Amtsgericht
Landsmann abgestochen: Ankläger fordert sechseinhalb Jahre Haft

Der zweite Tag im Prozess gegen den 64-jährigen türkischen Messerstecher von Grenchen stand ganz im Zeichen der Plädoyers. Die zentrale Frage: Hat der Türke vorsätzlich gehandelt?

Hans Peter Schläfli
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Der Türke verletzte mit einem Küchenmesser einen Landsmann - wegen einer Beleidigung. (Symbolbild)

Der Türke verletzte mit einem Küchenmesser einen Landsmann - wegen einer Beleidigung. (Symbolbild)

Keystone

Dass Onur K.* am 30. Januar 2010 im Streit seinen Landsmann Khan E.* mit einem Küchenmesser tief in die Seite gestochen und diesen dabei schwer verletzt hat, ist unbestritten (wir berichteten).

Die Frage am zweiten Verhandlungstag vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern lautete: War die Tat im Treppenhaus des türkischen Kulturvereins Grenchen ein vorsätzlicher Tötungsversuch, wie es Staatsanwalt Marc Finger in seinem Plädoyer beschrieb? Oder ein Notwehrexzess, wie Verteidiger Markus Jordi plädierte.

Eine wenig optimistische Prognose

Der forensische Psychiater Lutz-Peter Hiersemenzel beschrieb den 64-jährigen zucker- und herzkranken Türken am Dienstag als chronisch alkoholabhängig. Er attestierte dem teilinvaliden Angeklagten, der von der Sozialhilfe lebt, depressive Neigungen und eine verminderte Schuldfähigkeit. Seine Prognose fiel nicht eben optimistisch aus: «Ich sehe ein hohes Risiko für neue Gewalttaten, wenn es nicht gelingt, die Abstinenz aufrechtzuerhalten», sagte Hiersemenzel. Er empfahl die Behandlung bei einem türkisch sprechenden Psychiater.

«Die Abstinenz müsste durch Haaranalysen kontrolliert und die Depression nachhaltig medikamentös behandelt werden.» Das Fazit des Psychiaters: «Aus medizinischer Sicht wäre das Aufschieben der Freiheitsstrafe zugunsten einer Therapie wünschenswert, wobei die Androhung des Strafvollzugs im Falle des Scheiterns der Therapie helfen könnte.»

Der Staatsanwalt war anderer Meinung. Eine ambulante Massnahme mit strafaufschiebender Wirkung sei nicht angebracht, denn laut Bundesgericht müsse dies die absolute Ausnahme sein. Finger forderte einen Schuldspruch wegen versuchter, vorsätzlicher Tötung und eine Freiheitsstrafe von 6,5 Jahren. «Die therapeutische Massnahme soll vollzugsbegleitend angeordnet werden.»

Im Notwehrexzess zugestochen?

Verteidiger Markus Jordi setzte auf die unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen: «Der junge, kräftige Mann steht oben im Treppenhaus. Der alte, gebrechliche Mann unten. Er ist krass unterlegen.» Zuerst habe Khan E. seinem Mandanten einen Schlag aufs Auge versetzt, erst dann habe dieser das Messer hervorgeholt. «Er hatte Angst, mindestens eine ordentliche Tracht Prügel zu erhalten. Der Einsatz des Messers hatte nicht die Tötung zum Ziel, sondern diente nur der Verteidigung.»

Jordi bezeichnete die Tat als Notwehrexzess. Er forderte einen Freispruch wegen Verletzung des Anklagegrundsatzes: «In der Anklageschrift wird er als Angreifer dargestellt, und das stimmt nicht.»

Staatsanwalt Finger tat die Notwehrsituation als reine Schutzbehauptung ab. Onur K. sei dem Opfer sofort ins Treppenhaus gefolgt und habe es angegriffen: «Somit ist klar, dass er keine Angst hatte.» Die öffentliche Urteilseröffnung ist auf heute Mittwoch, 16 Uhr, angesetzt.

*Namen von der Redaktion geändert.