An einem garstigen Novemberabend sitzen ein paar Dutzend Menschen in einem Gasthof im Gäu und schauen einem Mann dabei zu, wie er runde Holztäfelchen aus einem Stoffbeutel fischt. Es gibt Bier und Weisswein, Deftiges und Pommes Chips nature, aber die Nahrungsaufnahme ist heute nebensächlich. Auch Gläser werden keine geklirrt, das Anstossen nur angedeutet. Im dunklen Raum mit dem schweren Holz herrscht Flüsterton.

Jetzt nur nicht die nächste Zahl verpassen! Es geht um eine ernste, um eine helvetische Angelegenheit.

Vor den Besuchern liegen Kartonkarten mit Nummern, drei Reihen in der Höhe und neun in der Breite. Auf jeder Quinterne, einer breiten Reihe, befinden sich fünf Felder mit Zahlen zwischen 1 und 90. Die vier weiteren Felder sind leer. Manche im Säli schauen auf ihre Karten wie Ärzte auf Krankenakten schauen. Andere haben eigene Karten mitgebracht, laminiert und an den Ecken verstärkt. Es gibt Besucher, die ein Schaumstoffpolster dabei haben, Sitzfleisch zahlt sich hier aus. Sogar Glücksbringer sind auf den Tischen auszumachen: kleine Plüschsäuli, Bärchen aus Porzellan.

«46», ruft der Mann mit den Täfelchen nun ins Mikrofon. Zustimmendes Blinzeln hier, enttäuschtes Kopfschütteln dort. Wer die «46» auf seiner Karte hat, greift nach einem der roten, halbtransparenten Plastikplättchen und bedeckt damit die Zahl. Die wohlige Anspannung weicht kurz der Freude. Man gönnt sich ein flüchtiges Lächeln. Glücksgefühle ergreifen einen hier in homöopathischen Dosen – bitte nicht zu viel Euphorie aufs Mal.

Szenen eines Spielabends im Restaurant Rössli zu Oensingen. Der Vogelherdclub lädt zum Lottomatch. Der Schauplatz liesse sich beliebig auswechseln, solche Veranstaltungen werden im Solothurnischen regelmässig durchgeführt, Zeit oder Ort sind da einerlei. Ebenso die historischen Hintergründe. Wo und wann Lotto seine Wurzeln hat, darüber kann nämlich nur spekuliert werden. Erwiesen ist, dass man es in diversen Varianten rund um den Globus kennt. Und dass es in der Schweiz perfektioniert worden ist: zur Aufstockung knapper Vereinskassen.

Lotto ist demokratisch, ein Spiel, für das man keine Ahnung haben muss

Gepflegte Langweile? Überlebte Tradition? Gerade auf dem Land sind Lottos noch immer so selbstverständliche Ingredienzien wie das Laientheater, die Chilbi, der Spaghettiplausch. Wenig ist so schweizerisch wie der Zeitvertrieb mit den Zahlen. Das Spiel erschöpft sich nicht als solches. Ein Lottomatch erzählt, bei allem Hang zum Klischee, einiges über die kollektive Identität. Darüber, wie die Volksseele ticken könnte.

Im «Rössli» scheint an diesem Abend ein stilles Einvernehmen zu herrschen: So etwas wie die Gewissheit, sich selbst in einem vertrauten Umfeld zu erleben und gleichzeitig seinen Spieltrieb befriedigen zu können, ohne gleich total die Kontrolle zu verlieren. Man kauft sich ein paar Spielkarten und betritt ein erweitertes Wohnzimmer. Keine Bühne zwar, aber eine Kulisse des Alltags. Lotto ist ein Spiel, für das man keine Ahnung haben muss. Eine Form der Zerstreuung, für die man sich nicht zu schämen hat. Etwas ganz und gar Demokratisches.

Nur im Winter, nur für drei Franken, nur gemäss Kontingent

Wie viele Lottomatches im Kanton Solothurn stattfinden, das weiss niemand so genau. Nicht mehr. Klar ist: Seit der Jahrtausendwende war ihre Zahl tendenziell rückläufig, hat sich aber bis im Jahr 2015 bei rund 70 Veranstaltungen eingependelt. Doch dann hat sich der Staat zurückgezogen – die Lottomatches wurden ihrem Schicksal überlassen. Der süsse Duft der Liberalisierung durchzog plötzlich landauf und landab die Säli.

