Menschenhandel

Leitender Staatsanwalt: «Das Opfer soll selbst entscheiden, ob es kooperieren will»

«Man muss sich bei den Opfern das Vertrauen erarbeiten», sagt Jan Gutzwiller. (Symbolbild)

«Man muss sich bei den Opfern das Vertrauen erarbeiten», sagt Jan Gutzwiller. (Symbolbild)

Oft hätten Opfer von Menschenhandel negative Erfahrungen mit Behörden gemacht, sagt der Leitende Staatsanwalt Jan Gutzwiller. Schweizer Behörden müssten deshalb zuerst Vertrauen aufbauen.

Jan Gutzwiller, wo liegt die besondere Schwierigkeit, wenn man im Sex-Milieu in Sachen Menschenhandel ermittelt?

Jan Gutzwiller: Das ist sicherlich bei der Beweislage. Wir haben wenig objektive Beweise. Es fehlt an Spuren, Aufzeichnungen, Dokumenten. Das heisst, dass wir auf Aussagen angewiesen sind. Wir müssen aufgrund von Aussagen herausfinden, was wirklich passiert ist.

Wie kommen Sie zu diesen Aussagen?

Man muss sich bei den Opfern das Vertrauen erarbeiten. Sie haben oft schlechte Erfahrungen mit den Behörden in ihren Heimatländern gemacht, Stichwort Korruption. Sie gehen oft davon aus, dass dies in der Schweiz nicht anders ist. Wir müssen deshalb Aufklärungsarbeit leisten.

Wir müssen zeigen, welche Rolle Staatsanwaltschaft und Polizei hier haben und wie ein Strafverfahren – mit allen Rechten und Pflichten – abläuft. Es ist wichtig, dass sie umfassend aufgeklärt werden. Nur wenn sie alle Chancen und Risiken kennen, können sie entscheiden, ob sie eine Aussage machen wollen.

Die Opfer entscheiden selbst, ob sie eine Aussage machen wollen?

Das ist ganz zentral. Vertrauen aufbauen heisst nicht Kumpanei. Wir müssen umfassend aufklären über Chancen und Risiken. Darauf gestützt soll das Opfer selbst den Entscheid treffen, ob es kooperieren will oder nicht.

Aussteigen bedeutet das Aufgeben des Verdienstes. Welche Rolle spielt dies?

Das ist immer ein Thema. Man darf nicht vergessen, dass die Opfer zwar massiv ausgebeutet werden. Sie können aber trotzdem noch Geld nachhause schicken, was nach dortigen Massstäben sehr viel ist. Zu kooperieren heisst, mit der Prostitution aufzuhören und die Möglichkeit nicht mehr zu haben, Geld nachhause zu schicken.

Wie geht es mit diesen Frauen nach den Verfahren weiter?

Wenn es Anzeichen von Menschenhandel gibt und jemand bereit ist, zu kooperieren, haben die Opfer das Recht, für die Dauer des Verfahrens in der Schweiz zu bleiben. Aber nur für die Dauer des Verfahrens. Wenn sie hier nicht mehr benötigt werden für Einvernahmen oder Gerichtsverhandlungen müssen sie in aller Regel die Schweiz verlassen und wieder zurück.

Ist dies eine Schwierigkeit bei der Befragung?

Aus meiner Erfahrung: Nein. Das hängt aber auch damit zusammen, dass wir von Beginn weg transparent über den Ablauf des Verfahrens aufklären. Es ist uns wichtig, keine falschen Versprechen zu machen. Ein Aufenthalt ist legal und berechtigt, während der Dauer des Verfahrens und nur so lange. Wenn man dies transparent macht, fliesst dies in die Entscheidfindung des Opfers ein.

Wenn man in diesem Bereich ermittelt: Gibt es etwas, das einem selbst immer wieder erstaunt?

Immer wieder. Ich kann mich an den Fall einer 26-jährigen Analphabetin aus Bulgarien erinnern. Sie konnte kaum auf zehn zählen. Es ist doch sehr erschreckend, wenn man sieht, wie viele Leute in Europa nicht in die Schule gehen oder gehen können und deshalb absolut chancenlos auf dem Arbeitsmarkt sind. Armut führt zu Verletzlichkeit, die gezielt ausgenutzt wird. In Situationen von Mittellosigkeit greifen viele Menschen nach dem letzten Strohhalm.

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