Schwarzbubenland
Nach zweitem Testversuch mit Lärmdisplay: Kanton wartet in Sachen Lärmschutz auf Bundesbern

Es sollte im Kampf gegen Lärmrowdys auf den Strassen einen Schritt weiter führen: Das Lärmdisplay, das im Solothurner Schwarzbubenland zu Testzwecken aufgestellt worden ist. Nach zwei Testphasen fällt die Bilanz eher durchzogen aus. Dafür beschäftigt sich mittlerweile auch die nationale Politik mit dem Thema.

Noëlle Karpf
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Zu schnell unterwegs – aber auch zu laut? Bei den Messungen in Metzerlen-Mariastein wurde auch dies gemessen.

Zu schnell unterwegs – aber auch zu laut? Bei den Messungen in Metzerlen-Mariastein wurde auch dies gemessen.

Oliver Menge

Das schweizweit erste Lärmdisplay steht im Solothurner Schwarzbubenland. Darüber berichtete diese Zeitung im Herbst 2019. Das Display gehörte zu einem Projekt des Bundesamts für Umwelt und sollte ein Baustein im Kampf gegen den Strassenlärm und Lärmrowdys darstellen. Die Anzeigetafel funktioniert wie die heute bereits verbreitete Geschwindigkeitsdisplays, die sich etwa mit Smiley bedanken, wenn man die Geschwindigkeit einhält und darauf aufmerksam machen, wenn man zu fest aufs Gaspedal drückt. Beim Lärmdisplay gibt's diese Rückmeldungen aber auf die Lautstärke der Fahrweise. Leise wird positiv, zu laut negativ gewertet.

Montiert wurde die Anlage in der Gemeinde Metzerlen-Mariastein, wo sich vermehrt Einwohnerinnen und Einwohner über Strassenlärm beklagt hatten. Im vergangenen Sommer wurde eine erste Bilanz über das Pilotprojekt gezogen. Diese fiel durchzogen aus. Darum wurde noch eine zweite Testphase durchgeführt.

Während drei Testphasen wurden an drei Messpunkten Messungen gemacht – zweimal ohne, einmal mit Display, das sich am Punkt D befand. Auf den blau markierten Strassenabschnitten ist 80 km/h signalisiert, auf der Dorfdurchfahrt gilt Tempo 50 km/h.

Während drei Testphasen wurden an drei Messpunkten Messungen gemacht – zweimal ohne, einmal mit Display, das sich am Punkt D befand. Auf den blau markierten Strassenabschnitten ist 80 km/h signalisiert, auf der Dorfdurchfahrt gilt Tempo 50 km/h.

Zvg

Bei 50 km/h lag die Geschwindigkeitsgrenze, bei 83 Dezibel der maximale Lärmpegelwert. Die Ergebnisse: Rund ein Drittel der Töffs und ein Viertel der Autos wurden mit zu hoher Geschwindigkeit gemessen. Zu laut waren nur fünf Prozent der Motorräder und ein Prozent der Autos.

Auch wenn das Thema in der Gemeinde stark bewegt, es sind nur einzelne «Ausreisser», die wirklich Lärm machen, wie auch Gemeinderat Daniel Renz festhält. Aber, und das hat Renz auch schon früher betont: Lärm – und Lärmempfinden – sind eben auch was Subjektives. Und grade Strassenlärm führt so öfters zu Diskussionen.

20 000 Franken Kosten - und der Nutzen?

Diese werden auch nicht so schnell beendet – zumindest nicht durch das Lärmdisplay. Von einer «geringen» aber «erwünschten» Wirkung ist im Bericht die Rede. In einzelnen Fällen konnte eine Lärmreduktion aufgrund des Displays festgestellt werden.

«Das Display bringt also etwas», sagt Renz, «es ist aber sicher nicht die Massnahme, die das Problem Strassenlärm alleine lösen kann.» Ein Lärmdisplay würde in Metzerlen-Mariastein Stand jetzt nicht weiter eingesetzt, auch weil es gemessen am Nutzen eher teuer ist. Rund 20'000 Franken kostet die Installation.

Ähnlich tönt es von Seiten Kanton. Rolf Müller, Leiter Lärm- und Schallschutz beim kantonalen Amt für Verkehr und Tiefbau, schreibt zwar auch, dass die Wirkung des Displays laut Projektbericht in die richtige Richtung gehe. Aber:

«Das eingesetzte Messsystem dürfte teuer sein. Wieweit dieses System einen Nutzen bringt, ist schwierig abzuschätzen.»

Euphorie kommt also kaum auf. Weiterverfolgen wollen die Sache aber Kanton und Gemeinde.

Das heisst im Moment etwa: auf den Bund warten. Eine noch nicht abschliessend behandelnden Motion fordert vom Bundesrat, dass er ein «Massnahmenpaket» und Gesetzesänderungen erarbeitet, damit «übermässige Lärmemissionen im Strassenverkehr einfacher und stärker sanktioniert werden können».

Stand heute ist zu lautes Fahren zwar schon verboten, wirklich etwas dagegen unternehmen kann man nicht. Die Polizei kann zwar Fahrzeuge oder Fahrausweise sicherstellen – wenn sie im richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort Lärmrowdys erwischt. Flächendeckend gegen Autoposer vorgehen kann man so nicht. Laut der erwähnten Motion soll auch aufgezeigt werden, «mit welchen Instrumenten der Bund die Vollzugstätigkeit unterstützen kann, insbesondere durch die Entwicklung und den Einsatz von Lärmblitzern, und welche rechtlichen Grundlagen dafür notwendig sind».

Die Motion wird als Nächstes vom Ständerat behandelt. Ein Teil der Forderungen ist auch, dass der Bund die Kantone in der Sache mehr unterstützt. «Wir hoffen, klare Vorgaben zu erhalten», kommentiert Müller. Und auch Renz aus Metzerlen-Mariastein schreibt, dass derzeit «auf politischer Ebene noch Hoffnung» bestehe, dass es im Kampf gegen Strassenlärm vorwärts gehe.

181 Anzeigen gegen Autoposer

«Das sogenannte Posen mit leistungsstarken Fahrzeugen und die damit verbundenen Lärmemissionen sind in breiten Bevölkerungskreisen ein Ärgernis.» So steht es in der Verkehrsstatistik 2020 der Kantonspolizei Solothurn. Das Phänomen habe sich in den letzten Jahren verstärkt, habe während des Corona-Lockdowns 2020 jedoch «gesamtschweizerisch eine neue Dimension» erreicht. Im Kanton habe man die Zusammenarbeit zwischen Staatsanwaltschaft, Motorfahrzeugkontrolle und Polizei verstärkt. Letztes Jahr gab es laut Statistik 181 Strafanzeigen gegen Autoposer – 105 davon wegen «Verursachen von unnötigem Lärm». (nka)