Vieles ist neu am Solothurner Literaturpreis: Der Preisträger – logischerweise, weil jedes Jahr ein anderer – die Jury, und die für den Ablauf zuständigen Organisatoren. Seit ein paar Jahren wird dieser Preis, welcher vollständig von einer privaten Sponsorengruppe alimentiert wird, als Gastveranstaltung anlässlich der Solothurner Literaturtage verliehen. Im Stadttheater fanden sich daher gestern Vormittag Leser, Behörden, Sponsoren ein, um der Verleihung 2018 beizuwohnen.

Als Erster ergriff der Präsident des Vereins Solothurner Literaturpreis Walter Petrelli das Wort. Er begrüsste und zog einen Vergleich zwischen dem ausgezeichneten Autor Stamm und dem italienischen Renaissance-Gelehrten Luca Pacioli, welcher als Erster das Prinzip der Doppelten Buchhaltung beschrieb. «Beide Hinterfragen die Realität mit unterschiedlichen Mitteln».          

Stadtpräsident Kurt Fluri war als Gastreferent gekommen und er liess einen Schweigemoment zu Ehren des im vergangenen Mai verstorbenen Frank Schneider verstreichen, welcher lange Jahre die «Seele» des Solothurner Literaturpreises war. Bei ihm liefen all die Jahre organisatorisch alle Fäden zusammen. Jetzt haben Stadtschreiber Hansjörg Boll und Präsident Walter Petrelli diese Lücke geschlossen.

Ebenfalls stellte Fluri die neue dreiköpfige Jury des Literaturpreises vor: Nicola Steiner, Hanspeter Müller-Drossaart und Lucas Gisi. Sie ersetzen das langjährige Jurytrio Hans Ulrich Probst, Christine Tresch und Beat Mazenauer.

Reduktion und Wirklichkeit

So war es denn an der neuen Jurypräsidentin Nicola Steiner, die Laudation für den Preisträger Peter Stamm zu präsentieren. «Wir waren uns bei Peter Stamm – überraschenderweise – sehr schnell einig», begann sie.

«Er ist ein etablierter, aber dennoch kein unumstrittener Autor». Einer, der mit seinem Erzählsound hervorsteche, der an der Langeweile leide und seine Protagonisten immer wieder den Traum von einem anderen Leben träumen lasse. «Stamm versteht das Spiel mit Parallelwelten und Möglichkeitsformen virtuos und erzeugt seit seinem Erstling ‹Agnes› vor 20 Jahren eine Art Magie. Er verdichtet seine Erzählungen und Romane durch Reduktion.» Romane, Erzählungen, Theater, Hörspiele, ja selbst Groschenromane hat Stamm in den letzten zwanzig Jahren geschaffen. Immer leiden seine Menschen an Unbehagen, Entwurzlungen. «Nie aber schreibt Stamm pathetisch. Nichts liegt ihm näher, als uns Lesern die Welt erklären zu wollen.» Wer Antworten suche, finde diese nicht in Stamms Büchern und soll die Finger davon lassen.

Das Einfache ist das Schwierige

Bei Stamms Texten könne man den grossen Streichaufwand, mit dem er an seinen Texten arbeite, spüren, denn wie sagte schon Goethe: «Das Einfache ist das Schwierigste.» Zwar verneine Stamm, dass in seinen Texten Autobiographisches vorkomme, aber doch sei der Autor darin zu erkennen; insbesondere mit seinen schonungslosen Beschreibungen vom Vergehen der Zeit.

Preisträger und Autor: Peter Stamm

Preisträger und Autor: Peter Stamm

Reduktion bis zum Verschwinden

Peter Stamm selbst hielt eine ebenso schonungslose Dankesrede, denn er stellte die These auf, dass der Besitz von Büchern doch eigentlich überflüssig sei. «Das Wesentliche lässt sich sowieso nicht in Worte fassen». Er habe seine Zweifel an der Literatur. Soll man in der Konsequenz das Lesen aufgeben? Seine Bücher wegwerfen oder verbrennen, so wie das einige der Figuren in seinen Erzählungen tun? Stamm gab einen Einblick in von ihm angestrebte, radikale Reduktion. «Ich möchte einmal stumm eine Rede halten. Eine, die noch leiser, kürzer und einfacher wäre, als alle anderen. Doch das Publikum würde sich wohl langweilen und einschlafen. Alle würden aufstehen und ich wäre noch alleine hier.» Oder er möchte einen Roman ganz ohne Personen verfassen.

Wahrscheinlich, so meinte er zum Schluss, habe dies auch etwas mit dem Älterwerden zu tun, denn es könne sein, dass das Verstummen eines Autors dessen letztes Werk sei.

Stimmungsvolle Eindrücke der Solothurner Literaturtage: