Regionalstudie

Life Sciences beleben den Wirtschaftsraum Jurasüdfuss

Der geplante Bau von Biogen in Luterbach.

Der geplante Bau von Biogen in Luterbach.

Der Wirtschaftsraum Jurasüdfuss in den Kantonen Solothurn und Bern beweist gemäss einer Regionalstudie der Grossbank Credit Suisse Anpassungsfähigkeit. Der Wandel vom Schwerindustrie- zum Hightechstandort gewinne zunehmend an Fahrt.

Die Strategen der Wirtschaftsregionen am Jurasüdfuss haben die Weichen richtig gestellt. «Der wirtschaftliche Strukturwandel geht klar in die Richtung von Branchen mit einer hohen Wertschöpfung», skizzierte Thomas Rühl, Wirtschaftsexperte der Credit Suisse, am Montag in Solothurn die ökonomische Situation der Schweiz.

Und ganz entsprechend diesem langfristigen Trend habe sich am Jurasüdfuss über die Jahre hinweg der Fokus von der Schwerindustrie mehr und mehr auf hochtechnologische Produkte mit einem hohen Innovationsgrad verschoben. Die bedeutendste Branche ist die Erzeugung von Elektronik und Uhren samt Präzisionsinstrumenten und Optik.

Als besonders chancenreich erachtet der CS-Ökonom die «äusserst wertschöpfungsreichen» Life Sciences. Derzeit dominiert am Jurasüdfuss die Medizintechnik. Mit der Ansiedlung von Biogen in Luterbach sowie der CSL Behring im bernischen Lengnau werden demnächst auch die Biotechnologie und die Pharmabranche vertreten sein.

Modell für die Gebäude der CSL Behring AG in Lengnau

Modell für die Gebäude der CSL Behring AG in Lengnau

Während am Jurasüdfuss in den Jahren zwischen 2011 und 2013 gesamthaft Arbeitsplätze verloren gingen, schaffte die Life-Sciences-Industrie zusätzliche Stellen. Per Ende 2013 zählten die entsprechenden Unternehmen 2856 Beschäftige (=Vollzeitstellen). Mit 1,9 Prozent der Arbeitsplätze in der Region Jurasüdfuss hat die Branche für den Arbeitsmarkt insgesamt freilich eine geringe Bedeutung. Schweizweit arbeiten 2 Prozent in diesem Bereich. Sie erzielen rund 5 Prozent der Wertschöpfung.

Zentren: Solothurn, Grenchen

Solche Zahlen und Überlegungen gehen aus der neuen Regionalstudie der Credit Suisse zum Wirtschaftsraum Jurasüdfuss hervor, die am Montag publiziert worden ist. Erstmals haben die CS-Ökonomen eine umfassende wirtschaftlichen Analyse der Region erstellt. Der «Jurasüdfuss» umfasst in der Studie sechs Wirtschaftsregionen. Die Grossregion Solothurn, die Region Grenchen und das Thal sowie die drei Berner Regionen Oberaargau, Biel-Seeland und Erlach-Seeland. «Die wirtschaftliche Entwicklung macht nicht an Kantons- und Sprachgrenzen Halt», sagte Thomas Rühl.

Sie präsentierten die Regionalstudie der Credit Suisse (v.l.): Rolf Hofstetter (Head Local Management Team Solothurn-Oberaargau der CS) und Thomas Rühl (Leiter des Schweizer Regionenresearch der CS).

Sie präsentierten die Regionalstudie der Credit Suisse (v.l.): Rolf Hofstetter (Head Local Management Team Solothurn-Oberaargau der CS) und Thomas Rühl (Leiter des Schweizer Regionenresearch der CS).

«Die gewählten Regionen zeichnen sich durch enge wirtschaftliche Verflechtungen aus.» Der östliche Kantonteil sei stärker auf den Aargau ausgerichtet, das Schwarzbubenland auf den Grossraum Basel. Nicht ganz unerheblich für die Definition des Wirtschaftsraumes Jurasüdfuss sind freilich die Grenzen des Marktgebietes der regional verankerten CS.

Vom «überdurchschnittlich hohen» Wachstumspotenzial der Life-Sciences profitieren in erster Linie die beiden Wirtschaftsregionen Solothurn und Grenchen, wie aus der Studie hervorgeht. Hier arbeiten je 35 Prozent aller im Life-Sciences-Bereich beschäftigten Arbeitnehmer, gefolgt von Biel mit 19 Prozent (siehe die Grafik). Durch die geplanten Neuansiedlungen dürften Solothurn und Grenchen als die beiden regional wichtigsten Life-Sciences-Standorte weiter gestärkt werden. Trotz aller positiven Aussichten für diesen Bereich warnt Thomas Rühl vor allzu viel Euphorie: «Weltweit nimmt der politische Druck zu, die Kosten im Gesundheitswesen zu senken, der Preis- und Margendruck dürfte sich deshalb weiter erhöhen.»

Konkurrenz durch Smartwatches

Als «mittelfristig vorwiegend positiv» bewertet die CS-Studie die Aussichten der Uhrenindustrie – auch im Wirtschaftsraum Jurasüdfuss. Dies, obwohl die Branche seit 2013 schwächelt. Auch für 2016 rechnen die CS-Ökonomen mit einen «gedämpften Geschäftsgang». Verantwortlich sei dafür nicht etwa der starke Franken, betonte Thomas Rühl, sondern vielmehr eine verhaltene Nachfrage, vor allem in China. Die Solothurner und Berner Uhrenhersteller, die insbesondere auf Uhren im tiefen und mittleren Segment ausgerichtet sind, dürften zudem die Konkurrenz durch Smartwatches spüren. Per Ende 2013 waren am Jurasüdfuss 8650 Beschäftigt (=Vollzeitstellen) in der Uhrenindustrie tätig, die meisten in Biel (4200), gefolgt von Grenchen (3350).

Überblickt man das gesamte Branchenportfolio, so fallen die Prognosen der CS für den Wirtschaftsraum Jurasüdfuss als Ganzes «durchschnittlich» aus. Für die Wirtschaftsregionen Thal und Oberaargau erachtet die Studie das Wachstumspotenzial als «gering». Dies aufgrund der grossen Bedeutung strukturell schwacher Wirtschaftssektoren, etwa der Landwirtschaft.

Überdurchschnittlich stark von einem konjunkturellen Aufschwung profitieren dürften indes die Regionen Biel-Seeland sowie Solothurn und Grenchen. «Das Wachstum der Beschäftigung findet vor allem in den städtischen Zentren statt und geht von unternehmensbezogenen und staatlichen Dienstleistungen aus», erläuterte Thomas Rühl den Strukturwandel. «Zu den grössten Verlierern indes zählen die traditionelle Industrie sowie Handel und Verkauf.»

Solothurn ist attraktiver als Bern

Der Wirtschaftsregion Solothurn attestiert Rühl die höchste Standortqualität aller untersuchten sechs Regionen. «Solothurn positioniert sich praktisch im Landesdurchschnitt.» Verantwortlich dafür sei unter anderem die Verfügbarkeit von Fachkräften, die hohe Erreichbarkeit sowie eine Steuerbelastung, die «im Schweizer Mittelfeld» liegt. Die Berner Regionen indes sind im Vergleich dazu steuerlich unattraktiver.

Gemäss Thomas Rühl besteht denn auch «kein dringender Bedarf» für den Kanton Solothurn, die Steuern für Privatpersonen zu senken. Dies auch vor dem Hintergrund der seit mehreren Jahren defizitären kantonalen Rechnungsabschlüsse. Vor allem aber sei der Kanton gefordert, im Rahmen der Unternehmenssteuerreform III die Gewinnsteuern zu senken. Eine solche Senkung sei unumgänglich, wenn Solothurn seine Wettbewerbsfähigkeit erhalten will, betonte der CS-Experte.

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Autor

Elisabeth Seifert

Elisabeth Seifert

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