Auswirkungen
Luchs im Solothurner Jura verdrängt Wildtiere und macht das Jagen schwer

Der Luchs im Jura hat grosse Auswirkungen auf die übrigen Wildtiere. Er verdrängt Rehe in tiefere Lagen und das Gamswild in schwieriger zu bejagende Gebiete. Die Anzahl erlegte Wildtiere hat sich seit den 80er-Jahren um bis zu 50 Prozent vermindert.

Urs Byland
Drucken
Teilen
Adin fotografiert im Solothurner Jura
16 Bilder
Luchs B243 ist in der Region unterwegs. Das Foto stammt aus dem Jahr 2012. B243 wurde 2013 im Leberberg nicht fotografiert.
L139 fotografiert im Solothurner Jura Fünf verschiedene Luchse wurden 2013 im Leberberg fotografiert.
Ziege, von Luchs gerissen
Ziege nach 2 Tagen
B301 frisst an der Ziege
B301 frisst an der Ziege
B301 frisst an der Ziege
B301 frisst an der Ziege
Luchse und ihre Opfer im Solothurner Jura
Von ihren Beutetieren hinterlassen sie Fell, Knochen und Innereien.
Luchsriss, ausgeweidet
Luchsriss, ausgeweidet
Luchsriss, ausgeweidet
Luchsspuren im Schnee, fotografiert vor zwei Wochen
Luchsspuren im Schnee, fotografiert vor zwei Wochen

Adin fotografiert im Solothurner Jura

Zur Verfügung gestellt

Der Luchs ist im solothurnischen Jura schon geraume Zeit heimisch. Die Auswirkungen auf die übrigen Wildtiere seien aber massiv, berichtet Jagdaufseher und Jäger Adolf Hess aus Rüttenen. «Das Konzept Luchs des Bundes soll nicht infrage gestellt werden», sagt er. Doch die im Gesetz festgehaltene, angemessene jagdliche Nutzung der Wildbestände sei nicht mehr gewährleistet.

Die Anzahl der geschossenen und verunglückten Tiere im Hegering Leberberg (von Grenchen bis Flumenthal) ging in den letzten 30 Jahren um 52 Prozent zurück. Lag in den 80er-Jahren die jährliche Fallzahl bei 374 sind es heute noch 177 Tiere. Zudem werde das Rehwild in tiefere Lagen verdrängt.

Als Ursache vermutet er den Luchs. «In den unteren Lagen, wo kein Luchs lebt, nimmt der Rehbestand zu.» Dies stelle er aufgrund von Beobachtungen fest, so komme es vermehrt zu Verkehrsunfällen.

Grosse Absturzgefahr

Beweisen könne Adolf Hess indes die andere Auswirkung. Das Gamswild stellt sich in unzugänglichere und schwieriger zu bejagende Gebiete um. «Die Gämsen ziehen sich in die Felsen zurück. Der Luchs hat schon gerne felsiges Gebiet, aber er liebt es nicht, im nackten Fels zu jagen. Die Absturzgefahr ist ihm zu gross.» Als Konsequenz zeigt sich auch bei der Anzahl der Gamswild-Abgänge (inklusive Fallwild) ein Rückgang von 30 Prozent.

In den 80er-Jahren wurden im Hegering Leberberg jährlich 40 Gämsen erlegt. Heute sind es noch 28 Tiere pro Jahr. «Den sinkenden Abschusszahlen von rund 40 Prozent steht eine Steigerung des Pachtzinses um etwa den gleichen Prozentsatz gegenüber», sagt Adolf Hess.

Luchs-Monitoring

Die Zahlen des letzten Luchs-Monitorings 2012/2013, an dem Adolf Hess als Fotofallensteller mithalf, liegen in einem Kora-Bericht vor. 61 Fotofallen wurden im Raster 2,5x2,5-km aufgestellt. Das 882 km2 grosse Referenzgebiet Jura Nord ist begrenzt vom Vallée de Delémont im Nord-Westen, Biel im Süd-Westen und Olten im Nord-Osten und während 60 Nächten mit Fotofallen überwacht worden. Im Kora-Bericht zeigt die Karte der Luchsreviere, dass in der Region hauptsächlich zwei Luchse, Adin und B301, unterwegs sind. Adin trägt ein Halsband. Der Name von B301 deutet darauf hin, dass dieser Luchs schon beidseitig fotografiert und identifiziert wurde. Im ganzen Referenzgebiet wurden an 25 von 61 Standorten Luchse fotografisch erfasst, was 41 Prozent der Standorte im Untersuchungsgebiet entspricht. Dieser Wert entspricht dem höchsten Wert, der bis jetzt im nördlichen Jura beobachtet wurde (26% im Winter 2006/07 und 36% im Winter 2009/10). Während der zweimonatigen Untersuchungsperiode wurden bei insgesamt 41 Ereignissen 12 selbstständige Luchse auf Wechseln fotografiert. (uby)

Mark Struch vom Amt für Wald, Jagd und Fischerei weist auf die natürliche Feindvermeidung der Gämsen hin. «Das Gamswild zieht sich in Anwesenheit von Grossraubtieren in felsige Gebiete zurück.» Gämsen sind in Felsen sicherer vor Beutegreifern wie dem Luchs oder auch dem Wolf. Dennoch stimmt Struch zu: «Lokal kann der Einfluss des Luchses für Jagdgesellschaften spürbar ausfallen.» Frisst doch der Luchs ein Tier in der Woche, zu 90 Prozent Rehe und zu 10 Prozent Gamswild. «Diese Tiere fehlen natürlich.»

