Freiland-Hanffeld
Legales Cannabis: In Selzach ist «Gras» nicht einfach nur Gras

Kantonsrat Markus Dietschi säte diesen Sommer in Selzach legales Cannabis an. Am Montag wurde das CBD-Hanf geerntet.

Noëlle Karpf
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Hanfernte in Selzach
15 Bilder
 Ein Traktor begleitet die Arbeiter bei der Ernte.
 Die Arbeiter schneiden die Pflanzen ab. Diese sind nicht wirklich gross gewachsen - normalerweise werden sie rund einen Meter hoch.
 Bis in den frühen Nachmittag hinein ernten die Arbeiter das CBD-Hanf.
 Anders als «echtes» Gras hat CBD-Hanf nur einen sehr geringen THC Gehalt und löst deshalb beim Konsumenten keinen Rausch aus.
 Das Hanffeld des Selzacher Bauer: Hier wächst legales Cannabis.
 Die Hanf-Stecklinge werden idealerweise im Juni gesetzt, und Anfang Oktober geerntet.
 Landwirt und BDP-Kantonsrat Markus Dietschi auf seinem Hanffeld bei Selzach.
 Auf diesem Tisch sortieren die Arbeiter Blätter und Stängel von den Blüten.
 Hier trennen die Arbeiter Stängel und Blätter von den Pflanzen, übrig bleiben die Blüten.
 Das wohl erste legal geerntete Gras im Kanton Solothurn.
 Bei den Pflanzen handelt es sich ausschliesslich um weibliche Exemplare. Männliche Hanfpflanzen würden nämlich Samen bilden, welche für CBD-Cannabis nicht verwendet werden dürfen.
 In diesem Laster werden die Blüten aufbewahrt und gekühlt. Später werden sie nach Schaffhausen zur Weiterverarbeitung transportiert.
 Laut Bauer Dietschi lockert das Wurzelwerk der Pflanzen den Boden sehr gut auf - später können auf diesem Feld Raps und Gersten besser wachsen, und der Boden kann sich so besser von Pilzbefall erholen.
 Das nasse Gras muss schnell getrocknet und gekühlt werden, damit sich kein Schimmel bildet.

Hanfernte in Selzach

Noëlle Karpf

Langsam fährt der Traktor das Feld hinab. Vier Gestalten in Gummistiefel und Regenmäntel gehen neben dem Traktor. Immer wieder bücken sie sich, schneiden grüne Büsche vom Boden ab und werfen sie auf den Anhänger des Traktors. Wer vorbeigeht kann nicht genau sehen, was für Pflanzen auf dem Feld bei Selzach geerntet werden, dafür aber riechen: Hanf. Legales CBD-Hanf, welches in der Schweiz nicht als Betäubungsmittel gilt (siehe Box).

Markus Dietschi, Landwirt und BDP-Kantonsrat, hat diesen Sommer Stecklinge gesetzt, wohl als erster Bauer im Kanton. Mit einer Maschine, mit der normalerweise Weihnachtsbäume angepflanzt werden. Aus den Sprösslingen sind aber keine meterhohen «Tännchen» geworden, sondern lediglich kleine Büsche. Er hätte die Setzlinge bereits im Juni, nicht erst im Juli pflanzen sollen, so Dietschi.

Legales Hanf

CBD-Cannabis

Diesen September kamen Zigaretten mit «legalem» Gras auf den Markt. Cannabidiol-Hanf (CBD) zählt in der Schweiz nicht als Betäubungsmittel, weil er weniger THC enthält, als «echtes» Gras. So führt der Konsum von CBD-Hanf auch nicht zu einem Rausch. Das legale Cannabis ist dennoch umstritten.

Diese Woche äusserte sich der Verein «Jugend ohne Drogen» dazu. Hanfpropagandisten würden mit Werbung für CBD-Cannabis nur versuchen, Rauschmittelkonsum auf eine «legale Bahn» zu lenken und so schrittweise auch Hanf mit höherem THC- Gehalt zu legalisieren. Der Verein stelle sich «weiterhin klar gegen jede Art von Legalisierung der Rauschgifte», heisst es in der Mitteilung weiter. (NKA)

Denn: Nach der Tagundnachtgleiche, wenn die Tage kürzer und die Nächte länger werden, beginnen die Pflanzen, Blüten zu entwickeln und hören auf zu wachsen. Das sei aber nicht schlimm, so Dietschi an diesem Erntetag. «Das gibt schon auch etwas her», sagt er, und deutet auf den Anhänger mit den grünen Pflanzen.

Hanf verbessert den Boden

Die Pflanzen faszinieren ihn, sagt der Landwirt. Aus diesem Grund habe er bereits vor rund 15 Jahren «echtes» Cannabis angebaut, als es noch legal war. «Dann habe ich gesehen, was für eine sensationelle Wirkung die Hanfpflanzen auf den Boden haben», erzählt der Landwirt. Die Pflanzen haben ein riesiges Wurzelwerk, welches den Boden auflockert, der so mit mehr Sauerstoff versorgt wird. So wachsen später an dieser Stelle auch Raps oder Getreide besser.

Und: «Böden, die vorher stark abgenutzt oder von einem Pilz betroffen waren, können sich so schneller erholen», erklärt Dietschi. Dieses Jahr sei die Wirkung auf den Boden wohl nicht enorm, weil die Pflanzen nicht so gross geworden sind. Darauf hatte auch das Wetter einen Einfluss. Auch Kälte und Nässe setzten Hanf zu, der Hagel im Sommer hat einige Pflanzen zerstört.

Gutes Geschäft für die Bauern

Unten am Feld von Dietschi stehen weitere Mitarbeiter an einem langen Holztisch. Vor ihnen liegen grüne Haufen Cannabis. Mit Gartenhandschuhen ausgerüstet «strippen» sie den Hanf: Sie trennen Blüten und Blätter von den Stielen, werfen die Blüten in Harassen und beladen damit einen Lastwagen der Firma «BioCan», die auf Feldern und Gewächshäusern in der ganzen Schweiz Hanf anbaut und erntet, und schliesslich in Schaffhausen weiterverarbeitet.

Die Mitarbeiter wollen unerkannt bleiben, der Tageschef darf auch keine Zahlen zu Erträgen oder der Fabrik in Schaffhausen angeben. Dort werden die Blüten von den Blättern getrennt, kontrolliert und schliesslich getrocknet. Danach wird das CBD-Cannabis verkauft. «Hanf können wir regional anbauen und dann in der ganzen Schweiz verkaufen», sagt Dietschi. Das sei ein Nebenerwerb für die Landwirten mit guten Zukunftsaussichten. «Mein Ziel ist es, dass wir Hanfanbau in unserer Landwirtschaft etablieren können.» Und zwar auch Cannabis mit höherem THC-Wert, welches heute noch verboten ist.

Er selbst rauche kein Gras, erklärt der BDP-Kantonsrat lachend. Trotzdem befürwortet Dietschi die Legalisierung von Cannabis. Dieses könne man schliesslich nicht nur rauchen. Es sei schade, dass die Pflanze einfach in einen «illegalen Topf» geworfen werde. So würde nicht nur Kiffen, sondern auch alle anderen Verwendungszwecke der Pflanze verboten. Hanf sei beispielsweise auch ein guter Dämmstoff. «Die Pflanze hat ein Riesenpotenzial», so Dietschi. Und könne deshalb wieder mehr Wertschöpfung in die Landwirtschaft bringen. Dietschi wird nächstes Jahr wieder CBD-Hanf anbauen und bis dahin versuchen, auch andere Bauern auf den Geschmack zu bringen.