Amtsgericht Solothurn-Lebern
«Leichte Zweifel bleiben»

Ein Grenchner Hotel beschäftigte einen Ägypter illegal. Der Mann schlief in einer Besenkammer und solle eine tschechische Angestellte vergewaltigt haben.

Ornella Miller
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Das Amtsgericht Solothurn-Lebern verhandelte den Fall eines Ägypters, der illegal in einem Grenchner Hotel arbeitete und eine Angestellte des Hotels vergewaltigt haben soll

Das Amtsgericht Solothurn-Lebern verhandelte den Fall eines Ägypters, der illegal in einem Grenchner Hotel arbeitete und eine Angestellte des Hotels vergewaltigt haben soll

Oliver Menge

Ohnehin ist es schwierig, bei Vergewaltigungen die Wahrheit festzustellen, noch schwieriger ist es, wenn Verstrickungen in zusätzliche Delikte diese Wahrheitsfindung erschweren. Wie im vorliegenden Fall vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern. Der Angeklagte wurde zu 44 Monaten Gefängnis verurteilt.

Im November 2013 versuchte ein damals 33-jähriger Ägypter in einem Grenchner Hotel, wo er ohne Bewilligung arbeitete, eine Angestellte zu vergewaltigen. Er durfte in einer Besenkammer übernachten und führte gelegentlich kleinere Arbeiten aus wie Gläser abzutrocknen, angeblich ohne Entgelt.

Eines Tages, schon nach Mitternacht, bedrängte er eine etwa gleichaltrige tschechische Hotelangestellte zunächst in der Küche. Er packte sie, drückte sie auf die Theke, fasste ihr an die Brüste und über den Kleidern zwischen die Beine. Er versuchte, sie zu küssen. Sie wehrte sich jedoch. Er versuchte vergeblich, ihre mit einer Sicherheitsnadel verschlossene Hose zu öffnen. Er zog ihre Hand in Richtung seines entblössten erigierten Penis. Bei massiver Gegenwehr leckte er die Frau ab und erklärte, dass er mit ihr schlafen wolle.

Sie konnte sich losreissen und versuchte via Restaurant und Bar zu flüchten. Doch er überwältigte sie und bedrängte sie weiterhin. Erst als sie ihm mit der Polizei drohte, liess er von ihr ab. «Es ist ein Vier-Augen-Delikt, und somit kommt es auf das Aussageverhalten an und auf die Spuren», sagte Staatsanwältin Kerstin von Arx. Der Angeklagte habe sein Aussageverhalten den Beweisen angepasst. So habe er abgestritten, die Frau gekannt und berührt zu haben. Erst mit DNA-Spuren auf der Innenseite ihrer Bluse konfrontiert habe er gesagt, mit ihr getanzt zu haben. «Er ging in Befragungen zum Gegenangriff über, wich vom Thema ab, schob Erinnerungslücken vor.»

Seine unterschiedlichen Aussagen habe er damit begründet, seine Kollegen schützen zu wollen. Im Gegensatz dazu habe die Geschädigte detailliert und stimmig, im Kern immer gleichbleibend ausgesagt. «Sie sprach sprunghaft und mit Gefühlsäusserungen, was gegen ein gesteuertes Aussageverhalten spricht.»

Im vom Opfer gleichentags gesandten SMS an ihren Chef schrieb sie von diesem halbstündigen Übergriff und dass sie deswegen wohl nicht mehr dort arbeiten könne. Die Staatsanwältin forderte 33 Monate Gefängnis, davon 10 unbedingt.

Hat niemand Schreie gehört?

Verteidigerin Kimena Brog äusserte erhebliche Zweifel an der Schuld ihres Mandanten. «Man kann nicht pauschal auf seine Unglaubwürdigkeit schliessen», so Brog. «Es ist schwer nachvollziehbar, dass im komplett ausgebuchten Hotel mit 14 Zimmern niemand diese Vorfälle mitbekommen hat, obwohl sie lautstark geschrien habe.»

An ihrer Hose seien keine DNA-Spuren gefunden worden. Zur Polizei sei sie erst zwei Tage später gegangen und über den Ablauf nach der Tat herrsche Unklarheit. «Dass die Handlungen unter Zwang geschahen, ist nicht belegt.»

Der Mann lebt jetzt in Italien

Zum Vorwurf des rechtswidrigen Aufenthalts und der Erwerbstätigkeit ohne Bewilligung meinte sie, dass er nicht wusste, dass er für seine Gefälligkeitsarbeiten eine Bewilligung haben müsse. Sie seien sehr selten gewesen und aus Langeweile erfolgt.

Das Gericht mit Rolf von Felten, Christoph Mathys und Christoph Geiser sah, dass «leichte Zweifel bleiben», so Amtsgerichtspräsident von Felten, «dass sie aber nicht das Gewicht haben, ihn freizusprechen.» Die Frau sei viel glaubwürdiger.

Sie habe viele Details geschildert, etwa die Sicherheitsnadel. «So etwas erfindet man nicht.» Als der Beschuldigte mit Vergewaltigungsvorwürfen konfrontiert wurde, habe er die Frau genannt, ohne dass man ihm gesagt hätte, um wen es sich handle.

Weder Opfer noch Täter wohnten der Verhandlung bei. Der Ägypter lebt in Italien, wo er als Koch arbeitet. Schon dem ersten Gerichtstermin blieb er unentschuldigt fern. Staatsanwältin von Arx erklärte nach der Verhandlung auf die Frage, warum der Mann die Schweiz verlassen konnte, dass keine Haftgründe gegen ihn vorlagen.

So sei er nicht vorbestraft gewesen und es bestehe keine Wiederholungsgefahr und es bestehe keine Fluchtgefahr. Er habe ja ein Domizil in Italien angegeben. Die Frau erhält eine Genugtuung von 2000 Franken.