Am 31. Dezember 2015 trat die kantonale Verordnung über Tombolen, Lottos, Preisausschreiben und Wettbewerbe, kurz «LV/SO», nach 64 Jahren ausser Kraft. Ein äusserst strenges Regelwerk: Für Lottomatches standen nur die Wochenenden zwischen dem 1. November und dem 31. Januar zur Verfügung; jeweils von Freitag, 20.00 Uhr bis Sonntag, 23.30 Uhr. Ausgenommen waren Feiertage. Beginnen durften Lottos frühestens um 14.00 Uhr, die Polizeistunde galt es strikt einzuhalten. Der maximal erlaubte Verkaufspreis einer Spielkarte: drei Franken.

Lottomatches waren ferner bewilligungspflichtig. Ein Verteilschlüssel regelte, wie viele Veranstaltungen in einer Gemeinde durchgeführt werden dürfen. Die Kontingente wurden nach Einwohnerzahl festgelegt. In Olten waren demnach 16 Lottos zugelassen, in den kleinsten Dörfern nur eine Veranstaltung.

In der «LV/SO» war alles gutsolothurnisch in Paragrafen gegossen. Der Kanton kannte diesbezüglich die strengsten Regeln im Land. Zu diesem Schluss kam Olivier Dolder. Der Politologe aus Luzern ist der Wissenschafter, der sich vielleicht am besten mit den Lottos auskennt. Oder wenigstens mit den juristischen Feinheiten, die damit verbunden sind. Ihm sei es darum gegangen, «eine Lücke zu schliessen». Also veröffentlichte er im Jahr 2012 eine Untersuchung der kleinen Lotterien in der Schweiz. Sein umfassendes Werk ist ein Stück Föderalismusgeschichte. Denn der Bund hat in seinem Lotteriegesetz von 1923 keine abschliessenden Vorschriften festgelegt. «Die Folge davon ist eine fast unüberschaubare Vielzahl von Regelungen, die sich von Kanton zu Kanton unterscheiden», konstatiert Dolder. Ein veritabler Wildwuchs. In der Waadt sei selbst die Farbe der Lottokarten vorgegeben – ein helles Rot.

Umso mehr dürfte sich der Forscher gefreut haben, als die «LV/SO» nur ein paar Jahre nach seiner Untersuchung bedeutungslos geworden ist. Das Bundesrecht genüge mit seinen schlanken Vorgaben, beschied der Solothurner Regierungsrat und der Kantonsrat folgte dieser Haltung. Demnach dürfen Lottos wie andere Kleinlotterien nur zu wohltätigen Zwecken veranstaltet werden. Die Durchführung ist Vereinen oder ähnlichen Organisationen vorbehalten. Nicht gestattet ist der Profibetrieb.

«Die kantonale Verordnung war nicht mehr zeitgemäss», sagt Daniel Morel vom Solothurner Amt für Wirtschaft und Arbeit. Der Jurist ist ein Mann, der in geordneten Sätzen spricht, als Chef der Abteilung Arbeitsbedingungen ist er auch für die Gewerbeaufsicht zuständig. Man sei zum Schluss gekommen, dass es «kaum verhältnismässig ist, Lottos weiterhin derart einzuschränken». Daran habe schlicht kein öffentliches Interesse mehr bestanden.

Morel erinnert an die Ursprünge der Verordnung. Bei der Einführung der «LV/SO» in den 1950er-Jahren ging es dem Gesetzgeber darum, die Leute vor den Folgen der Spielsucht zu schützen. Ein ebenso hehrer wie wichtiger Anspruch. Bloss wirkt ein Lottomatch heute, in Zeiten von «Euro Millions» und Online-Casinos, geradezu wie ein Entwöhnungsprogramm für Spielsüchtige. Wie eine harmlose Ersatzdroge.

Schätzungen zufolge werden mit Lottos landesweit jährlich gerade einmal 400 000 Franken umgesetzt. Für Lotterien und Wetten haben die Schweizer allein im Jahr 2015 über 2,75 Milliarden Franken ausgegeben. Hinzu kommen die Milliarden, die in Casinos aufs Spiel gesetzt werden.

Draussen die klirrende Kälte, nur so kommt die richtige Stimmung auf

Also heisst es im neuen Wirtschaftsgesetz seit Anfang 2016 lapidar: Lotterien sind zulässig gemäss den Bundesvorgaben. Auf maximale Restriktion folgte quasi maximale Offenheit. Dieser Umstand bedeutete, nebst allen Vorteilen der Deregulierung, auch das Ende einer Ära. Lottomatches waren nun das ganze Jahr über möglich, nicht mehr nur an elf Wochenenden im Winter.

Schön und gut. Aber wer will schon rote Plastikplättchen auf Kartonkarten legen, wenn man an der frischen Luft so viel unternehmen kann? Irgendwie mag da nicht die richtige Stimmung aufkommen. Draussen die klirrende Kälte des Mittellandwinters, drinnen die wohlige Wärme des Gasthofs. Es scheint, als könnte man einen Lottomatch nur im Winter so richtig zelebrieren.

