Dagmar Rösler
Lehrer-Präsidentin wehrt sich für die Regionalen Kleinklassen

Dagmar Rösler, die Präsidentin des Verbands der Lehrerinnen und Lehrer Solothurn (LSO), warnt vor einem Übungsabbruch in Sachen Regionalen Kleinklassen.

Elisabeth Seifert
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Dagmar Rösler, Präsidentin des Verbands der Solothurner Volksschullehrerschaft: Sie ist überzeugt davon, dass es Kleinklassen braucht.

Dagmar Rösler, Präsidentin des Verbands der Solothurner Volksschullehrerschaft: Sie ist überzeugt davon, dass es Kleinklassen braucht.

Hansjörg Sahli

Längst sind Stimmen laut geworden, die bezweifeln, ob es die Regionalen Kleinklassen (RKK) braucht. Dabei sollten sie eigentlich ein wichtiger Faktor sein bei der Umsetzung der Speziellen Förderung. Diese könne nur gelingen, wenn Kinder mit massiven Verhaltensauffälligkeiten vorübergehend getrennt von ihren «Gspänli» gefördert werden, hiess es vor wenigen Jahren.

Die neuesten Zahlen aus dem Volksschulamt belegen aber alles andere als den grossen Ansturm. Kantonsweit werden gerade mal 14 Schüler in einer der aktuell bestehenden vier Klassen gefördert. In Dornach und Herbetswil besucht je ein Schüler die Kleinklasse. In Olten sind es vier und in Grenchen acht. Der für Februar geplante Start des Standorts Solothurn musste wegen fehlender Anmeldungen auf den Beginn des neuen Schuljahres verschoben werden.

Ein im Kantonsrat hängiger Vorstoss der Mittefraktion fordert eine «schnelle Anpassung des Konzepts der Regionalen Kleinklassen». Die Spitze des Schulleiter-Verbands hat sich in dieser Zeitung grundlegend skeptisch zur RKK geäussert. Dagmar Rösler, die Präsidentin des Verbands der Lehrerinnen und Lehrer Solothurn (LSO), wehrt sich jetzt für die Kleinklassen.

Die Schülerzahl in den Regionalen Kleinklassen ist sehr überschaubar. Wie erklären Sie sich das?

Dagmar Rösler: Ich vermute, dass der Weg, bis ein Schüler oder eine Schülerin in einer Regionalen Kleinklasse gefördert werden kann, heute zu lange dauert. Die Hürde, bis es überhaupt zu einer Abklärung kommt, ist aus meiner Sicht zu hoch. Ein Kind muss heute zuerst während zweier Semester in der Regelklasse mit niederschwelligen Fördermassnahmen unterstützt worden sein. Erst wenn diese Massnahmen nicht zum Ziel führen, setzt dann der Abklärungsprozess ein. Es scheint mir wichtig, dass ein Schüler zuerst in der Regelklasse gefördert wird, heute wartet man aber zu lange.

Ist die geringe Zahl nicht darauf zurückzuführen, dass die Unterstützung in der Regelklasse eben sehr gut funktioniert?

Es gibt eine Reihe von Schülerinnen und Schülern, die zeitweise den Unterricht stören, ihre Hausaufgaben nicht machen oder auch mal frech werden. Der Lehrer oder die Lehrerin setzt sich dann mit den Eltern an einen Tisch. Gemeinsam werden Massnahmen definiert, wie die Situation verbessert werden kann. Und in den allermeisten Fällen führen diese auch zum Ziel. In etwas schwierigeren Fällen wird noch die Schulleitung einbezogen. Aber dann gibt es auch Schüler und Situationen, mit denen die Eltern und die Schule überfordert sind.

Können Sie diese Schüler näher beschreiben?

Es geht hier um Schüler, die mit ihren massiven Verhaltensauffälligkeiten den Unterricht stören. Und zwar nicht nur einmal, sondern immer wieder. Sie betreiben permanente Arbeitsverweigerung. Und den Lehrpersonen gegenüber sind sie nicht einfach nur frech, sondern sie werden ausfällig und manchmal sogar handgreiflich. Mit solchen Verhaltensweisen sendet ein Kind auf ungeschickte Art und Weise einen Hilferuf aus und braucht dringend professionelle Hilfe. Es gibt Gemeinden und Regionen, wo etliche Schüler zusätzliche Unterstützung brauchen würden, in anderen wiederum gibt es kaum welche.

Warum sind diese Schüler nicht in den Kleinklassen? Seit 2012 gibt es eine in Herbetswil und seit rund eineinhalb Jahren je eine in Olten, Dornach und Grenchen ...

