Amtsgericht

Liebeskummer und fatale Verwechslung: Wegen Mordes angeklagter Italiener weint vor Gericht

Mordprozess Winznau: Der Sohn des Opfers fordert lebenslänglich

Mordprozess Winznau: Der Sohn des Opfers fordert lebenslänglich

Für einen Kosovaren endete eine Verwechslung im Sommer vor 4 Jahren tödlich: Denn der Täter wollte eigentlich eine andere Person erschiessen. Heute musste sich der Italiener in Olten vor Gericht verantworten. Beim Prozess war auch der Sohn des Opfers anwesend.

Am 4. Juli 2016 wurde in Winznau ein Kosovare erschossen – es war eine Verwechslungstat. Der Tatverdächtige, ein heute 43-jähriger Italiener, muss sich heute und am Donnerstag vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen verantworten.

Ungewohnte Verhältnisse am Mittwoch im Amtsgerichtsgebäude in Olten. Prozessbesucher mussten eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen, durften nur das Allernötigste bei sich behalten und hatten gar das Handy zu deponieren. Wer also Pandemie bedingt auf die Covid-App des Bundes setzt, sah sein Pflichtbewusstsein durch das erhöhte Sicherheitsbewusstsein des Amtsgerichts pulverisiert.

Der Prozess zum Mordfall von Winznau, der 2016 landesweit Schlagzeilen machte, lockte mehrere Medienvertreter an. Anwesend war auch der 18-jährige Sohn des Opfers, der zumindest äusserlich keine Gefühlsregung offenbarte. Zahlreiche Plexiglasscheiben bestimmten das Interieur des Gerichtssaals im ersten Stock und sorgten für Abgrenzung unter den Anwesenden.

Der Tag verlief schleppend aufgrund formaler Angelegenheiten und weil ein vorgeladener Zeuge zunächst unentschuldigt fernblieb, danach aber doch auftauchte und für einen Lacher sorgte, als er freimütig zugab, im «Gjufel» den Bus als Schwarzfahrer benutzt zu haben. Um 14.30 Uhr vertagte das Gericht die Verhandlung, weil sich der Dolmetscher wichtigen Dokumenten annehmen musste.

Die vielen Tränen des Angeklagten

Die Einvernahmen der vier Zeugen, darunter die ex Freundin des mutmasslichen Täters Federico T.*, brachten kaum neue Erkenntnisse. Der Beschuldigte selbst sass meist vornübergebeugt auf seinem Stuhl, die Ellenbogen auf die Oberschenkel gestützt und das Gesicht in die Hände verborgen, oft schluchzend und die Nase schnäuzend. Ein Geständnis legte er keines ab, auf Fragen zum Tathergang ging er nicht ein. Antworten kamen ihm fast ausschliesslich unter Tränen über die Lippen und betrafen vordergründig sein eigenes (schlechtes) Befinden.

Das unbeteiligte Opfer hatte keine Chance

Federico T. war verliebt in Helena M.*, und genau genommen ist er es noch heute. «Ich habe sie immer noch sehr gern», sagte er. Doch Helena erwidert die Liebe schon lange nicht mehr. Vor fünf Jahren waren sie für kurze Zeit ein Paar. Es ging nicht lange gut damals, schon im Dezember 2015 kam es zur Trennung. Sie kehrte in ihre Heimat Bosnien zurück, Federico blieb mit gebrochenem Herzen an seinem Wohnort Olten zurück. Dem Italiener fiel es schwer, Helenas Entscheidung zu akzeptieren. «Ich habe mich in meinen Gefühlen verloren und die Realität nicht kapiert», sagt er im Rückblick. Nicht kapiert, dass Helena nicht die Frau sei, «die für mich geschaffen ist».

Federicos Liebeskummer scheint der Ursprung des Dramas zu sein, das sich am Nachmittag des 4. Juli 2016 in Winznau abspielte. Gemäss Anklageschrift genehmigte er sich im «Frohsinn» zwei Bier und unterhielt sich mit dem ebenfalls anwesenden Mirsad B.*. Als B. aufstand und erwähnte, sich daheim duschen und zur Geburtstagsparty von Samira U.* gehen zu wollen, brannten Federico wohl innerlich die Sicherungen durch. Er fühlte sich von Mirsad B. hintergangen. Samira U. war nämlich die beste Freundin von Helena M., seiner ex Freundin, die er so sehr vermisste und von der er nicht herausbekommen hatte, wo sie sich aufhielt. T. verliess den «Frohsinn» kurz darauf und machte sich auf den Weg zu Mirsad B.s Wohnung.

Im Garten lud er die mitgeführte Pistole, betrat das Haus durch die Eingangstür, durchschritt die Küche und gab einen Schuss ab auf die geschlossene Badzimmertür, hinter der er Mirsad B. vermutete. T. öffnete sodann die Badzimmertür und feuerte zweimal Richtung Dusche. Die Schüsse verfehlten ihr Ziel, worauf das Opfer versuchte, Schutz zu suchen. T. jedoch änderte die Position und drückte weitere dreimal aus kurzer Distanz ab. Die Kugeln trafen das Opfer von hinten in den Rumpf und verletzten es tödlich.

Die fatale Verwechslung zu spät erkannt

Erst jetzt bemerkte Federico T., dass es sich beim Toten nicht um seine mutmassliche Zielperson Mirsad B. handelte, sondern um einen Unbeteiligten. Gleichzeitig hörte Federico T. Geräusche aus dem Nebenraum und reagierte prompt, indem er noch zweimal in diese Zimmertür schoss, ohne zu wissen, wer sich dahinter befand. Danach stellte T. fest, dass sich keine Patronen mehr in der Pistole befanden und suchte das Weite.

Geständiger Täter von Winznau verhaftet

Geständiger Täter von Winznau verhaftet (6.Juli 2016)

Die Polizei findet nach einer Schiesserei in Winznau einen toten Mann in der Wohnung. Gemäss Solothurner Staatsanwaltschaft wurde der Täter verhaftet. Er ist geständig.

Die Flucht endete zwei Tage später mit der Verhaftung. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten «besonders skrupelloses Verhalten» vor. Er habe Mirsad B. einzig aus Rache töten wollen, «kaltblütig und gefühlskalt» gehandelt und «damit eine ausserordentliche Geringschätzung fremden Lebens» an den Tag gelegt. Der Prozess wird am Donnerstag mit den Plädoyers fortgesetzt.

* Namen geändert

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