An diesem Novemberabend hängt der Nebel grau und tief über Oensingen, während im «Rössli» hinter den Vorhängen eine Lampe flackert. Der Ansager schüttelt seinen Beutel, greift sich ein Täfelchen und betrachtet es mit ernster Miene. «27», sagt er ins Mikrofon. «Zwooo-Sieeeben!» Der Mann neben ihm legt das Täfelchen auf das Kontrolltableau. Kühle Präzision trifft auf die Endgültigkeit einer nüchtern angesagten Zahl. Es dominieren Effizienz und Ordnung. Ein Lottomatch ist aufgeladen mit schweizerischer Gründlichkeit.

An einer mit sanfter Betonung in den Saal gerufenen «27» gibt es nichts zu rütteln. Man hat sie oder man hat sie nicht. Die Frau im grauen Faserpelz hat sie. Und eine ihrer Reihen ist auch noch voll. «Loootto!», zischt es aus ihr heraus. Ein Aufseher, auch «Kontrollbüro» genannt, eilt an den Tisch, liest laut die Zahlen auf der Karte vor und lässt sich diese bestätigen. Alles in Ordnung, alles korrekt. Die Frau schiebt ihren Stuhl zur Seite, um am Gabentisch einen der Vorratskörbe in Empfang zu nehmen. Ihr Daumen geht kurz hoch, es wird ihre emotionalste Reaktion an diesem Abend bleiben. Als Preise winkten auch noch «Millionenlose» oder Haushaltgeräte, flüstert einer der Spieler seinem Tischnachbarn zu. «Ist doch praktisch.»

Das Vereinskartell bestimmte, wer wann wo Lotto spielen darf

Natürlich geht es letztlich ums Gewinnen. Doch die Risiken, die bei einem Lotto eingegangen werden müssen, sind überschaubar. Das Schicksal wird im 15-Sekunden-Takt ausbalanciert. Neue Zahl, neue Chance. Eine Niederlage schmerzt kaum, ist ja ohnehin Glückssache, und das eigene Abschneiden nehmen höchstens noch die Tischnachbarn zur Kenntnis. Obwohl man im Säli auf engstem Raum sitzt, muss niemand um seine Privatsphäre fürchten. So ein Lottomatch ist eine diskrete Sache.

Immerhin winken angesichts der bescheidenen Einsätze durchaus üppige Gewinne. Auf den Gabentischen dominieren «Naturalpreise»: Beinschinken, Damenvelos und Gutscheine, wie Friedli und Fränz in ihrem Stück «Lotto im Säli» aufzählen. «Ich gschpüres ganz genau», singen die Mundartrocker, «jetz chunnt de mini Zau.»

Jawohl, echt jetzt, wann kommt die Zahl endlich? Überhaupt, wer macht heute noch die Karte voll? Die angenehme Spannung, wenn nicht mehr viel fehlt: Allein das reicht bei vielen, um im Gehirn den Botenstoff Dopamin auszuschütten, besser bekannt als Glückshormon. Dieses Gefühl ist es auch, das die lottofreudigen Menschen jeweils nach Gerlafingen lockt. Die frühere Büezergemeinde ist eine Lotto-Hochburg. Hier griff die «LV/SO» lange mit allen Vorteilen und Nachteilen.

Obwohl die Städte auf üppige Kontingente für Lottomatches zählen konnten, wurden dort kaum je solche durchgeführt. Auf dem Land allerdings, wo die Kontingente klein waren und das Vereinsleben rege, standen mancherorts zu wenige Termine zur Verfügung. «In vielen Regionen sind die Lottos stark verwurzelt im Dorfleben», sagt Daniel Morel vom Amt für Wirtschaft und Arbeit. Natürlich auch, weil sich viele einen Zustupf für die Vereinskasse erhofften.

Wo die Kontingente knapp wurden, behalfen sich die Vereine damit, dass sie nur alle paar Jahre an die Reihe kamen oder Anlässe gemeinsam organisierten. In Gerlafingen koordinierte ein eigens gegründetes Vereinskartell die Lottomatches. Erst 2010 kamen erstmals alle Vereine wie gewünscht zum Zug. Drei Jahre später, im Winter 2013, hat sich das Kartell aufgelöst. Es sei schwieriger als früher, Geld mit einem Lottomatch zu verdienen, hiess es.

