Seit einigen Monaten liegt er jetzt auf dem Tisch, der erste gemeinsame Deutschschweizer Lehrplan für die Volksschule. 170 Lehrpersonen und weitere Bildungsexperten haben während mehrerer Jahre daran gearbeitet.

Auf 557 Seiten werden 4753 einzelne Kompetenzen beschrieben, die sich die Schülerinnen und Schüler sukzessive vom Kindergarten bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit - im Idealfall - aneignen sollten.

Ein bildungspolitisches Mammutprojekt, zweifellos. «Modern» nennen es die einen, «aufgeblasen, kontrollastig und praxisfern» die anderen. Und wie lautet das Verdikt der Solothurner Bildungsstrategen?

Solothurn verlangt Nachbesserung

«Im Grundsatz stimmen wir zu, verlangen aber eine Reihe von Anpassungen», sagte Bildungsdirektor Remo Ankli am Samstagvormittag an einer Podiumsdiskussion in Subingen vor rund 80 Behördenmitgliedern und Schulleitern.

Morgen Dienstag wird die Regierung die offizielle Stellungnahme des Kantons Solothurn zuhanden der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz verabschieden (siehe Text unten).

«Grundsätzlich ja, aber», lautete an der Debatte im Oberstufenzentrum oz 13 auch der Tenor bei den Spitzen der organisierten Lehrerschaft, vertreten durch Dagmar Rösler, Präsidentin des Verbandes der Lehrerinnen und Lehrer Solothurn (LSO) sowie Adrian van der Floe, Präsident des Solothurner Schulleiterverbands (VSL SO).

Für gehörig Pfeffer in der Diskussion sorgte mit seiner pointiert formulierten Kritik Mathias Binswanger, Wirtschaftsprofessor an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten. Organisiert hat das Gespräch die Schulleiterkonferenz der Region Oberstufe Wasseramt Ost. Moderiert wurde dieses von Albert Arnold, Schulleiter der Regionalen Schule äusseres Wasseramt.

Zu detailliert und zu kompliziert

«Der vereinheitlichte Lehrplan ist ein geeignetes Instrument, um Kindern im Zeitalter der Mobilität gleiche Chancen zu ermöglichen», würdigte Schulleiter-Präsident Adrian van der Floe das Harmonisierungsprojekt. «Kinder, die nach einem Umzug mit einem anderen Schulstoff und völlig neuen Lehrmitteln konfrontiert sind, fühlen sich nicht wohl.»

In der Berufsbildung seien schweizweit einheitliche Lehrpläne im Übrigen schon von jeher gang und gäbe. Auch Bildungsdirektor Remo Ankli und Lehrervertreterin Dagmar Rösler begrüssen die Harmonisierung der Lehrpläne.

Auf Anklang stossen weiter - jedenfalls im Grundsatz - die Formulierung der Bildungsziele als Kompetenzen: Statt eher abstrakt formulierter Lernziele wird im neuen Lehrplan exakt beschrieben, was die Schülerinnen und Schüler in den einzelnen Fachbereichen genau können müssen.

Hier setzt aber gleichzeitig auch die Kritik an. «Die Anzahl Kompetenzen ist viel zu gross», meinte etwa der Bildungsdirektor. Damit wolle er aber nicht etwas gesagt haben, dass die Schüler weniger können sollen.

Es sei aber nicht nötig, die Kompetenzen, über welche die Schüler verfügen sollen, bis ins letzte Detail zu definieren. Eine Feststellung, die Lehrerpräsidentin Dagmar Rösler voll und ganz unterschreiben kann.

Neben dem Detaillierungsgrad beanstandet sie zudem die «viel zu komplizierten Formulierungen». «Die Kompetenzen im Bereich Sprache musste ich dreimal lesen, bevor ich sie verstanden habe.»

Wo bleibt das Wissen?

Remo Ankli bemängelt zudem, dass die Kompetenzen zu wenig mit präzisen Lerninhalten verknüpft werden. Das Konzept der Kompetenzorientierung klammere das Wissen regelrecht aus, beanstandet Binswanger.

Es sein aber ein Fehlschluss der Bildungsexperten auf das Internet zu verweisen, wo man das nötige Wissen ja jederzeit abrufen könne. «Ohne Wissen gibt es keine Kompetenz», unterstreicht der Professor.

Lasse man das Wissen aussen vor, rede man «kompetent über Dinge, von denen man nichts weiss».«Inhaltsleere Geschwätzigkeit», sei die Folge - eine Charakteristik, die gemäss Binswanger auch auf den Katalog der Kompetenzen selbst zutrifft.

Mit der Vielzahl an Kompetenzen, so Mathias Binswanger, erliegen die Lehrplan-Macher einmal mehr der «Illusion, dass alles besser wird, wenn man möglichst viel von oben her steuert». Lehrpersonen brauchen aber für ihre Befriedigung im Beruf einen entsprechenden Gestaltungsfreiraum.

Zudem seien zahlreiche Aspekte der Bildung nicht steuerbar. «Wer in der Schule aber alles messen und testen will, der lässt solche Aspekte der Bildungsqualität unberücksichtigt.»

Immer mehr Tests und Checks

Die Tendenz zu immer mehr Tests und Checks in der Schule macht auch der LSO-Präsidentin zu schaffen. «Der Unterricht wird unbefriedigend, wenn wir immer nur irgendwelchen Bildungsstandards hinterherjagen müssen, auch Bauch und Herz müssen Platz haben können».

Für Adrian van der Floe machen die auf messbaren Standards beruhenden Tests durchaus Sinn, «sie dürfen aber nicht überbewertet werden». «Messen ist nicht per se schlecht», meinte auch Remo Ankli, «fragwürdig ist aber sicher das Ausmass.»

Thematisiert wurden von der Gesprächsrunde in Subingen auch die absehbaren Mehrkosten, welche die Einführung des Lehrplans mit sich bringen wird. Dagmar Rösler brachte ihre Sorge zum Ausdruck, dass aufgrund der Finanzknappheit des Kantons nicht die nötigen Mittel für die Weiterbildungen und Lehrmittel zur Verfügung stehen.

Für Adrian van der Floe ist es wichtig, dass die Kosten nicht auf die Gemeinden abgewählt werden. «Wir werden Kostentransparenz schaffen», betonte Ankli - und versicherte: «Auch trotz finanzieller Engpässe können wir Weiterbildungen und Lehrmittel zahlen.»