Autofahren
Lernfahrer mogeln sich dank technischer Hilfe durch die Theorieprüfung

Die Kantonspolizei Solothurn hat eine ganze Betrugsserie aufgedeckt. Ein 41-jähriger Kosovare hat 20 Absolventen der theoretischen Prüfung mit Spionage-Technik geholfen.

Sven Altermatt
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Einige Prüflinge sind dank technischer Hilfsmittel durch die Theorieprüfung gekommen. (Symbolbild)

Einige Prüflinge sind dank technischer Hilfsmittel durch die Theorieprüfung gekommen. (Symbolbild)

AZ

Man kann sich ja darüber streiten, wie anspruchsvoll die theoretische Führerprüfung ist. 45 Minuten, 50 Fragen mit Mehrfachauswahl und 15 erlaubte Fehler: Es gibt wahrlich grössere Herausforderungen. Dennoch wird bei den Prüfungen regelmässig gespickt, darüber klagen Strassenverkehrsämter schon seit Jahren. Doch ein Fall aus dem Kanton Solothurn übertrifft nun die bisher bekannt gewordenen Schummeleien bei weitem.

So ging der Bschiss vonstatten - mit Technik am Oberkörper.

So ging der Bschiss vonstatten - mit Technik am Oberkörper.

Kapo SO

Sein Plot scheint so abwegig, dass er selbst dem tollkühnsten Drehbuchautor nicht zuzutrauen wäre: Mindestens 20 Prüflinge sind verkabelt wie Spione zur Theorieprüfung in Olten und Bellach angetreten.

Das Equipment war teilweise in ihre Pullover und Shirts eingearbeitet. An ihrem Körper trugen sie einen Sender, eine Minikamera filmte durch ein Knopfloch den Bildschirm im Prüfungsraum und durch einen unscheinbaren Hörer im Ohr waren sie mit einem Helfer verbunden. Nach dessen Diktat setzten sie ihre Kreuzchen in die Antwortfelder.

Ein richtiges Geschäftsmodell

Aufgeflogen ist die Betrugsserie nach «umfangreichen Ermittlungen, Hinweisen aus anderen Kantonen sowie der Überwachung eines Beschuldigten», wie die Kantonspolizei Solothurn am Dienstag mitteilte. Drahtzieher ist ein 41-jähriger Kosovare, der den Prüfungsbetrug offenbar als Geschäftsmodell entdeckt hat. Für mehrere Tausend Franken offerierte er demnach Führerausweisbewerbern, sie durch die Theorieprüfung zu bringen.

Zwischen Dezember 2014 und März 2016 soll der Mann so mindestens 20 Männern und Frauen geholfen haben. Gemäss der Polizei waren die betroffenen Prüflinge albanischer, kosovarischer, mazedonischer und schweizerischer Staatsbürgerschaft. Ob der Kosovare in weiteren Regionen aktiv war, ist derzeit noch unklar.

«Wir hatten einen Hinweis, der die polizeilichen Ermittlungen in Gang setzte», sagt Polizeisprecher Andreas Mock gegenüber dieser Zeitung. Im März 2016 habe man zunächst zwei Personen dingfest machen können. Dass nun ein Strafverfahren gegen so viele Personen laufe, sei das Ergebnis langwieriger Ermittlungen, bei denen immer wieder neue Personen ins Spiel kamen und bei denen man unter anderem mit Berner Behörden zusammengearbeitet habe. «Eins ergab das andere», so Mock.

Probleme mit der Sprache

Wo der Beschuldigte seine Dienste angeboten hat, dazu macht die Polizei keine weiteren Angaben. Mock erklärt lediglich, die Prüflinge hätten in den meisten Fällen über «mangelnde Sprachkenntnisse verfügt». Tatsächlich gibt es bisher unbestätigte Hinweise, wonach die zuerst aufgeflogenen Personen im Prüflokal vor allem dadurch aufgefallen sind, dass sie nur schlecht Deutsch sprachen.

Befürchteten die Prüflinge, sie würden an den sprachlichen Hürden scheitern? Seit dem Jahr 2006 kann die Theorieprüfung nur noch in den Landessprachen und auf Englisch absolviert werden. Im Kanton Solothurn geht diese Regelung, die unterdessen landesweit gilt, auf einen Beschluss des Kantonsrats zurück. Vorstösse aus den Reihen von SVP und CVP forderten, die Theorieprüfung nicht mehr in fünf weiteren Sprachen wie Albanisch oder Türkisch anzubieten. Die Reduktion des Angebots sollte nicht zuletzt Motivation sein, rasch eine Landessprache zu lernen.

Der betrügerische Kosovare und seine Kunden müssen sich nun vor den Strafbehörden verantworten. Man führe eine Strafuntersuchung wegen Erschleichens einer Bewilligung, bestätigt Cony Zubler von der Solothurner Staatsanwaltschaft. «Das entsprechende Verfahren ist noch nicht abgeschlossen.» Zudem müssen die aufgeflogenen Prüflinge wohl die theoretische Fahrprüfung nachholen.

So wird heute getrickst und geschummelt

Gespickt wird wohl schon so lange, wie es Prüfungen gibt. Doch neben dem klassischen Spickzettel, der Notiz auf dem Taschentuch oder dem mit Lösungswörtern bekritzelten Radiergummi stehen Schummlern heute ausgefeilte technische Hilfsmittel zur Verfügung. Man nehme nur einmal Smartwatches mit Displays: Lernfaule Schülerkönnen sich darauf Texte und Zahlen in fast unsichtbarer Schrift anzeigen lassen. Manche Schulen haben bereits mit Verboten reagiert.

Deutlich schwerer erkennbar sind da schon Betrügereien mit spezialisierten Hilfsmitteln. Gerade die theoretische Fahrprüfung ist anfällig dafür, weil der Stoff eng normiert ist und im Multiple-Choice-Verfahren abgefragt wird. Minikameras, unscheinbare Ohrhörer mit Funk, Empfangsgeräte und Sender: Sogenannte Spionage-Gadgets können unterdessen preiswert für ein paar Hundert Franken im Internet erworben werden.

Der reine Besitz entsprechender Technik ist meist nicht verboten. Händler werben bisweilen offen damit, dass sich ihr Equipment bestens dafür eigne, um sich mit Helfern durch Prüfungen zu mogeln. «Wenn man schon spickt, dann bitte richtig», wirbt ein Anbieter, der eigenen Angaben zufolge auch in die Schweiz liefert, offen auf seiner Website. «Unsere HD-Spionkamera in Kombination mit dem drahtlosen Spionkopfhörer ist der beste Spicker.»

Mit welchen Folgen müssen Schüler rechnen, wenn sie beim Spicken erwischt werden? «Unregelmässigkeiten bei Leistungserhebungen», so der juristisch korrekte Fachausdruck, führen meist zu einem «angemessenen Notenabzug». Das schreibt das Solothurner Volksschulamt in einem Infoblatt. Spicken bei den Maturitätsprüfungen hat gemäss Reglement gar immer zur Folge, dass die Prüfung insgesamt nicht bestanden ist. (sva)