Regina Zürcher

Leiterin Caritas Solothurn über Armut in Krisenzeit: «Corona brachte Kettenreaktionen hervor»

«Wenn plötzlich 20 Prozent des Einkommens fehlen, dann reicht das Geld nicht mehr», erklärt die Standortleiterin Regina Zürcher im Interview.

«Wenn plötzlich 20 Prozent des Einkommens fehlen, dann reicht das Geld nicht mehr», erklärt die Standortleiterin Regina Zürcher im Interview.

Kurzarbeit für Angestellte oder Selbstständige, die ihren Betrieb schliessen mussten. Viele Menschen verdienten in den letzten Wochen plötzlich weniger und gerieten in finanzielle Not. Unter anderem die Caritas half in solchen Situationen.

Tausende Menschen haben in den letzten Wochen in Genf stundenlang auf Nahrungspakete gewartet. Solche Bilder gab es zwar in Solothurn nicht, aber auch hier gab es Menschen, die wegen der Coronakrise in Not gerieten. Bei der Kirchlich regionalen Sozialberatung von Caritas Solothurn bekamen sie Unterstützung. Regina Zürcher ist die Standortleiterin der Beratungsstelle. Im Interview erzählt sie, wie die Coronakrise Menschen mit geringen Einkommen zusätzlich belastet.

Wie haben Sie bei der Caritas Solothurn die letzten Wochen erlebt?

Regina Zürcher: Im Mai sind die Anfragen bei der Caritas Solothurn angestiegen. Die Menschen haben die Auswirkungen der Coronakrise finanziell zu spüren bekommen. Wir haben pro Woche rund fünf zusätzliche Anfragen erhalten von Betroffenen, die in finanzielle Not geraten waren.

Wer sind diese Menschen, die wegen Corona in Not gerieten?

Da gibt es verschiedene Betroffene. Zum einen sind es Familien oder Alleinerziehende, die auch vorher bereits am Existenzminimum gelebt haben und nun von Kurzarbeit betroffen sind. Häufig sind es Familien mit mindestens zwei Kindern. Der Mann ist der Hauptverdiener, aber arbeitet im Niedriglohnbereich. Die Frau arbeitet nur in einem kleinen Pensum und kümmert sich um den Haushalt und die Kinder. Wenn plötzlich 20 Prozent des Einkommens fehlen, dann reicht das Geld nicht mehr. Es haben sich aber auch Fahrende bei uns gemeldet, die ihre üblichen Arbeiten, wie etwa Messerschleifen, nicht mehr ausführen konnten, weil die Restaurants nicht mehr offen waren. Eine neue Klientel waren auch Selbstständige, etwa Betreiberinnen von Kosmetikstudios oder Zulieferer von Restaurants. Von einem Tag auf den anderen fiel ihr Einkommen weg. Die Überbrückungshilfe des Kantons von 2000 Franken war meist nicht genug, um ihre Kosten zu decken.

Haben die Betroffenen sonst nirgendwo Hilfe erhalten?

Viele von ihnen haben ein Anrecht auf Hilfe einer Sozialversicherung. Aber die einzelnen Fälle mussten abgeklärt werden, und das kostete Zeit. Teils war die Zuständigkeit nicht immer klar, zum Beispiel bei Personen im Stundenlohn auf Abruf. Abklärungen nahmen zwei bis drei Wochen in Anspruch. In dieser Zeit konnten einige Familien bereits in Probleme geraten.

In den vergangenen Wochen konnte man häufig von den «Working Poor» lesen. Also Menschen, die trotz Arbeit arm sind. Mit wie viel Geld müssen diese Familien in normalen Zeiten haushalten?

Häufig sind diese Personen im Stundenlohn im Niedriglohnsektor angestellt. Wenn sie Vollzeit arbeiten, dann beträgt das Monatseinkommen je nach Branche rund 3800 Franken brutto. Wenn hier 20 Prozent wegfallen, dann reicht es schnell nicht mehr, um alle Rechnungen zu bezahlen. Für viele ist diese Situation sehr belastend. Häufig arbeiten sie auch im Temporärbereich oder auf Abruf. Ihr Einkommen schwankt jeden Monat, das ist eine grosse Belastung. Es gibt auch Familien, die unter dem Existenzminimum leben, aber auf keinen Fall Sozialhilfe beziehen wollen.