Andererseits besteht ein sogenannter «Luchsgeld-Pool» beim Kanton, mit welchem der Einfluss der Raubkatze auf Schalenwild den betroffenen Jagdrevieren entschädigt wird. Rund 15 Prozent des Gesamtpachtzinses werden jährlich ausgeschüttet.

Im Gebiet Balmberg-Weissenstein sind dieses Jahr mehrere Skelette von Reh und Gämse gefunden worden, weiss Adolf Hess. Da die beiden Luchse Adin und B301 neben anderen sich regelmässig in diesem Gebiet aufhielten, sei anzunehmen, dass die meisten dieser Opfer zulasten der Luchse gehen.

Luchskonzept wird überarbeitet

«Die Luchsdichte ist zu hoch», ist Hess überzeugt. Das Intensiv-Monitoring 12/13 von Kora ergab eine geschätzte Dichte im geeigneten Luchshabitat von 2,07 selbstständigen Luchsen pro 100 km2. «Uns ist viel weniger versprochen worden.» Kora-Mitarbeiter Urs Breitenmoser weiss nichts von einem Versprechen, was die Luchsdichte angeht, sagt aber, dass genau diese Frage diskutiert wird. «Das Luchskonzept wird aktuell überarbeitet.»

Adolf Hess: «Fotofallen, um Wild zu beobachten»

Fotofallen sind ein Problem geworden. Auch weil Menschen fotografiert werden, was aus Datenschutzgründen problematisch ist. Der Bundesrat will zudem nicht mehr tolerieren, dass Jäger zum Aufspüren von Hirschen, Rehen oder anderen Tieren Fotofallen im Wald aufstellen. Dafür will er die Jagdverordnung anpassen und die Kameras neu auf die Liste der nicht erlaubten Hilfsmittel für die Jagd aufnehmen. Für die Wildforschung soll der Einsatz von Fotofallen erlaubt bleiben. «Ja, die Jäger setzen Fotofallen ein», weiss Adolf Hess. «Um Wild zu beobachten.» Erkennbar sei etwa der Gesundheitszustand der Tiere und welches Wild überhaupt vorhanden ist. «Dass man dank den Fotofallen mehr Wild schiessen kann, kann ich mir schlecht vorstellen.» Der grösste Vorteil sei, dass der Jäger sieht, welches Wild die Stelle passiert. «Dann weiss er, ob er dieses Wild überhaupt schiessen darf.» Fotofallen würden die Tiere nicht stressen. «Das Tier erschrickt vielleicht das erste Mal, wenn es geblitzt wird. Aber mit der Zeit reagiert es kaum mehr darauf.» Eine seiner Fotofallen habe innert zwei Stunden schon 40 Mal einen Luchs an einem Riss fotografiert. (uby)

Eingriffe seien bisher nur erfolgt bei Übergriffen auf die Nutztiere. Neu müssten vier Punkte zutreffen, damit Eingriffe möglich sind. Der Luchsbestand muss ansteigend sein, der Wildbestand sinkend, ein Zusammenhang muss nachgewiesen werden, und Eingriffe beim Luchsbestand dürften keine Waldschäden durch das Schalenwild zur Folge haben. «Die Förster haben nicht gerne zu viel Schalenwild im Wald. Da stellt sich schon die Frage: Ist es möglich, dass allen gedient werden kann?»

Die Luchsdichte sei bekannt, die Bestände des Schalenwildes schwierig zu erfassen. Weil ein Nachweis sehr schwierig sei, diskutiere man die Einführung eines bestimmten Wertes für die Luchsdichte. «Dieser Wert müsste spezifisch für die Gegend sein», fordert Urs Breitenmoser.

Hess befürchtet illegale Aktionen

Mark Struch gibt zu bedenken, dass die Luchsdichte grundsätzlich nicht ins Unermessliche steigen kann. «Der Luchs, männlich oder weiblich, verteidigt sein Territorium gegenüber Artgenossen.» Wer in den Auseinandersetzungen den Kürzeren zieht, wird schwer verletzt oder gar getötet oder muss zum Beispiel vom Jura ins Mittelland abwandern. «Am meisten sterben junge Luchse auf Wanderschaft bei Unfällen mit Fahrzeugen», so Struch.

Die Akzeptanz für den Luchs sei in Jagdkreisen stark am Sinken, weiss Hess. Er befürchtet illegale Aktionen. «Wir Jäger können, müssen und wollen mit Raubtieren leben, sind aber nicht bereit, immer mehr Kosten und Leistungen für den Kanton und die Allgemeinheit zu übernehmen.» Er sei aber gegen den Abschuss von Luchsen. Er befürworte Umsiedlungen.