SRG-Direktor Leo Schürmann porträtierte. Er lief einen Tag in Zürich mit, wollte nach einem Tag voller Sitzungen einen sitzenden Schürmann malen. «Das hängt meine Frau nicht auf», sagte Schürmann beim ersten Anblick. Dann malte Aerni einen stehenden SRG-Direktor.