Kanton Solothurn
Lehre statt Sozialhilfe: Dank Pilotprojekt sollen Flüchtlinge finanziell unabhängig werden

Flüchtlinge beziehen überdurchschnittlich oft Sozialhilfe. Nach den Sommerferien startet deshalb im Kanton Solothurn ein vierjähriges Pilotprojekt mit Lehren für Flüchtlinge. Der Bund zahlt.

Daniela Deck
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Nicht nur, aber auch im Logistikbereich wird es im Kanton Solothurn ab Sommer eine Vorlehre für junge Flüchtlinge geben. (Symbolbild)

Nicht nur, aber auch im Logistikbereich wird es im Kanton Solothurn ab Sommer eine Vorlehre für junge Flüchtlinge geben. (Symbolbild)

Sandra Ardizzone

Wie bringt man die Flüchtlinge aus der Sozialhilfe hin zur finanziellen Unabhängigkeit? Für diese Frage, eine der dringendsten in der Migrationsdebatte, bietet der Kanton Solothurn ab dem Sommer eine neue Lösung. Die Integrationsvorlehre.

36 Plätze stehen dafür in den Branchen Logistik, Gastronomie/Hotellerie/Fleischwirtschaft und Automobil zur Verfügung. Der einjährige Lehrgang richtet sich an vorläufig Aufgenommene und anerkannte Flüchtlinge im Alter von 18 bis 35 Jahren.

Das Ziel: Übertritt in eine reguläre Ausbildung innerhalb der Branche (Attest- oder Berufslehre). Finanziert wird die Invol im Rahmen eines vierjährigen nationalen Pilotprogramms, schwergewichtig vom Staatssekretariat für Migration des Bundes sowie vom Kanton.

«Matchentscheidend für die Integrationsvorlehre ist die Tatsache, dass die Berufsverbände und die Lehrbetriebe dahinterstehen, und das ist bei uns der Fall», sagt Rudolf Zimmerli. Der Leiter der Abteilung Berufslehren beim kantonalen Amt für Berufsbildung, Mittel- und Hochschulen, weibelt als Projektleiter zusammen mit drei Berufsinspektoren seit letztem Frühling bei den Partnern, die für das Gelingen des neuen Angebots entscheidend sind.

Nach dem ersten Schritt mit den Verbänden und Betrieben in den beteiligten Branchen hängt der Erfolg derzeit hauptsächlich von den Sozialregionen ab. Sie kennen ihre Flüchtlinge und wissen, wer für das Projekt infrage kommt. Nach Aussage von Zimmerli müssen die Anwärter folgende Kriterien erfüllen: Motivation und Arbeitswille, Deutschkenntnisse auf dem Niveau A2 – für eine nachfolgende Berufslehre muss innerhalb des Invol-Jahres eine Verbesserung auf das Niveau B1 stattfinden – sowie Berufserfahrung im Heimatland.

«Besagte Praxis muss nicht unbedingt einen Zusammenhang mit der Invol-Branche haben. Sie ist wichtig für das allgemeine Verständnis eines geregelten Arbeitsalltags», erklärt der Projektleiter.

Lohn geht an Sozialregionen

«Die Herausforderung besteht nun darin, geeignete Personen zu finden, damit wir alle Plätze, die uns bewilligt wurden, besetzen können», ist sich Rudolf Zimmerli bewusst. «Daran arbeiten wir mit Hochdruck.» Der Bund finanziert die Invol mit 13'000 Franken pro Person. Die Beteiligung des Kantons schätzt Zimmerli auf zusätzliche 10 bis 20 Prozent. Je mehr Plätze besetzt werden, desto geringer werde der Anteil des Kantons pro Platz ausfallen, erklärt er.

