Berufsbildung

Lernende sind zunehmend unter Druck

Nebst Fachkompetenz wird von den Lehrlingen Methodenkompetenz und Sozialkompetenz gefordert.

Nebst Fachkompetenz wird von den Lehrlingen Methodenkompetenz und Sozialkompetenz gefordert.

«Die Anforderungen, die heute an Lernende gestellt werden, haben klar zugenommen, auch die zeitliche Belastung», meint der scheidende Berufsbildungszentrums-Leiter Ernst Hürlimann.

«Wissen Sie, wie man dieses Ding bedient?», fragt Ernst Hürlimann und deutet auf einen überdimensionalen Rechenschieber an der Wand seines Büros. Auf den Skalen lassen sich Resultate der Grundrechnungsarten, aber auch von trigonometrischen und weiteren mathematischen Funktionen ablesen – wenn man weiss, wie.

Als Ernst Hürlimann 1964 bis 1968 seine Lehre als Maschinenzeichner bei der Scintilla in Zuchwil machte und danach an der HTL in Biel Maschineningenieur studierte, waren Rechenscheibe und -schieber gängige Arbeitsinstrumente. Seither hat sich im Maschinenbau vieles verändert. Taschenrechner und Computer liefern Resultate mit mehr Genauigkeit, CAD-Programme haben das Reissbrett abgelöst und Computer steuern Maschinen, die Maschinen bauen.

Chef von sechs Teilschulen

«Doch das praktische Denken, das zu technischen Lösungen und Innovationen führt, können die Rechner niemandem abnehmen», sagt Hürlimann (64),

der Ende Juli als Chef des Berufsbildungszentrums Solothurn-Grenchen in Pension geht. Zum Handwerkszeug auch eines heutigen Polymechanikers müsse deshalb gehören, dass dieser eine technische Zeichnung anfertigen könne – ohne Hilfe des Computers. «Wer etwas zeichnen kann, kann auch Pläne lesen und entwickelt ein Gefühl für Exaktheit und technische Zusammenhänge», ist Hürlimann überzeugt.

Seit der Gründung des Berufsbildungszentrum Solothurn-Grenchen 2004 hat Hürlimann die Institution mit sechs Berufsfachschulen, 250 Lehrkräften und durchschnittlich 4500 Lernenden (inkl. Erwachsenenbildung) geleitet. Vorher war er während sechs Jahren Rektor der Gewerblich-Industriellen Berufsschule Solothurn (GIBS). Die Anpassung der Berufsfachschule an die rasante technische Entwicklung war immer eines der wichtigsten Anliegen von Hürlimann. «Als wir die CNC-Technologie in den Unterricht einbauten, hat uns das damalige Biga (Bundesamt) noch kritisiert. Drei Jahre später hat es die Aufnahme in den Lehrplan angeordnet», erinnert er sich.

Lehrling sein: ein Vollzeitjob

Seit er 1975 erstmals vor einer Klasse von Berufsschülern stand, hat sich nicht nur das technologische Umfeld verändert, sondern auch die die Ansprüche an die Schüler. «Die Anforderungen, die heute an Lernende gestellt werden, haben klar zugenommen, auch die zeitliche Belastung», meint Hürlimann. Nebst Fachkompetenz werde Methodenkompetenz und Sozialkompetenz gefordert. Ein Lernender eines anspruchsvollen technischen Berufes habe heute eine Wochenarbeitszeit von bis zu 45 Stunden. Und dies mit sechs Wochen Ferien anstelle von 12 eines Mittelschülers. «Ich plädiere dafür, dass wir auch den Lehrlingen einen freien Mittwochnachmittag geben. Sie hätten ihn verdient.»

Auch macht sich Hürlimann nicht geringe Sorgen um die Zukunft der Berufsbildung. Zu beobachten sei, dass die neue Sek P die Kantonsschule mit reichlich Schülern versorgt, während die berufliche Bildung Zweite mache. «Es fehlen uns zusehends die Berufsmittelschüler.»

Duales System gut im Schuss

Dabei sei doch das Berufsbildungssystem gut in Schuss und gebe jungen Menschen attraktive Perspektiven. Der mancherorts eklatante Mangel an Fachkräften spreche für sich. Anderseits sei aber auch der sektorielle Wandel in der beruflichen Bildung spürbar. «Früher haben wir sieben bis acht Polymechanikerklassen ausgebildet, heute sind es noch fünf bis sechs.»

Die Zusammenarbeit der Berufsschule mit den Betrieben bezeichnet Hürlimann als «ausgezeichnet». Diese seien sich der Bedeutung der Nachwuchsförderung für die Zukunft der jeweiligen Branchen bewusst. Doch auch hier gilt: Die Betriebe wollen oft nur die Besten der Besten. Basic-Check und Multicheck für Lehrlingsanwärter gehören heute zum Standard. «Das finde ich soweit in Ordnung», meint Hürlimann. Damit lasse sich auch die Rate von Lehrabbrüchen verkleinern.

Bildungsbürokratie

«Gecheckt» wird neuerdings auch die Leistung der Lehrkräfte, von Kollegen, Vorgesetzten – und Schülern. Zum Stichwort «Bildungsbürokratie» muss Hürlimann schmunzeln. «Wenn man das Verhältnis von Aufwand und Ertrag gelegentlich überprüft, sind die neuen Qualitätssicherungs-Instrumente durchaus nützlich», meint er. Standortbestimmungen und Zielvereinbarungen würden von den Lehrkräften in der Regel geschätzt. «Wenn aber die Schüler seufzen, weil sie – schon wider – die Lehrer beurteilen sollen, kann man ja den Rhythmus etwas lockern.»

Hürlimann freut sich, dass mit Rolf Schütz ein Nachfolger ernannt wurde, der das BBZ als langjährige Lehrkraft, ehemaliger Prorektor und Leiter des Erwachsenenbildungszentrums gut kennt. Er kann ihm einen «wohlaufgeräumten Laden ohne grössere Baustellen» hinterlassen. Wobei das mit den Baustellen nicht wörtlich zu verstehen ist. Denn, dass er den unter seiner Ägide geplanten Neubau der Kaufmännischen Berufsschule nicht mehr eröffnen kann, bedauert Hürlimann schon.

28 Jahre in der Politik

Dafür habe er jetzt Zeit, um auch seine politische Karriere mit der Gemeindefusion zu beenden – Hürlimann war acht Jahre FDP-Gemeinderat und 20 Jahre lang Gemeindepräsident von Lüsslingen. Zum Unruhestand werden auch seine vier Grosskinder, die gleich nebenan wohnen, beitragen, sowie sein Wunsch, mehr Sport zu treiben.

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