Zuchwil

Letzte Investoren für Scintilla sind abgesprungen - Produktion wird verlagert

Die Fertigung von Elektrowerkzeugen in den Bosch-Hallen in Zuchwil ist bald Geschichte.

Die Fertigung von Elektrowerkzeugen in den Bosch-Hallen in Zuchwil ist bald Geschichte.

Das wars: Trotz intensiver Bemühungen ist es dem deutschen Bosch-Konzern nicht gelungen, für ihr bald leerstehendes Werk Scintilla in Zuchwil einen Investor zu finden. Die Fertigung und Entwicklung von Elektrowerkzeugen wird nach Ungarn verlagert.

Das ist symptomatisch: An der Portiersloge vorbei fährt ein Zügelwagen auf das Werksgelände der Bosch-Tochter Scintilla in Zuchwil. Es wird gezügelt, und zwar im grossen Stil: Die gesamte Fertigung inklusive Entwicklung für Elektrowerkzeuge wird nach Ungarn verlagert.

Zurück bleiben rund 25 000 Quadratmeter Nutzfläche in mehreren Gebäuden, welche wohl für einige Zeit leer stehen bleiben. Denn die Verhandlungen mit zwei übrig gebliebenen Investoren zur Übernahme von Flächen und Mitarbeitenden haben sich zerschlagen, wie die Scintilla-Spitze gestern auf Anfrage bekannt gab.

«Zu hohe Lohnkosten»

Während sich ein Interessent nach einem losen Kontakt zurückgezogen habe, sei man mit dem zweiten Investor intensiv in Kontakt gestanden, sagt Ute Lepple, Mitglied der Geschäftsleitung. Man habe ein gut ausgearbeitetes Angebot unterbreitet und der Investor sei ernsthaft interessiert gewesen. «Letztlich haben aber die zu hohen Lohnkosten im Vergleich zum Ausland den Ausschlag gegen den Standort Zuchwil gegeben.» Der Unterschied sei für den potenziellen Ansiedler zu gross gewesen. 

Damit haben sich alle Hoffnungen in nichts aufgelöst, auf diesem Weg einen Teil der von der Verlagerung betroffenen 330 Arbeitsplätze zu retten. «Dieses primäre Ziel wurde nicht erreicht. Wir sind ein Stück weit enttäuscht», so Lepple. Vor anderthalb Jahren, kurz nach Bekanntgabe der Verlagerung im November 2013, wurde die Suche gestartet. Unter der Federführung der Beratungsunternehmung Boston Consulting wurden 75 Firmen direkt und 15 Branchenverbände mit rund 900 Mitgliedsfirmen kontaktiert.

Der für die Investorensuche ins Leben gerufene runde Tisch sei insgesamt zwölf Mal zusammengekommen, um jeden Ansatz im Detail zu prüfen. Der jetzt offiziell aufgelösten Task-Force gehörten Vertreter von Bosch/Scintilla, der Belegschaft, der Gewerkschaft Unia, des Branchenverbandes Swissmem und des Kantons an.

Ebenfalls enttäuscht über die erfolglose Investorensuche zeigt sich Beat Uhlmann, Vizepräsident der Angestelltenkommission. Vor allem zu Beginn habe man grosse Hoffnungen gehegt. Je länger die Suche gedauert habe, desto mehr seien diese aber geschwunden. Andererseits gesteht er der Scintilla-Leitung zu, ernsthaft einen Investor gesucht zu haben. «Es war keine Alibiübung.» Allein schon im Eigeninteresse. Denn die bald leerstehende Infrastruktur müsse unterhalten werden und werde der Eigentümerin nur noch Kosten verursachen.

Vermieten oder verkaufen

Um die Kosten möglichst tief halten zu können, verfolgt Scintilla einen neuen Plan. Die mehreren Gebäude mit der riesigen Nutzfläche sollen stückweise oder ganz an Interessenten vermietet oder verkauft werden. Möglich sei auch ein Business Park. Dass dies angesichts der in der Region leerstehenden Nutzflächen kein einfaches Unterfangen sein wird, ist klar. Lepple: «Wir möchten so zeitnah wie möglich eine Lösung finden.»

Inzwischen läuft die Verlagerung nach Ungarn auf vollen Touren. Die Maschinen für die Teilefertigung werden Ende Juli, das letzte Montageband bis Ende Oktober und die Bänder zur Motorenfertigung ab Ende Januar 2016 gezügelt werden, erläutert Werksleiter Jürgen Milde. Erst später erfolge der Umzug der Entwicklungsabteilung. Den Umstand, dass einerseits Entlassungen ausgesprochen worden sind und andererseits Temporärpersonal eingestellt wird, erklärt Milde mit der Produktionslücke.

Den Mitarbeitenden in der Produktion und Montage sei Zeit für die Stellensuche gewährt worden und etliche Mitarbeitende hätten das Unternehmen verlassen. Dadurch sei es zu einem personellen Kapazitätsengpass gekommen, um das gewohnte Produktionsvolumen aufrechterhalten zu können. «Die Verlagerung der Montage- und Fertigungsbänder führt jeweils zu einem Betriebsunterbruch von rund vier Monaten.»

Diese Lücke müsse aufgefüllt werden. Deshalb habe man den ersten Entlassenen angeboten, einen Monat über die Kündigungsfrist hinaus länger zu arbeiten; dadurch werde der Anteil des Temporärpersonals sinken. Definitiv sei, dass die Fertigung von EC-Motoren mit sieben Arbeitsplätzen auf Anfang 2016 von der Spemot AG in Dulliken übernommen wird.

150 Betroffene ohne Lösung

Unter dem Strich sind von der Verlagerung 330 Angestellte betroffen. 185 Mitarbeitende hätten inzwischen eine Anschlusslösung gefunden, erklärt Alexander Jahn, Leiter Personal bei Scintilla. Dazu gehören die Lernenden, vorzeitige Pensionierungen, interne Versetzungen und jene, die selbst gekündigt haben. Noch ohne Lösung seien rund 150 Angestellte. «Es sind vor allem Mitarbeitende aus der Montage und Fertigung.» Diese verfügten nicht alle über eine berufliche Grundausbildung und seien deshalb schwieriger vermittelbar. Dabei hätten sie sich intern über viele Jahre ausgezeichnete Qualifikationen wie Praxiserfahrung, Methodikwissen und technisches Know-how angeeignet, ergänzt Milde. «Dieses Fachwissen wird ohne offiziellen Berufsausweis leider zu wenig honoriert.»

Deshalb versuche man, Gegensteuer zu geben. Interessierten künftigen Arbeitgebern soll aufgezeigt werden, über welche Qualifikationen die Kandidaten tatsächlich verfügten. «Unser Ziel ist weiterhin, die von der Verlagerung betroffenen Mitarbeitenden in ihrer Stellensuche intensiv zu unterstützen», versichert Jahn. Das Jobcenter mit externen Personalberatern bleibe aktiv. Darunter habe es eine Person, welche über enge Kontakte zu Firmen in der Region verfüge. Er versuche, Vermittlungen anzubahnen, bevor die offenen Stellen ausgeschrieben werden.

Bislang hat Scintilla 60 Kündigungen ausgesprochen. Die letzten im Bereich Produktion und Montage würden aus heutiger Sicht Ende September erfolgen.

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