Jedes aussergewöhnliche Ereignis bringt also finanzielle Schwierigkeiten.

Natürlich. Eine Zahnarztrechnung oder eine Nebenkostenabrechnung kann ein grosses Problem sein. Und Corona brachte verschiedene Kettenreaktionen hervor, welche diese Familien auf unterschiedliche Weise trafen. Wir hatten etwa den Fall einer Familie, die sich neue Möbel bestellt hatte. Wegen Corona konnten die Möbel aber nicht abgeholt werden, sondern wurden geliefert. Die Lieferkosten hätte die Familie tragen sollen, aber dafür reichte das Geld nicht mehr.

Wie können Sie solchen Familien helfen?

Wir unterstützen viele mit Essensgutscheinen oder der einmaligen Übernahme von Rechnungen, um eine Verschuldung zu verhindern. Dank einer Spendensammlung der Glückskette steht uns ausserdem ein relativ grosser Topf zu Verfügung, damit wir schnell finanzielle Hilfe bieten können. Wir übernehmen einmalige Beträge wie Rechnungen, damit die Betroffenen vorerst über die Runden kommen, bevor sie Hilfe von Sozialversicherungen oder vom Sozialdienst erhalten. Dieses Geld müssen sie nicht mehr zurückbezahlen.

Wie ist der Ablauf, wenn sich Betroffene bei Ihnen melden?

Eine Mitarbeiterin hat sich in den letzten Wochen nur um die Fälle von Betroffenen gekümmert, die aufgrund von Corona in Not geraten waren. Das ist eine sehr bürokratische Arbeit. Als Erstes müssen wir die Subsidiarität und Zuständigkeit abklären und uns einen Überblick über die finanzielle Situation verschaffen. Dafür benötigen wir die Kontoauszüge, Lohnabrechnungen und eine Kopie vom Mietvertrag. Diesen Einblick zu erhalten, war teilweise kompliziert, weil viele Betroffene gar keine Mailadresse haben und uns die Dokumente nur per Post schicken konnten. Manchmal hatten sie aber keine Möglichkeit, Kopien anzufertigen, weil die Poststellen geschlossen waren. Deshalb haben wir häufig per Whatsapp kommuniziert. So konnten die Betroffenen ihre Unterlagen fotografieren und uns rasch zustellen.

Kommt es auch vor, dass die Hilfe missbraucht wird?

Nein, das war bisher nicht der Fall. Es kommt manchmal vor, dass die Klienten zurückhaltend sind, wenn wir Einblick in alle ihre Unterlagen erhalten wollen. Das ist halt auch etwas sehr Privates. Manchmal ziehen sich einzelne auch wieder zurück, wenn sie merken, wie viele Informationen wir brauchen.
Was müsste sich ändern, damit weniger Familien in eine solche Notsituation geraten?
Grundsätzlich möchte ich betonen, dass wir in der Schweiz ein sehr gutes Sozialversicherungssystem haben. Wenn ich das mit anderen Ländern vergleiche, sind wir in einer sehr komfortablen Situation. Im Kanton Solothurn sind ausserdem die Familienergänzungsleistungen und die individuellen Prämienverbilligungen, die Familien in Anspruch nehmen können, sehr wichtig.

Trotzdem gibt es Menschen, die in Not geraten.

Ja. Grundsätzlich helfen würde ein gesetzlicher Mindestlohn, der existenzsichernd ist. Auch müssten sich die Arbeitsverhältnisse im Niedriglohnsektor verbessern. Es sollte nicht sein, dass Arbeitnehmende über Jahre hinweg im Stundenlohn oder auf Abruf temporär in prekären Arbeitsverhältnissen arbeiten müssen. Ausserdem wäre es hilfreich, wenn die Prämienverbilligung wie in anderen Kantonen auch im Kanton Solothurn automatisch erfolgen würde oder die Krankenkassenprämien maximal das Niveau eines Monatslohns im Jahr erreichen würden. Dies ist auch eine Forderung von Caritas Schweiz.

Autor

Rebekka Balzarini

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