Für die Sozialregionen und Lehrbetriebe sei das Projekt nicht mit Kosten verbunden. «Wir empfehlen den Betrieben, einen branchenüblichen Praktikumslohn zu zahlen. Schliesslich erhalten sie für ein ganzes Jahr einen Praktikanten oder eine Praktikantin, die erst noch von einem Coach der Berufsfachschule eng begleitet werden.» Der Praktikumslohn wandert bei der Integrationsvorlehre nicht in die Tasche des Praktikanten, sondern wird an die Sozialregion gezahlt. Das dürfte seinen Wert als Motivationsfaktor schmälern. Doch auf lange Sicht erleichtert dieses Geld den Flüchtlingen den Schritt in die Unabhängigkeit.

Keine Überschneidungen?

Auch das Jugendprogramm der Regiomech bereitet junge Flüchtlinge auf die Lehre vor. Es setzt jedoch andere Schwerpunkte als die Integrationsvorlehre Invol, selbst wenn es bei der Regiomech auch vorkommen kann, dass ein 35-Jähriger mit den Schulabgängern (15- bis 20-jährig) die Schulbank drückt.

Franziska Schönauer, Leiterin Integrationsprogramm Regel- und Asylsozialhilfe, erklärt: «Bei der Regiomech sind wir erstens nicht an bestimmte Berufe gebunden und zweitens liegt unser Schwerpunkt beim Unterricht. Unsere Jugendlichen mit Migrationshintergrund haben oft einen bescheidenen Schulrucksack.

Sie gehen deshalb fünf Tage pro Woche zur Schule, mit Fächern wie Physik, Mathematik, Deutsch, Französisch, Englisch und Turnen. Bei der Vorbereitung auf die Berufsbildung fangen wir ganz unten an, erklären das duale Berufssystem und stellen die gängigen Berufe in der Schweiz vor.» Diese können sich von den Berufsbildern in den Herkunftsländern unterscheiden, selbst wenn die Berufe gleich heissen. (dd)

Zusammenarbeit mit Basel-Stadt

Drei der 36 Plätze seien für den Kanton Basel-Stadt reserviert. «Dort ist das Invol-Projekt noch nicht gestartet. Wir konnten Basel ein Angebot unterbreiten, von dem beide Seiten profitieren», zeigt sich Zimmerli zufrieden mit der Abmachung.

Die Branchen mit denen die Invol startet, sind erstens Berufszweige, die zunehmend Mühe haben, geeignete Lernende zu finden. Zweitens wurde darauf geachtet, dass sie nicht nur für Männer interessant sind. «Gerade das Gastgewerbe mit Restaurant, Küche und Hauswirtschaft hat auch Frauen allerhand zu bieten», erklärt Zimmerli. Drittens schliesslich bestehe in diesen Branchen eine gute Chance, Berufsklassen in einer vernünftigen Grösse bilden zu können.

Nach Bedarf des Arbeitsmarkts

Klassen aus mehr als vier oder fünf Schülern seien nicht nur aus finanziellen Überlegungen wichtig, führt der Projektleiter aus, sondern auch aus der Perspektive des Lernwerts, im sprachlichen, wie auch im sozialen Bereich. «Unser Konzept orientiert sich stark an der Systematik der beruflichen Grundbildung und damit an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes.

Die Teilnehmenden erhalten an der Berufsfachschule berufskundlichen sowie allgemeinbildenden Unterricht und Sport. In den Betrieben wird hauptsächlich die praktische Ausbildung stattfinden. Diese baut auf die fachspezifischen Fähigkeiten auf, die sich die Teilnehmenden in den überbetrieblichen Kursen erworben haben.

Für eine Ausweitung der Invol auf weitere Branchen in den kommenden Jahren ist Zimmerli offen. Er ist überzeugt, dass alle Beteiligten mit der Invol gewinnen; die Lehrbetriebe, die Flüchtlinge und die Sozialregionen. Ausserdem sei mit dem Konzept sichergestellt, dass das neue Angebot kein bestehendes konkurrenziert. «Die Invol ergänzt das Integrationsjahr für fremdsprachige Jugendliche und junge Erwachsene. Dort liegt der Fokus auf dem Lernen der Sprache.»