Kanton Solothurn
«Lernende geben schneller auf» - Jeder 10. Lehrvertrag wird aufgelöst

Weil es momentan weniger Lehrlinge als angebotene Lehrstellen gibt, werden Lehrverhältnisse schneller aufgegeben. Was genau führt die Lernenden dazu, ihren Vertrag aufzulösen? Und was wird unternommen, um allfällige Auslöser frühzeitig zu verhindern?

Lucien Fluri
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Im Gastgewerbe ist die Zahl der Vertragsauflösungen besonders hoch. (Symbolbild)

Im Gastgewerbe ist die Zahl der Vertragsauflösungen besonders hoch. (Symbolbild)

sda

Fast jeder zehnte Lehrvertrag wird frühzeitig aufgelöst. Das zeigt eine Antwort der Regierung auf eine Interpellation von Barbara Wyss Flück (Grüne, Solothurn). Genau gesagt waren es im vergangenen Jahr 9,4 Prozent der Lehrverträge, die vorzeitig endeten. Damit liegt Solothurn etwas unter dem Schweizer Schnitt von 9,7 Prozent.

Die Regierung warnt in ihrer Interpellationsantwort allerdings davor, Lehrabbruch und Auflösung des Lehrverhältnisses gleichzusetzen. In den meisten Fällen gehe es nämlich nicht um einen Lehrabbruch, sondern «lediglich» um eine Vertragsauflösung – und dabei führen die betroffenen Lernenden in der Regel ihre Ausbildung unmittelbar etwa anderswo fort.

Nicht zuletzt erleichtert derzeit offenbar der Lehrlingsmangel solche Vertragsauflösungen. «Unbestritten ist, dass mit dem aktuellen Überangebot an Lehrstellen die Lernenden auch schneller aufgeben, Stellen wechseln oder nach einer neuen Lösung suchen», hält das Bildungsdepartement fest.

Gastgewerbe besonders betroffen

Bei Lernenden in zweijähriger Ausbildung «fehlt persönliche Reife»

Schlechte schulische Leistungen sind grundsätzlich der Hauptgrund, wenn es zu Problemen im Lehrverhältnis kommt. Etwas anders sieht es bei den zweijährigen Lehren aus: Hier lautet der mit Abstand häufigste Auflösungsgrund für Lehrverhältnisse laut dem Bildungsdepartement «Pflichtverletzung der lernenden Person». Darunter fallen etwa unentschuldigtes Fehlen, das Vernachlässigen von Aufgaben oder die Handynutzung während der Arbeitszeit. Die Lehraufsicht beobachte bei den Lernenden oft eine geringe Bereitschaft, Konflikte konstruktiv zu lösen, auch «weil die Chance, in einen anderen Ausbildungsplatz zu wechseln, bei der aktuellen Lehrstellensituation sehr gross ist». Den Lernenden in den zweijährigen Grundbildungen fehle – bei denjenigen, bei denen es zu einer Auflösung des Lehrverhältnisses kommt – «oft auch die persönliche Reife, sich in der Erwachsenenwelt zurechtzufinden». (lfh)

Hauptgrund für das Ende von Lehrverhältnissen sind schlechte schulische Leistungen. «Meist führt aber eine Kombination mehrerer Gründe dazu, dass eine Lehre aufgegeben wird», heisst es. Dies können familiäre Gründe sein, die falsche Berufswahl oder schlechte Arbeits- und Ausbildungsbedingungen. Nicht zuletzt würden auch «die Sozialkompetenz und Konfliktfähigkeit eine wichtige Rolle» spielen.

«Betriebe mit einer guten Unternehmenskultur und mit einer sorgfältigen Selektion der Lernenden haben grundsätzlich weniger Probleme», nennt die Regierung einen Baustein für erfolgreiche Lehrverhältnisse. Kommt es zum Lehrabbruch, finde knapp die Hälfte aller Lernenden innerhalb eines Kalenderjahres wieder eine Anschlusslösung.

Im Gastgewerbe ist die Zahl der Vertragsauflösungen mit 21,9 Prozent besonders hoch. Das dürfte mit der Arbeitsbelastung zusammenhängen: In der Gastronomie dürfen Lernende bis zu 50 Stunden in der Woche beschäftigt werden, in der Industrie sind es 45 Stunden. Ein Problem, dass das Bildungsdepartement sieht: Bei der Schnupperlehre sind Arbeitseinsätze ausserhalb der ordentlichen Tagesarbeitszeit nicht möglich.

Angehende Lernende erleben beim Schnuppern also nicht alle (negativen) Facetten des Berufes. Deshalb seien die Informationen für die angehenden Lehrlinge etwa in den Berufsbildungszentren besonders wichtig, schreibt die Regierung. Überhaupt sei «die intensive Auseinandersetzung mit der Berufswahl» wichtig für das Gelingen einer Lehre.

«Wenn die Lehraufsicht frühzeitig mit einbezogen wird, können mit geeigneten Interventionen Probleme entschärft werden», nennt das Bildungsdepartement eine der Massnahmen gegen Auflösungen oder Abbrüche der Lehrverhältnisse. Dem Hauptproblem, schlechten schulischen Leistungen, begegne man mit flächendeckenden Grundlagentests zu Beginn der beruflichen Grundbildung. So würden Lerndefizite oder Schwierigkeiten «frühzeitig erkannt» und etwa mit Förderkursen unterstützt.

Die Langzeitbeobachtung der Lehrverhältnisse und deren Auflösung sei wegen eingeschränkten Datenaustausches zwischen den Kantonen nur beschränkt möglich, heisst es weiter. Zwar gebe es Bemühungen, den Datenaustausch zu vereinfachen. «Da die Datenhoheit aber bei den Kantonen liegt, wird dieser Prozess noch Jahre dauern.»

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