Lange Finger im Drogenrausch
Amtsgericht Olten-Gösgen: In der Schweiz aufgewachsenem Kosovaren droht wegen Einbrüchen Landesverweis

In der Schweiz aufgewachsenem Kosovaren droht wegen Einbrüchen Landesverweis.

Philipp Kissling
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Amtsgericht Olten-Gösgen, Olten.

Amtsgericht Olten-Gösgen, Olten.

Bruno Kissling

Volleyball, Basketball oder Unihockey mit den Mithäftlingen, Lesen alleine in der Zelle. So gestaltet Tariq (Name geändert) im Gefängnisalltag seine Freizeit. Zuletzt habe er ein Buch über Ex-Junkies gelesen. Wie die ehemaligen Drogensüchtigen vom Stoff losgekommen seien, wie sie in ein besseres Leben gefunden hätten und so weiter. Tariq ist selber ein Ex-Junkie, wenigstens fast, denn er ist nicht über den Berg. Er erhält Medikamente, die ihm den Weg in ein drogenfreies Dasein ebnen sollen. Der Weg ist holprig, aber Tariq hofft auf eine «neue Chance, um mich zu beweisen», sagte er zum Abschluss der Verhandlung vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen.

Sein Glück ist abhängig vom Entscheid des Gerichts in der Frage des Landesverweises. Die Staatsanwaltschaft fordert neben der Freiheits-strafe von 30 Monaten, einer Busse von 1500 Franken und einer stationären Massnahme einen fünfjährigen Landesverweis. Als kosovarischer Staatsangehöriger, der verurteilt wird, bräuchte Tariq einen triftigen Grund, um den Landesverweis abwenden zu können. Die Tatsache, dass er hier aufgewachsen und seine Geschwister hier leben, könnten Argumente sein. Das Gericht unter dem Vorsitz von Amtsgerichtspräsidentin Eva Berset könnte hingegen auch zum Schluss kommen, dass ihm ein Leben im Kosovo zuzumuten sei, da seine Eltern sich oft da aufhielten und er in der Vergangenheit selber Zeit dort verbrachte, um einen Drogenentzug zu machen. Dass Tariq verurteilt wird, scheint sicher, denn in den entscheidenden Punkten ist er geständig.

Die Anklage wirft dem 34-Jährigen im Wesentlichen folgendes vor: mehr-facher Diebstahl, räuberischer Diebstahl, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Verstösse gegen das Betäubungsmittelgesetz. Die Delikte passierten in Trimbach und fallen in den Zeitraum von September 2019 bis Januar 2020. Erst klaute er in einem Café einer Kellnerin das Portemonnaie, Deliktsumme 225 Franken. Dann brach er in das Gebäude einer sozialen Institution ein und entwendete Bargeld sowie Computer und Zubehör, Deliktsumme 3804 Franken. Anschliessend zeigte er sich selber bei der Polizei an und verbrachte drei Wochen in Untersuchungshaft. Ein paar Tage vor Weihnachten 2019 kam Tariq auf freien Fuss, um am 6. Januar 2020 gleich wieder zu delinquieren. Dieses Mal stieg er des Nachts durch das Kellerfenster in eine Trimbacher Liegenschaft. Doch die Hausbesitzer erwischten Tariq in flagranti, überwältigten ihn und alarmierten die Polizei. Seither sitzt er in Haft.

Der Staatsanwalt Elia Nesti bezeichnete in seinem Plädoyer den Beschuldigten als Wiederholungstäter. Seit 2006 sei Tariq ganze 29 Mal verurteilt worden. Nun sei eine stationäre Massnahme seine «letzte Chance». Bezüglich Landesverweis blieb Nesti hart, das öffentliche Interesse sei hier höher zu gewichten als Privatinteressen. Tariqs Verteidigerin Clivia Wullimann sieht für ihren Mandanten ebenfalls die letzte Chance gekommen. Bei einem Landesverweis aber wären die Anstrengungen, den Beschuldigten von den Drogen wegzubekommen, «für die Katz». Überdies verunmögliche der Landesverweis die Aufrechterhaltung des engen Kontakts zum älteren Bruder, dessen Unterstützung Tariq sich nach der Freilassung sicher sein könne. Der Antrag der Verteidigung lautet auf 18 Monate Freiheitsstrafe, wovon 9 Monate bedingt. Der Vollzug soll zu Gunsten einer stationären Massnahme aufgeschoben werden.

Zu einem milden Urteil könnte Tariq ausgerechnet seine zum Zeitpunkt der Delikte stark ausgeprägte Drogensucht verhelfen. Zu den Vorfällen befragt, beteuerte er, sich an nichts erinnern zu können: «Ich war mega im Drogenrausch.» Kokain, Heroin, Tabletten, das volle Programm. Die Verteidigerin verlieh der Schilderung zusätzlich Gewicht, indem sie sich an ihre Begegnung mit Tariq nach der Festnahme im Ja- nuar 2020 erinnerte: «Ich habe schon viele Drögeler vertreten, aber noch nie einen angetroffen, der so verladen war.»

Das Urteil wird den Parteien nächste Woche eröffnet.

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