Im Sinne der Speziellen Förderung unternehmen die Lehrpersonen vor Ort wirklich alles, um die betreffenden Schüler in der Regelklasse zu unterstützen. Sie geben den Schülern immer wieder eine Chance. Das ist sehr positiv. Manche Lehrpersonen aber warten vielleicht zu lange, bevor sie sich eingestehen, dass ein Kind zusätzliche Hilfe braucht. Zudem geht es auch um die Gesundheit der Lehrpersonen selber. Und oft leidet auch eine ganze Klasse unter einem einzigen massiv verhaltensauffälligen Kind. Eine entscheidende Rolle dabei, ob ein Kind für eine gewisse Zeit in eine Regionale Kleinklasse versetzt werden soll, übernehmen die Schulleitenden.

Sind neben den Lehrpersonen auch die Schulleitenden eher zurückhaltend?

Es gibt etliche Schulleitende, die alle Probleme möglichst im eigenen Haus lösen möchten. Ich habe da durchaus Verständnis dafür. Es gibt aber eben Situationen, wo Hilfe von aussen wirklich angezeigt ist. Viele Schulleiterinnen und Schulleiter sind sich dessen auch durchaus bewusst, vor allem im Bereich der Primarschule. Eine grosse Herausforderung für die Schulleiter bedeutet aber das Gespräch mit den Eltern. Sie müssen ihnen erklären, warum für ihren Sohn oder ihre Tochter die Regionale Kleinklasse eine gute Lösung ist. Das ist oft ein schwieriger Prozess.

Viele Eltern empfinden die Regionale Kleinklasse wohl ganz einfach als Stigmatisierung?

Es gibt durchaus Eltern, die sehr froh darüber sind, wenn sie vonseiten der Schule unterstützt werden. Ich höre aber vor allem von Beispielen, wo Eltern sich dagegen wehren, dass ihre Kinder vorübergehend einer Regionalen Kleinklasse zugeteilt werden sollen. Wenn die Eltern sich aber weigern, dann zieht sich das ganze Verfahren in die Länge oder versandet vollständig. Manchmal warten die Eltern bis zum Lehrerwechsel oder sie ziehen in eine andere Gemeinde.

Fehlen Lehrern und Schulleitenden nicht die Argumente, um die Eltern zu überzeugen?

Weil bis jetzt erst so wenige Schüler die Regionalen Kleinklassen besuchen, haben wir kaum Erfahrung damit. Ich bin überzeugt, dass sich die Blockaden bei Eltern, aber auch bei manchen Lehrpersonen lösen, wenn wir über Erfolge berichten können. Die betreffenden Kinder sollen ja nur für einige Monate in einer Regionalen Kleinklasse gezielt unterstützt werden. Danach werden sie in der Regel wieder in ihre frühere Klasse integriert. Es gibt schon jetzt Beispiele einer gelungenen Reintegration, wir brauchen aber noch mehr davon.

Dafür aber braucht es eben erst mal genügend Kinder, die diese Kleinklassen besuchen ...

Es ist wichtig, dass wir den Kleinklassen Zeit geben, sich zu etablieren. Es ist jetzt ganz einfach noch zu früh für die Behauptung, die spezielle Förderung funktioniere auch ohne Regionale Kleinklassen. Ich könnte mir zudem sehr gut vorstellen, dass die Zuteilungen steigen werden, wenn der ganze Prozess verkürzt und auch vereinfacht wird. In den einzelnen Schulen muss sich zudem noch besser die Überzeugung durchsetzen, dass die Regionalen Kleinklassen eine Unterstützung für alle Beteiligten sind, die betroffenen Schüler, die Regelklassen und die Lehrerschaft. Ein Kind in eine Regionale Kleinklasse einzuteilen, ist nicht ein Versagen des Lehrers, es ist vielmehr ein Weg, wie man dem Kind professionell hilft.

Und dennoch: Widersprechen die Regionalen Kleinklassen nicht dem Geist der Integration?

Die Spezielle Förderung ist eine der grössten Schulreformen der vergangenen Jahrzehnte. Wir stecken mitten in einem Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist. Die Schulen brauchen Zeit, um Erfahrungen damit zu sammeln, wie weit die Integration gehen kann, und ab wann es eben nicht mehr geht. Ich fände es verheerend, mitten in diesem Prozess jetzt zu sagen, es geht auch ohne das Instrument der Kleinklassen. Ich bin überzeugt, dass es ein solches Gefäss braucht.