Die Gründe lassen sich erahnen: Junge Menschen verbringen ihre Abende heute seltener in der Dorfbeiz, das müssen sie in Anbetracht vielfältiger Freizeitmöglichkeiten auch nicht mehr. Auf dem Land schwinden die Bindungskräfte. Trotz all dem wird in Gerlafingen noch immer Lotto gespielt. Ordentlich sogar. Einer der legendären Matches ist jener des Freien Schiessvereins und der Satus-Frauenriege. Jeweils im Januar lockt ihr «Super-Lotto» in den Gerlafingerhof. «Signalisation ab Autobahnausfahrt», versprechen Plakate im Vorfeld. Aber auch: «Gewinne im Wert 60 × 1000 Franken», «alle Preise in Migros-Geschenkkarten» und «zwei Rauchpausen».

Reto Hirter, ein eingesessener Wasserämter mit Brummstimme, ist Gerlafingens Mister Lotto. Er betreibt dieses Geschäft mit Ernst und Eifer. Als Präsident des freien Schiessvereins hat er eine neue Veranstaltung aufgebaut, ein «Super-Lotto» eben, um das er beneidet wird. «Wir sind ein Kleinstverein und würden ohne Lottomatch eingehen», sagt Hirter. Anderweitig liesse sich der kostspielige Vereinsbetrieb kaum mehr finanzieren.

Mit den klassischen Naturalpreisen habe man sich nicht mehr von den anderen abheben können. Und weil es halt um «das Existenzielle geht», so Hirter, hat der Schiessverein umgesattelt: auf Migros-Geschenkkarten. Diese können in der ganzen Schweiz eingelöst werden und sind somit fast so attraktiv wie das verbotene Bargeld. Für Hirter heisst das auch: über 50 Stunden Arbeit für die Organisation, ein grosses Werbebudget für die überregionale Präsenz. Allein um die Kosten zu decken, braucht der Verein ein paar hundert Besucher. Läuft es gut, ist ein Gewinn von Zehntausenden Franken durchaus möglich. Läuft es schlecht, dann droht ein ebenso grosser Verlust.

Der Schiessverein zielt mit seinem Lotto auf die «Eingefleischten», wie es Reto Hirter nennt. Auf jene, die an einem Wintersonntag durch die halbe Schweiz an den nächsten Match reisen. Dass die Kontingentierung im Solothurnischen abgeschafft worden ist, sieht Hirter eher kritisch. Der Markt ist jetzt offen. Sein Stammpublikum pilgert auch an Lottomatches, die professionelle Anbieter für Vereine durchführen. Lediglich die Helfer müssen organisiert werden, alles andere wird zur Verfügung gestellt. Für die Vereine schaut bei minimalem Aufwand ein Gewinn heraus. «Diese Quasi-Professionalisierung kann einiges kaputtmachen», sagt Hirter. «Ein richtiger Lottomatch ist im Dorf verankert, ist einheimisch.»

Im Säli die Beständigkeit, doch auf dem Papier das Chaos

Im fahlen Licht des Oensinger Gasthofs steht der Match vor seinem letzten Gang. «Mischeln!», ruft ein Besucher. Mal wieder. Ein Lachen geht durch die Reihen. Der Ansager gehorcht und schüttelt nochmals den Beutel mit den Täfelchen. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie viele Zahlen an diesem Abend durch seinen Kopf gerattert sind. Als auch die letzten Preise den Gabentisch verlassen haben, füllt sich das Säli mit lautem, fast euphorischem Plaudern. Das Spiel ist aus. Die Besucher schnappen sich ihre Karten, lassen die Plastikplättchen auf den Tisch rieseln und wischen sie fein säuberlich zu Häufchen zusammen.

Zurück bleibt die Gewissheit der Anwesenden, dass es bisweilen halt feste Rituale braucht, um die Lebensfreude ein wenig zu steigern. Die Verlässlichkeit eines Lottomatchs.

Und es bleibt das Staunen all der Veranstalter im Solothurnischen, als sie davon erfahren, dass die Zeit der bewilligungsfreien Lottos schon wieder vorbei sein könnte. Geht es nämlich nach dem Entwurf für das neue Geldspielgesetz des Bundes, ist für Kleinspiele wie Lottomatches grundsätzlich eine kantonale Bewilligung nötig. Solothurn muss seine freizügige Lösung wohl spätestens 2019 rückgängig machen. Ein Irrsinn, schnöde legiferiert.

Es ist wie so oft: Eine an sich banale Sache wird verkompliziert durch föderale Befindlichkeiten, verbogen durch Regulierungseifer – und am Ende ist das Chaos nach einer vermeintlichen Vereinheitlichung perfekt. Auf dem Papier zumindest. Denn in den Säli werden weiterhin munter Zahlen von 1 bis 90 ausgespuckt, ohne dass dabei jemals jemand zu Schaden kommen wird.