Bildungssystem
Lehrstellensuche: Arbeitsmarkt selektioniert anders als die Schule

«Selektion in Schule und Arbeitsmarkt» heisst ein neues Buch von PH-Dozent Markus P. Neuenschwander, in welchem er den Problemen bei der Lehrstellensuche nach der obligatorischen Schulzeit wissenschaftlich nachgegangen ist.

Fränzi Rütti-Saner
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Wichtig für eine erfolgreiche Berufswahl ist Sozialkompetenz in der Schule.

Wichtig für eine erfolgreiche Berufswahl ist Sozialkompetenz in der Schule.

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In der Schweiz gibt es wenig Forschung, welche die Selektion der Schüler in der Schule und im Arbeitsmarkt vergleichend untersucht. Diesem Thema hat sich Markus P. Neuenschwander, Dozent an der Pädagogischen Hochschule FHNW in Solothurn, nun angenommen. Er stellt zunächst fest: «Die Schule steht nicht im Dienst der Wirtschaft. Die Schule soll aber die Schüler auf ihre Tätigkeit nach Schulaustritt vorbereiten.»

Der schulische Auftrag ist die Vermittlung von grundlegenden Kompetenzen. Zudem wird – wie in der Wirtschaft auch – selektioniert. «Eine Schule, die nicht selektioniert, wäre vorstellbar und es gibt sie», sagt Neuenschwander.

Als Beispiel nennt er die Steiner-Schule oder auch Gesamtschul-Modelle. Zudem: «Eine Schule, die nicht selektioniert, weist wahrscheinlich kein tieferes Niveau auf, als jene, die selektioniert.»

Durch die schulische Selektion – Beförderung in unterschiedliche Leistungsniveaus – wird zwar zur Schaffung einer Elite beigetragen. «Doch nehmen gemäss unseren Forschungsergebnissen die durchschnittlichen Kompetenzen der Schüler insgesamt dadurch nicht zu.»

Sozialkompetenz, Zuverlässigkeit und Teamarbeit

Doch jeder weiss: Selektion hört in der Schule nicht auf, sondern wird im Arbeitsleben weitergeführt. Neuenschwander konnte wissenschaftlich nachweisen, dass der Arbeitsmarkt anders selektioniert als die Schule.

Jugendliche erhalten damit eine zweite Chance. Bei der Lehrstellenvergabe werden beispielsweise überfachliche Kompetenzen als sehr wichtig angesehen. Klassische schulische Kompetenzen spielen im Arbeitsmarkt heute eine weniger grosse Rolle, als man vielleicht annehmen möchte.

Es gibt aber zwischen den Berufen grosse Unterschiede. Hoch wird im Arbeitsmarkt beispielsweise eine hohe Sozialkompetenz, zum Beispiel Zuverlässigkeit oder Teamarbeit, gewichtet.

Und damit stellt sich die Frage: Wie gut werden die Schüler auf den Arbeitsmarkt vorbereitet? Neuenschwander hat in seinen Untersuchungen nachweisen können, dass Schüler mit vielen unentschuldigten Absenzen, und die in Bewerbungsgesprächen unmotiviert und wenig teamfähig wirken, tiefere Chancen auf eine Lehrstelle erhalten.

Zudem kann sich ein Schüler dann im Betrieb besser integrieren, wenn er nicht leicht ablenkbar ist, eine gute Beziehung zum Lehrer hat oder beliebt in der Klasse ist. «Es ist weitgehend den einzelnen Lehrpersonen überlassen, wie sie die Sozialkompetenz der Schüler fördern.

Es gibt dazu im Vergleich zur Vermittlung von Fachkompetenzen weniger Hilfsmittel. Ausserdem sehen sich insbesondere Oberstufenlehrer eher als Fachlehrer», meint Neuenschwander.

Eltern müssen mithelfen

Früher wurde die Berufswahl völlig den Eltern überantwortet. Elternbegleitung sei immer noch erforderlich, doch insbesondere Schülern mit Migrationshintergrund fehlt oft eine gute elterliche Unterstützung bei der Berufswahl.

«Weil möglichst alle Kinder einen Sek-II-Abschluss erreichen sollen, erhält die Berufsvorbereitung der Schule höheres Gewicht.» Seit gut 10 Jahren existiert das Querschnittfach Berufsorientierung in den Lehrplänen der Sek-1-Stufe.

Eine gute Berufswahlbegleitung vonseiten der Schule während der letzten Klassen ist wichtig. Dazu gehören nicht primär Berufskunde und das Vermitteln von abstrakten Informationen, sondern konkrete Erfahrungen in der Berufswelt zu ermöglichen und die Jugendlichen im Berufswahlprozess möglichst individuell zu coachen. «Es gibt Ergebnisse, die belegen, dass ein individuelles Coaching am wirksamsten ist», so Neuenschwander.

Anpassungen im Bildungssystem

Und wo steht die Berufswelt? Wie nimmt sie die Schulabgänger wahr? Obwohl die Pisa-Studien belegen, dass die Schüler heute mehr wissen als früher, beklagen sich Lehrmeister, sie fänden zu wenig gute Lehrlinge.

«Kinder wissen heute eher mehr, aber anderes als früher», weiss Neuenschwander. Neuenschwander plädiert dafür, das duale Bildungssystem beizubehalten und den modernen Erfordernissen des Arbeitsmarktes, aber auch den Möglichkeiten der Schule anzupassen.

Er sagt: «Die Berufsbildung hat nach Einführung der Berufsmaturität an Attraktivität gewonnen. Die damit verbundenen Möglichkeiten in der tertiären Ausbildung werden in der Öffentlichkeit eher unterschätzt.»

Gerade deshalb sollte die Schule noch stärker darum besorgt sein, Jugendliche mit der Förderung von sozialen und Selbstkompetenzen gut auf den Übergang in den Beruf vorzubereiten.

Markus P. Neuenschwander (Hrsg.) «Selektion in der Schule und Arbeitsmarkt» Zürich Rüegger Verlag 242 S. Fr. 35.–