Wie der Zufall doch manchmal neckisch Regie führt: Für unsere Serie «Wahlpaar» im Vorfeld der eidgenössischen Wahlen vom 18. Oktober haben wir bereits nach den Sommerferien Kadidatengespräche zusammengestellt. Allein die Ausgangslage der Teilnehmer sollte dabei Garant für spannende Geschichten sein. Also zum Beispiel Akademiker gegen Handwerker, Muslim gegen Christ oder Nachwuchshoffnung gegen Sesselkleber.

Was die letzte Konstellation anbelangt, drängte sich das SVP-Duo Christian Imark gegen Roland Borer geradezu auf. Und siehe da, exakt zum Gesprächstermin mit den Beiden erschienen Inserate eines SVP-Komitees mit der bitterbösen, schlagzeilenträchtigen Aufforderung, Borer abzuwählen.

Hat Borer überhaupt noch Lust auf ein Gespräch?

Würde der 64-jährige Kestenholzer zum vereinbarten Termin erscheinen oder war es den Heckenschützen gelungen, ihm den Schneid abzukaufen? Er kam, wenn auch nicht pünktlich auf die vereinbarte Minute, aber dafür mit einem breiten Lachen auf dem Gesicht. Christian Imark, nicht zuletzt wegen einer anstehenden Geschäftsreise in den Fernen Osten unter Termindruck, entspannte sich sichtlich.

Die lockere Stimmung sollte anhalten, obwohl die mediale Kurt-Küng-Attacke noch taufrisch war. Eigentlich mochte der desavouierte Langzeitnationalrat keine Worte dazu verlieren, liess sich aber doch zur Aussage bewegen: «Wollten diese Leute tatsächlich etwas für die Jungen tun und nicht bloss etwas gegen mich, hätten sie eine konkrete Wahlempfehlung abgegeben.» Und schliesslich kristallisierte sich heraus, dass zumindest die Finanzierung der Inseratekampagne eher nicht aus dem steuergünstigen Feldbrunnen gestammt haben dürfte, sondern aus dem Ort im Westen des Kantons, wo eine «Flugpiste je zweihundert Meter gegen Osten und Westen verlängert werden soll», so der frotzelnde Angeschossene mit ironischem Unterton.

Argumente eines ehemaligen Ratspräsidenten

Dass seine 24 Jahre Präsenz im Nationalrat da und dort zu reden geben, ist Roland Borer bewusst, doch er hält gleich mit mehreren Argumenten dagegen: In erster Linie gehe es für eine Partei darum, überhaupt Sitze zu gewinnen. Deshalb sei er nicht zuletzt von Parteipräsident Toni Brunner und Fraktionschef Adrian Amstutz gebeten worden, nochmals ins Rennen zu steigen. Die Kantonalpartei habe ihn ebenfalls dazu aufgefordert, daher trete er jetzt nochmals an: «Ich mache es nicht für mich», fügt er an und ergänzt, «wäre ich am Wahltag bereits 65 Jahre alt gewesen, hätte ich es sein lassen.»

Christian Imark hört aufmerksam zu und fügt an: «Das Resultat an der Nominationsversammlung war deutlich, es war ein demokratischer Entscheid zugunsten von Roland, da gibt es nichts zu deuteln.» Borer nickt und liefert sogleich eine Erklärung für Langzeitparlamentarier: «Wer mit 40 oder jünger ins Parlament kommt, wird im Lauf der Jahre unweigerlich mit Sesselkleber-Vorwürfen konfrontiert. Nehmen wir das Beispiel unseres Präsidenten Brunner. Der kann gut und gerne auf 32 bis 36 Jahre in Bundesbern kommen.»

Der 33-jährige Christian Imark braucht nicht mehr Umweltschutz

Der 33-jährige Christian Imark braucht nicht mehr Umweltschutz

Da würden ja ganze Politikergenerationen im Wartsaal versauern, werfen wir ein und der Blick wandert zum 33-jährigen Imark, Fraktionschef im Solothurner Kantonsrat. Die Geduldsprobe scheint den Schwarzbuben nicht aus der Fassung zu bringen: «Ich bin der Meinung, dass wiederholt gut gewählte Politiker den Zeitpunkt ihres Rücktritts selber bestimmen dürfen.» Er sei mit 19 Jahren sehr früh ins kantonale Parlament gewählt worden und habe dort viel Erfahrung sammeln können, besonders in der Zeit als Ratspräsident. Nun sei es das erste Mal, dass er für den Nationalrat kandidiere. Das mit der Warterei sei also nicht halb so schlimm gewesen.

Zudem sollten Politiker nicht alleine auf eidgenössische Mandate fixiert sein: «Wir haben ebenfalls auf kantonaler Ebene interessante Positionen zu besetzen, bei denen gerade unsere Partei angesichts ihrer Wählerstärke durchaus noch Nachholbedarf hat.» Verstanden. Dann versuchen wir es anders. Wie sieht es mit einer Amtszeitbeschränkung aus, im Sinne von zwölf Jahre sind genug? Davon halten beide nichts, einhelliges Kopfschütteln. «Nehmen wir das Beispiel Wallis, da hat es immer wieder Leute mit viel Erfahrung, die in den besten Jahren abtreten müssen.

Wenn sie Pech haben, verpassen sie dann noch die Kurve in die Kantonsregierung», das könne man durchaus auch als Ressourcenverschwendung betrachten, findet Borer. Darauf bringt Imark den Vorschlag ein, dass die Hürden bei Nominationen ab Alter 65 erhöht werden sollten: «Weshalb nicht eine Zweidrittelmehrheit.» Kein Widerspruch vom Parteikollegen, der im kommenden Januar den Rentnerstatus erreicht.

Der 64-jährige Roland Borer setzt auf ein absolut strenges Rechtssystem

Der 64-jährige Roland Borer setzt auf ein absolut strenges Rechtssystem

Aber bitte meine Herren, gibt es denn nichts, wo ihr aneinandergeraten könnt? Kurzes Schweigen und Werweissen. Ganz offensichtlich haben sie politisch das Heu tatsächlich auf der gleichen Bühne. «Doch», platzt es aus Borer heraus, «du warst für den Gripen, ich für einen richtigen Flieger.»

Prognose für den 19. Oktober

Und, wie sieht die Prognose für den 18. Oktober aus? Christian Imark geht von zwei SVP-Sitzen aus, Roland Borer zweifelt ebenfalls nicht daran, dann schaut zu Imark und analysiert: «Christian dürfte bei den jüngeren Wählerinnen und Wählern punkten und ich mache mehr Stimmen bei den 50ern plus. Hauptsache wir machen viele Stimmen, wenn es ein Junger an meiner Stelle in die grosse Kammer schaffen sollte, werde ich ihm mit Freude gratulieren» – Worte des Langzeitnationalrats zu seinem designierten Nachfolger?