Schullager
Lehrer dürfen ihren Schülern keine Pillen verabreichen

Schmerzmittel in der Lagerapotheke sind heikel. Kinder müssten sich von den Eltern Medikamente mitgeben lassen – Bei den Politikern herrscht darüber Unverständnis.

Sven Altermatt
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Nicht immer braucht es gleich eine Schmerztablette, erinnern Ärzte.

Nicht immer braucht es gleich eine Schmerztablette, erinnern Ärzte.

Peter Schneider/Keystone

In der Praxis scheint alles ganz einfach: Jahr für Jahr fahren Hunderte Kinder aus dem Kanton Solothurn in ein Schullager. Da kann es schon mal vorkommen, dass ein Kind über Kopfschmerzen klagt oder Fieber hat. Um die Beschwerden zu lindern, bekommt es von seinem Lehrer vielleicht eine nicht-rezeptpflichtige Schmerztablette verabreicht.

Wer eine Lagerwoche organisiert, hat nämlich meist einen Verbandskasten dabei. Besser bekannt als Lagerapotheke. Und neben Pflastern, Wundversorgung oder Beatmungshilfen finden sich darin in der Regel auch freiverkäufliche Schmerzmittel.

Eine gute Lösung? Auf dem Papier ist die Sache mal wieder komplizierter: Denn Lehrer dürfen ihren Schülern gar keine Medikamente abgeben. Selbst wenn sie freiverkäuflich sind. Darauf verweisen der Kantonsapotheker und der Kantonsarzt in einem Informationsschreiben an alle Schulleitungen. Die Abgabe von «Aspirin, Panadol und Co. an Schülerinnen und Schüler» sei gesetzlich verboten, heisst es darin.

Wer Medikamente brauche, müsse sich diese von seinen Eltern ins Schullager mitgeben lassen. Alternativ könnten Arztpraxen oder Apotheken vor Ort besucht werden.

Es gibt keine neue Regel

Das kürzlich verbreitete Schreiben sorgt bei Lehrern für Kopfschütteln. Im Alltag sei ein solches Verbot schlicht nicht durchsetzbar, es sei fern jeder Vernunft. Das haben auch freisinnige Kantonsräte mitbekommen. In einer Interpellation warnt die FDP-Fraktion vor einem «erheblichen und unnötigen Mehraufwand für das Lagerpersonal». Die Regelung kriminalisiere die Verantwortlichen und stelle Lager oder mehrtägige Ausflüge grundsätzlich infrage.

Aber wie ist diese überhaupt zustande gekommen? Das wollten die Freisinnigen von der Solothurner Regierung wissen. Ihre Antwort ist überraschend: Es gebe gar keine neue Regelung. Die Behörden hätten nur auf entsprechende Bestimmungen des Bundes hingewiesen – und diese gelten seit Jahren.

Behörden mahnen zur Vorsicht

Laut dem eidgenössischen Heilmittelgesetz dürfen Arzneimittel nur von medizinischem Fachpersonal abgegeben werden. Das Schreiben an die Schulen basiert auf einem Positionspapier der Kantonsapotheker-Vereinigung. Damit sollte die rechtliche Situation geklärt werden, schreibt der Regierungsrat. Seit das Heilmittelgesetz im Jahr 2002 in Kraft getreten ist, habe es zwar keine Beanstandungen gegeben. Doch nach Medikamentenkäufen vor Lagern seien zuletzt immer mal wieder Fragen aufgekommen.

2002

In diesem Jahr trat das neue Heilmittelgesetz in Kraft. Dieses besagt, dass Arzneimittel lediglich von medizinischem Fachpersonal abgegeben werden dürfen. Das gilt auch für Pillen, die ohne ein Rezept erhältlich sind.

Tatsächlich ist es gemäss dem Regierungsrat nicht unproblematisch, Schüler ohne medizinischen Check mit Medikamenten zu versorgen. Kantonsarzt Christian Lanz verweist auf einen typischen Fall: «Als Fieber im medizinischen Sinn gelten Körpertemperaturen über 38,5 Grad Celsius. Laien dagegen erachten oftmals subfebrile, also leicht erhöhte Temperaturen von unter 38,5 Grad als Fieber.» Aus ärztlicher Sicht sei es jedoch keinesfalls sinnvoll, bereits dann zu Medikamenten zu greifen. Denn auch häufig eingesetzte Wirkstoffe wie Paracetamol seien mit Vorsicht anzuwenden, etwa bei Asthmatikern.

Manche Präparate seien für Kinder unter zwölf Jahren zudem gar nicht zugelassen. Und gerade jüngere Kinder mit Fieberschüben sollten von einem Arzt untersucht werden. Für den Kantonsarzt ist es darum «begrüssenswert, wenn der automatische Griff zur Tablette bei jeder Unpässlichkeit in der Schule nicht vorgelebt wird».

Sind die Schulen nun gezwungen, Pflegepersonal mit auf ihre Ausflüge zu nehmen? Auch diese Befürchtung der FDP-Fraktion zerstreut die Regierung mit einem klaren Nein. Die Schweiz hat eine der höchsten Ärztedichten der Welt, erinnert sie in ihrer Antwort. «Selbst in für Schweizer Verhältnisse abgelegenen Regionen.»